EM 2012

Joachim Löw – "Die Zeit ist reif, gegen Italien zu gewinnen"

Noch nie hat Deutschland gegen Italien bei einer EM oder WM gewonnen. Der Trainer ist sich aber sicher, dass es seine Elf schaffen kann.

Foto: pixathlon

Erst mal einen Espresso, ohne den geht bei Joachim Löw nichts. Während des Gesprächs bedient er sich zweimal an der Kaffeemaschine, die im Mannschaftshotel des Nationalteams aufgebaut ist. Mit Spannung hat er abends zuvor beobachtet, wie die Italiener die englische Mannschaft im Elfmeterschießen ausgeschaltet hat. Italien wird am Donnerstag also versuchen, dem deutschen Team den Einzug ins Endspiel zu vermasseln. Das ist der Squadra Azzurra vor sechs Jahren schon einmal gelungen. Schon damals war Löw dabei, als Assistent von Jürgen Klinsmann, den er nach dem Turnier als Bundestrainer beerben sollte. Lars Wallrodt, Lars Gartenschläger und Julien Wolff sprachen mit Löw.

Morgenpost Online: Herr Löw, Hand aufs Herz, was war Ihr erster Gedanke, als Italien als Halbfinalgegner feststand? Haben Sie an das spät in der Verlängerung verlorene Halbfinale 2006 gedacht, das das deutsche Sommermärchen beendet hat?

Joachim Löw: Nein, überhaupt nicht. Ich habe an den Februar 2011 gedacht, als wir 1:1 gegen die Italiener gespielt haben. Was wir da erlebt und gesehen haben, ist das neue Italien. Das hat nicht mehr viel gemeinsam mit dem Italien von früher. Die Italiener haben unter Cesare Prandelli auf einen ganz anderen Stil umgestellt. Sie spielen jetzt viel offensiver als man es von einer italienischen Mannschaft gewohnt ist.

Morgenpost Online: Was sagen Sie zum gelupften Elfmeter von Andrea Pirlo im Elfmeterschießen gegen England?

Joachim Löw: Überragend gut gemacht. So etwas zu machen in einer Situation, wenn die Mannschaft im Elfmeterschießen hinten liegt – echt überragend.

Morgenpost Online: Dürften Ihre Spieler so etwas auch versuchen?

Joachim Löw: Wenn der Ball reingeht, immer. Normalerweise ist der Versuch, den Ball in die Mitte zu schießen, ja eine sichere Variante. Von Pirlo war es einfach ein starkes Signal: Wir können hier noch mal zurückkommen! Die Engländer haben ja prompt den nächsten Ball an die Latte geschossen. Dem Schützen Ashley Young hat man die Verunsicherung vorher schon angesehen.

Morgenpost Online: Ist Italien der deutsche Angstgegner? Von sieben Spielen bei großen Turnieren wurde keines gewonnen, alle drei K.o.-Spiele gingen verloren.

Joachim Löw: Es stimmt, dass wir uns immer schwer getan haben gegen die Italiener. Aber diesmal wird es anders sein. Die Zeit ist jetzt reif, auch mal gegen Italien zu gewinnen.

Morgenpost Online: Trainer Prandelli hat die Favoritenrolle Ihrer Mannschaft zugeschoben. Unter anderem, weil Ihre Spieler zwei Tage mehr Regenerationszeit haben.

Joachim Löw: Ich habe bislang keine körperlichen Mängel bei den Italienern festgestellt. Sie haben gut gespielt. Auch im Viertelfinale gegen England waren sie das klar dominantere Team. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie schlapp und nicht gut drauf sind. Sie haben vier Tage Zeit zum Regenerieren, das sollte ausreichen. Ich sehe uns also nicht klar in der Favoritenrolle.

Morgenpost Online: Sind das also taktische Spielchen von Prandelli?

Joachim Löw: Weiß ich nicht, interessiert mich auch nicht. Prandelli hat mal gesagt, man müsse sich am deutschen Team orientieren, offensiver spielen und einen Wechsel bei der Altersstruktur vollziehen, mehr junge Spieler einsetzen. Das ist ihm gut gelungen, darum gibt es keinen ausgesprochenen Favoriten im Halbfinale. Italien hat eine sehr homogene Mannschaft mit einer weiterhin guten Defensive und mittlerweile auch starken Offensivleuten.

Morgenpost Online: Einer dieser Offensivleute ist Mario Balotelli, der kein Fettnäpfchen auslässt. Nach seinem Tor gegen Irland mussten die Mitspieler ihm den Mund zuhalten, weil er seinen Trainer beschimpfen wollte. Hätte so jemand Chancen, ins deutsche Team zu kommen?

Joachim Löw: Das weiß ich nicht. Ich kenne ihn ja nicht, lese auch nur die Geschichten in den Zeitungen. Um diese Frage seriös beantworten zu können, müsste ich ihn persönlich kennen. Fußballerisch ist er sehr gut. Schnell und torgefährlich. Ein Ausnahmekönner, extrem gut.

