1:0 gegen Portugal

Deutschland zittert sich mit Gomez-Tor zum Auftaktsieg

Mit viel Glück, einem überragendem Mats Hummels und einem Tor durch Mario Gomez gelingt dem Löw-Team der glanzlose Sieg gegen Portugal.

Die Auswechslung stand kurz bevor. Der glücklose Mario Gomez sollte durch Miroslav Klose ersetzt werden. Der deutsche Stürmer stand schon an der Seitenlinie. Doch dann kam es zu diesem magischen Moment in der 72. Minute. Gomez traf und bescherte dem deutschen Team ein 1:0 im ersten EM-Gruppenspiel gegen Portugal. „Wichtig ist, dass wir heute gewonnen haben. Es gehört harte Arbeit dazu. Es war wie in der Sauna hier. Wichtig ist, dass die Mannschaft gewonnen hat. Es geht nur über die Mannschaft“, sagte Kapitän Philipp Lahm.

Die Aufstellung des Teams war schon eine Überraschung. Statt, wie allgemein erwartet, Klose aufzubieten, baute Bundestrainer Joachim Löw auf den Stürmer des FC Bayern. Klose war am Spieltag 34 Jahre alt geworden. Es war ganz sicher kein erbaulicher Ehrentag für ihn. Dabei hatte Löws Assistent, Hansi Flick, noch am Vortag der Partie gegen die Portugiesen die vermeintliche Lösung mit dem Routinier publik gemacht. „Miro hatte nicht die Spielpraxis in den letzten Monaten, aber er hat im Training gezeigt, dass er bereit für das Turnier ist“, sagte Flick. Wie sich herausstellte, war es wohl nur ein Täuschungsmanöver, um die Portugiesen zu verwirren. Denen wurde zumindest gleich mal Respekt eingeflößt. Mit einem Kopfball nach nicht einmal zwei Minuten hatte Gomez die erste Chance zur Führung für die deutsche Mannschaft.

Boateng nutzt Bewährungschance

Die wurde noch auf einer weiteren Position umgestellt, in der Abwehr setzte der Bundestrainer Per Mertesacker auf die Ersatzbank, für ihn spielte Mats Hummels vom Meister und Pokalsieger Borussia Dortmund. Das zumindest war keine große Überraschung, im Gegensatz zu Hummels hat Mertesacker durch seine langwierige Verletzung noch nicht die nötige Spielpraxis und Wettkampfhärte. Löw war das im Laufe der Vorbereitung bewusst geworden. Selbst Jerome Boateng bekam die Chance zur Bewährung. Sein nächtliches Treffen mit Ex-Topmodel Gina-Lisa Lohfink am Tag vor der Abreise nach Polen blieb ohne Konsequenzen.

Boatengs Aufgabe war keine kleine, denn über seine rechte Seite stieß der portugiesische Superstar Cristiano Ronaldo vor. Der hatte vor dem Spiel sein Haar ganz besonders sorgfältig gescheitelt, das Wachs zähmte es das ganze Spiel über und ließ es glänzen. Er selbst trat in der 18. Minute erstmals in Erscheinung. Ein Übersteiger links, einer rechts und schon war Boateng überwunden. Nur Ronaldos scharf geschossene Hereingabe in den Strafraum fand keinen Abnehmer. Glück für die deutsche Mannschaft, die bis dahin nicht recht etwas zustande brachte. „Jeder weiß, was Cristiano Ronaldo für eine Klasse hat. Wir haben das als Mannschaft gut gelöst. Ganz ausschalten kann man ihn nicht“, sagte Boateng nach der Partie: „Die Kritik von Joachim Löw hat mich beflügelt, die ganze Mannschaft stand hinter mir. Das Thema ist abgehakt.“

Doch es fehlte Löws Mannschaft an Abstimmung, es fehlte an Tempo und überraschenden Aktionen. Selbst die fortwährend von den deutschen Anhängern bei Eckbällen auf portugiesische Spieler geworfenen Papierkugeln irritierten den Gegner nicht. Und mit den gelegentlichen offensiven Vorstößen brachte die deutsche Angriffsabteilung die Portugiesen auch nicht aus der Ruhe. Insbesondere Gomez und Thomas Müller fanden überhaupt keine Bindung zu ihren Mitspielern. „Wir müssen noch einiges optimieren, keine Frage“, sagte denn auch Bundestrainer Löw: „Wir müssen uns weiter verbessern, das Turnier hat jetzt begonnen. Und wir müssen uns mehr Chancen erarbeiten.“

Dabei müssten alle deutschen Akteure eigentlich in bester Verfassung sein. Immer wieder wurde der gute Fitnesszustand hervorgehoben. Was sich jedoch im ersten Abschnitt der Partie abspielte, war für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich: Seit Langem war mal wieder ein schwacher Auftritt bei einem großen Turnier zu beklagen. Ob es an den äußeren Bedingungen lag? Lahm jedenfalls monierte: „Es war wie in der Sauna hier.“

Pepe trifft nur das Lattenkreuz

Löw haderte und zeterte zum Ende der ersten Halbzeit an der Seitenlinie – und musste dann auch noch durchatmen. Ein Schuss des portugiesischen Verteidigers Pepe aus rund elf Metern sprang von der Unterkante der Latte auf die Torlinie und erst von da aus der Gefahrenzone (45.). Der französische Schiedsrichter Stephane Lannoy entschied, dass es kein Treffer war, und lag damit richtig. Später sprach Portugals Trainer Paulo Bento von einem ungerechten Ergebnis: „Wir wurden vom Pech und von fehlender Treffsicherheit bestraft.“

Umso erstaunlicher war nach der dürftigen Vorstellung, dass Löw zu Beginn der zweiten Halbzeit keine personellen Konsequenzen zog. Er vertraute erst einmal der Startelf, sie spielte also quasi auf Bewährung. Wie schon in der ersten Hälfte ging es gleich zu Beginn turbulent zu, ein Angriffsversuch brachte die Portugiesen in Verlegenheit und stürzte deren Hintermannschaft in heillose Unordnung. Doch er verfing sich wieder nicht im Tor.

Das fiel nach viel Leerlauf erst in der 72. Minute. Nach Flanke von Sami Khedira sprang Gomez am höchsten und traf per Kopf zum 1:0. Erleichterung machte sich breit – und am Ende Glücksgefühle. Mit etwas Dusel war der Auftakt gelungen. Am Sonntag dürfen die Spielerfrauen erstmals ihre Männer im Teamhotel in Danzig besuchen. Es dürfte ein entspannter Tag werden.

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