Fußball-EM

Hummels gibt gegen Portugal den Taktgeber der Deutschen

Die deutsche Abwehr wirkt bei ihrem Auftaktspiel eingespielt und sicher. Dortmund-Verteidiger Mats Hummels macht ein starkes Spiel.

Die schwarzen lockigen Haare hatten noch nicht die rechte Fasson, die Gesichtszüge trugen deutliche Zeichen von Übernächtigung.

Klar, Mats Hummels kam nach seinem starken Auftritt beim 1:0-Auftaktsieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal in Lwiw wie seine Kollegen erst in den frühen Morgenstunden des Sonntags zur Ruhe. Die war dann entsprechend kurz gewesen, als er sich im Medienzentrum des EM-Quartiers der deutschen Nationalmannschaft der Öffentlichkeit stellte.

Der 23-Jährige vom deutschen Meister und Pokalsieger Borussia Dortmund hatte nicht nur allen gezeigt, was er kann. Indem er seine überragende Form beim BVB und seine außergewöhnlichen Fähigkeiten gegen die Portugiesen endlich im DFB-Trikot auf den Platz brachte, hat er offenbar auch gleich mehrere Fragen im Defensiv-Verbund gelöst.

Wer ist zweiter Innenverteidiger neben Holger Badstuber? Mats Hummels. Wer ist Rechtsverteidiger? Jerome Boateng. Ist die Vierer-Abwehrkette eine Problemzone? So, wie es nach dem Portugal-Spiel aussieht, nicht mehr.

Hummels wechselt auf die rechte Seite der Innenverteidigung

„Man sollte nach einem guten Spiel nicht alles positiv sehen, genauso wenig, wie man nach einem schlechten Spiel nicht alles negativ sehen sollte“, sagte Hummels mit Blick auf das 3:5 im Test in der Schweiz, wo er schlecht spielte.

Der in Bergisch Gladbach geborene und in München aufgewachsene Profi ist ein intelligenter junger Mann. Das spiegelt sich in seiner Art zu verteidigen wider, aufgrund seiner Klasse kann er auch ungewohnte Situationen bewältigen. Er spielte neben Badstuber, wobei er sich umgewöhnen musste. Denn anders als im Verein musste er auf die rechte Seite der Innenverteidigung ausweichen. Hummels war bei jedem Kopfballduell präsent, hatte immer einen Fuß dazwischen und wurde von Minute zu Minute dominanter.

„Dass er mit Rückenwind aus der Saison kam und Spielpraxis hat, hat mich dazu bewogen, ihn aufzustellen. Mats Hummels hat es sehr gut gemacht“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. Er hatte anfangs auch Kritik am Spiel des BVB-Führungsspielers, der das erste von nun 15 Länderspielen im Mai 2010 gegen Malta in Aachen bestritten hatte, geübt. Dabei ging es um die „langen Bälle“.

Die darf und soll Hummels bei den Dortmundern spielen, aber im DFB-Team sind sie strikt untersagt. Er würde sie schon lange gar nicht mehr spielen, sagte Hummels. Beim Freundschaftsspiel gegen die Niederlande im November 2011 habe er „in der 90. Minute einen langen Ball“ geschlagen. Das wäre eine Ausnahme gewesen, aber das Thema sei sofort wieder aufgebrandet.

Hummels spielt gegen Portugal wie ein Taktgeber

Gegen Portugal ging es aber um mehr als die individuelle Leistung von Hummels, der „nervöser war als bei einem Bundesligaspiel“. Der beim FC Bayern ausgebildete BVB-Profi spielte wie ein Taktgeber. Er hielt vieles zusammen, Nationalkeeper Manuel Neuer konnte sich auf die Verhinderung der wenigen portugiesischen Großchancen konzentrieren, Badstuber und Kapitän Philipp Lahm auf ihre linke Seite. Und Boateng lieferte laut Lukas Podolski eine „Superleistung“ ab: „Er hat Cristiano Ronaldo aus dem Spiel genommen.“

Hummels wollte nichts von alldem wissen. „Den Abwehrchef gibt es nur in der Öffentlichkeit. Die Abwehrspieler sehen das so, dass sie gleichberechtigt sind“, sagte er. Der Leidtragende dieses Auftritts war Per Mertesacker, der von vielen in der Anfangsformation erwartet worden war. „Es war doch von Anfang an klar, dass es harte Entscheidungen geben wird. Und damit muss man umgehen können. Das ist eine neue Situation für mich“, sagte Mertesacker, der seit Februar wegen einer Verletzung kein Pflichtspiel bestritten hatte.

Auch der 27-Jährige vom FC Arsenal hat wohl im Moment das Gefühl, dass der Test gegen Israel sein vorerst letztes von nun 81 Länderspielen war. „Ich glaube, die Mannschaft, die gespielt hat, hat gute Argumente, auch beim nächsten Spiel wieder aufzutreten“, sagte er zum anstehenden Spiel gegen die Niederlande. Hummels hat wohl den Sprung zum Stammspieler geschafft.