Morgenpost Online: Aber offenbar ein schwieriger Charakter.

Joachim Löw: Ja, offenbar ist er jemand, der Dinge macht, die ein Trainer sich nicht unbedingt wünscht. Ich glaube aber, dass das Verhältnis zwischen Prandelli und Balotelli grundsätzlich in Ordnung ist.

Morgenpost Online: Traurig wirken Sie trotzdem nicht, dass so jemand in Ihrem Kader fehlt.

Joachim Löw: Natürlich ist es ein wichtiger Punkt in der Auswahl unserer Spieler, eine homogene Mannschaft zusammenzustellen. Aber das heißt nicht, dass bei uns für spezielle Typen kein Platz ist.

Morgenpost Online: Experten unken über das fußballerische Niveau der EM. Stimmen Sie zu, dass es bisher nicht das ganz große Spektakel ist?

Joachim Löw: (überlegt) Das ist im Moment für mich noch schwer einzuordnen. In der Vorrunde haben wir schon Mannschaften gesehen, die vom Niveau her deutlich abgefallen sind. Eine Mannschaft wie Russland ist ausgeschieden, von der ich es nie erwartet hätte. Dafür hat Griechenland, das sicher nicht allerhöchste Qualität hat, es ins Viertelfinale geschafft. Das Tempo in den Viertelfinalspielen fand ich auch hoch. Insgesamt würde ich sagen, dass Niveau ist gut, aber nicht spektakulär.

Morgenpost Online: Ihre Mannschaft hat die Vorrunde ohne Punktverlust überstanden, hat beim 4:2 gegen Griechenland überzeugt. Sind Sie rundum zufrieden?

Joachim Löw: Es gab in jedem Spiel gewisse Kritikpunkte. Auch gegen Griechenland, wo wir ohne Druck des Gegenspielers fünf, sechs Fehlpässe gespielt haben, die zu gefährlichen Situationen hätten führen können. Auch vor den beiden Gegentoren sahen wir nicht so gut aus. Insgesamt hätte ich mir öfter gewünscht, dass wir früher rauf gehen, den Gegner noch mehr unter Druck setzen. Die Bewegung nach vorn war gegen Griechenland allerdings viel besser als zuvor gegen Dänemark. Es gibt also kleine Dinge, die wir verbessern können, aber mit vier Siegen bin ich natürlich zufrieden.

Morgenpost Online: Von den angesprochenen Fehlpässen gingen die meisten auf das Konto von Bastian Schweinsteiger. Er äußerte sich im Interview mit „Morgenpost Online“ sehr selbstkritisch, verriet aber auch, dass sein lädierter Knöchel ihm noch zu schaffen macht. Wie steht es um ihn?

Joachim Löw: Er hatte jetzt zwei Tage Pause, der Knöchel macht jetzt weit weniger Probleme. Grundsätzlich stimmen seine Ausdauerwerte, da gibt es nichts zu bemängeln. Er kann lange Wege gehen. Was ihm gefehlt hat in den letzten Spielen, war die Handlungsschnelligkeit und die Dynamik. Da müssen wir in den nächsten Tagen dran arbeiten. Da müssen wir einen Reiz setzen.

Morgenpost Online: Er hat auch gesagt, er würde sich auf die Bank setzen, wenn Sie so entscheiden würden. Erwägen Sie so etwas?

Joachim Löw: Nein. Wenn sein Fuß keine Probleme macht, verzichte ich nicht auf ihn. Wenn er aber in den kommenden Tagen nur reduziert trainieren kann, würde ich mir schon meine Gedanken machen.

Morgenpost Online: Sie haben gegen Griechenland überraschend Lukas Podolski und Thomas Müller auf die Bank gesetzt. Wie viele Ihrer Spieler sind unersetzbar?

Joachim Löw: Da werde ich Ihnen jetzt keine Liste erstellen. Ich bin froh, dass wir letztendlich jeden Spieler ersetzen können – zumindest in manchen Momenten und in gewissen Spielen. In einem anderen Spiel hätte ich vielleicht andere Spieler eingesetzt. Das mache ich immer von der Situation abhängig. Gegen Griechenland war es die richtige Entscheidung, mit Marco Reus und Andre Schürrle zwei Spieler zu bringen, die ein Stückweit andere Qualitäten haben als Podolski und Müller.

Morgenpost Online: Wie lief der Entscheidungsprozess ab vor diesen spektakulären Änderungen?

Joachim Löw: Nach dem Dänemark-Spiel habe ich gedacht: Was machst du jetzt? Wir hatten uns schwer getan, und ich hatte schon früh den Plan, offensiv andere Akzente zu setzen. Als dann der Gegner Griechenland feststand und ich natürlich sofort wusste, wie die Griechen in etwa spielen, wurden die Pläne konkreter. Die Griechen verteidigen ja nur. Die Räume sind ganz, ganz eng. Es gibt wenig Tiefe, wir müssen auf engem Raum gut kombinieren. Was für Spielertypen brauchen wir dafür? Zum Beispiel Marco Reus: klein, beweglich, für den Gegner schwer zu fassen. Andre Schürrle, ein Eins-Gegen-Eins-Spieler. Miroslav Klose, ein Kombinationsspieler, mehr noch als Mario Gomez. Ich wollte drei ganz offensive Leute vorn drin haben.

Morgenpost Online: Vier Wechsel vor einem Spiel sind ja nicht unbedingt üblich, Sie sind ein Risiko eingegangen. Haben Sie sich die Frage gestellt, was passiert, wenn es schiefgeht?

Joachim Löw: Das war für mich doch kein Risiko. Ich sehe die Spieler hier im Training und weiß, dass ich ihnen vertrauen kann. Man muss mal von diesem Gedanken wegkommen, dass ein Trainer immer Angst davor hat, was im Nachhinein möglicherweise passiert. Ich werde ja häufig gefragt, was passiert, wenn dies und jenes geschieht, was passiert, wenn wir ausscheiden? Hätten wir gegen Griechenland verloren, hätte es doch eh Kritik gegeben.

Morgenpost Online: Wie lange können Sie sich als Trainer schon davon abkoppeln?

Joachim Löw: Sicherlich braucht man dafür eine gewisse Erfahrung. Ich habe schon früher viel von Trainern gehalten, die Mut zum Risiko hatten. Es war immer mein innerer Drang, so als Trainer zu sein. Ich gehe gern Risiken ein. Weil ich finde, dass das nicht schlimm ist.

Morgenpost Online: Aber Sie wissen, dass es Sie angreifbar machen könnte.

Joachim Löw: Ich bin doch sowieso angreifbar. Egal, was ich mache. Aber das ist eben so, damit muss ich leben: Trainer machen nun mal auch Fehler. Doch was die Wechsel hier bei diesem Turnier betrifft, habe ich mir im Vorfeld schon bei der Auswahl der Spieler viele Gedanken gemacht. Ich habe überlegt, wen ich wann für welche Situation gebrauchen kann. Und ich kann schon sehr gut einschätzen, wer unsere Ideen gut umsetzen kann. Deswegen habe ich keine Angst, einen Spieler wie Marco Reus zu bringen. Deshalb habe ich ihn doch mitgenommen.

Morgenpost Online: Wie haben Sie es Spielern wie Lukas Podolski oder Thomas Müller beigebracht, dass sie nicht spielen?

Joachim Löw: Beide haben das sehr professionell aufgenommen. Weil sie selbst auch gespürt haben, dass sie noch etwas Luft nach oben haben. Mario Gomez war vielleicht etwas enttäuschter. Er hatte zuvor drei Tore erzielt und hatte in diesem Moment zu 100 Prozent erwartet, dass er spielt. Aber auch er hat akzeptiert, dass er nicht spielt.

Morgenpost Online: An der Risiko-Freude welches Trainers haben Sie sich orientiert?

Joachim Löw: Als Spieler hatte ich in der Zweiten Liga sehr viele Trainer, die darauf bedacht waren, dass die Mannschaft keine Fehler macht. Das hat mich immer wahnsinnig geärgert, dieses unglaubliche Sicherheitsdenken. Ich war dadurch immer blockiert. Ich bin daher jemand, der gern im Spiel ein gewisses Risiko eingeht. Auch bei Personalentscheidungen. Schon als Spieler war es mir ein Bedürfnis, ein hohes Risiko zu gehen und Freude zu haben. Durch Risiko und Mut entwickeln wir uns weiter, Veränderungen sind gut. Die Mannschaften, die heute nur Sicherheitspässe spielen, kommen im Fußball nicht mehr weiter. Das hat sich meiner Meinung nach in den vergangenen Jahren bestätigt. Ich möchte, dass meine Spieler risikofreudig sind und viel in die Offensive investieren. Auch unsere Innenverteidiger sollen Risikopässe spielen, vertikal und nicht in die Breite. Andernfalls könnte ich da sogar mitspielen. Den Ball zum nächsten Mann spielen, kann ich auch noch. (lacht)

Morgenpost Online: Planen Sie im Halbfinale ähnliche Überraschungen wie im Viertelfinale?

Joachim Löw: Es gibt einen Matchplan, natürlich. Er wird unsere Spielweise aber nicht gravierend verändern. Denn gegen Italien wird entscheidend sein, dass wir unser Spiel machen und unsere Philosophie umsetzen. Die Frage ist: Welche Spieler sind dafür geeignet? Ich überlege schon jetzt: Welche Schwächen hat Italien? Und wer von uns kann die am besten ausnutzen? Lassen Sie sich überraschen.

Morgenpost Online: Geht es im Falle des EM-Sieges zur Feier nach Berlin?

Joachim Löw: Ich habe mit Oliver Bierhoff darüber noch nicht gesprochen, es wird noch Gespräche geben.