Public Viewing

So feiert die Berliner Fanmeile den Sieg der Deutschen

Rund 350.000 Menschen sind auf der Fanmeile am Brandenburger Tor beim Auftaktsieg der deutschen Nationalmannschaft dabei.

Es ist wie beim Wellenreiten. Da muss man paddeln bis die Arme schmerzen. Man wird sich ärgern, wenn ein anderer Surfer die beste Welle wegschnappt. Aber er wird kommen, dieser Moment, in dem alles richtig ist. Das Wasser türmt sich auf, das Brett unter den Füßen gleitet. Man fliegt.

„So ist das auch beim Fußballschauen in einem Meer von Menschen“, sagen Paulo und Acostinho aus Lissabon. In ihrer Heimat kann man gut wellenreiten. Aber sie sind extra nach Berlin gekommen, um das Spiel ihrer Mannschaft mit den Deutschen zu teilen, wie sie sagen. Und selbst wenn das Team der beiden verliert, sie nicht die perfekte Welle erwischen, auch dann ist es wie beim Surfen. „Dann hatte man wenigstens einen schönen Tag am Meer“, sagt Paulo.

Sie stehen auf der Fanmeile, das Brandenburger Tor im Rücken, halten die rot-grüne Flagge ihres Landes in die Sonne. „Portugal hat die besseren Spieler. Aber Deutschland das bessere Team.“ Für sie ist das hier eine Mannschaftsleistung. Von rund 350.000 Fußballfans.

„An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit“

„An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit“, schallt aus den Boxen, dieser Deutschrocksong von den Toten Hosen. Schon um 15.30 Uhr riecht es nach Grillwurst. Es ist diese Mischung aus Freude und Anspannung, das Ziehen im Magen, wie es nur Fußballfans vor einem wichtigen Spiel kennen. „Die ersten Spielminuten sind immer eklig“, sagt Hendrik, Sportstudent aus Spandau. Man wisse nicht, ob die Mannschaft ins Spiel komme. Das ist, als ob der Boden unter den Füßen wackelt. „Da tut es gut, unter vielen Menschen zu sein.“ Man kann sich festhalten an der Menge. Er spricht als ahne er, dass es kein leichtes Spiel wird.

Aber festhalten, bei Anhängern des Gegners? Im Stadion stehen die Fans getrennt, auf dem Fanfest alle zusammen. Holland spielt auch an diesem Tag. Deutsche und holländische Fans, deren Treffen haben leider nicht immer den Charme einer Party am Strand. „Orange, hier kommt die Müllabfuhr“, singt ein Grüppchen deutscher Fans. Irgendwo explodiert dumpf ein Feuerwerk. Eines der wenigen heute. Orange trägt ja Holland, sie liegen 0:1 hinten. Auch Henrik aus Amsterdam hört das mit der Müllabfuhr. Er dreht sich zu Julia um, seiner Freundin im Deutschland-Trikot. Er übernachtet bei ihr. Sie übersetzt. Er schüttelt den Kopf und grinst.

Nachmittags, auf der Bühne, hat Paul Breitner gesprochen, der 1974 einen wichtigen Elfmeter für die Nationalelf verwandelte. Er sagt: „Hätte ich daneben geschossen, würde ich heute nicht hier sitzen.“ Bastian Schweinsteiger hat gerade einen wichtigen Elfmeter im Finale der Championsleague vergeben. Viele fragen sich, ob Schweinsteiger es bringt in diesem Turnier.

20:45 Uhr, kurz vor Anpfiff: Die Straße des 17. Juni glitzert schwarz-rot-gold. Ein Meer aus Flaggen, das, so scheint es, auch die Zweifel an Schweinsteiger wegspült.

Nationalhymne. Eine Gruppe aus Irland singt mit. Sie haben sich Schnauzbärte in den Deutschlandfarben gemalt. Sie erinnern ein bisschen an die Komiker von Monty Python. Dann der Anpfiff. Die Jagd der Nationalelf auf den Titel beginnt. Doch der Zweifel kehrt zurück.

Es ist recht still, als die Portugiesen den Ball unter die Latte des deutschen Tores knallen. Vielleicht ist das der Moment für jeden Fan, sich an der Menge festzuhalten. Dann heben sich die ersten Köpfe in den blauen Abendhimmel, irgendwo lacht einer. „Nichts passiert“.

Vorteil: Die Lautstärke

Die Ruhe vom Nachmittag ist verflogen. Da sprach Adam, 42, noch über Erfolg und Leid. Er spielt Libero beim HSV. Nicht beim großen Club aus Hamburg, sondern beim Hambacher SV. Kreisliga. Adam ist mit seiner Mannschaft gekommen. Mit Daniel, dem Torwart. Stefan, dem Trainer, Markus, dem Verteidiger. Der Libero ist verschwunden aus dem Profifußball, heute geht es um Abwehrketten. Es ist der Spieler, der sich frei auf dem Feld bewegen darf, der alles gewinnen und alles verlieren kann. „Ganz unten“, sagt Adam, „dort, wo wir spielen, da lebt der Libero noch.“ Franz Beckenbauer hat ja den Libero gespielt.

Das Stichwort reicht, damit die HSV-Jungs anfangen zu singen: „Gute Freunde kann niemand trennen / Gute Freunde sind nie allein“. Das sei auch der Vorteil beim Public Viewing: Die Lautstärke. „Man kann seinen Ärger einfach rausbrüllen“, sagt Daniel, der Torwart. Im Wohnzimmer ist zu wenig Platz. „Dort tritt man hilflos gegen das Sofa.“

So kommt es später dann auch, als Podolski den Ball aus kurzer Entfernung hoch über das portugiesische Tor haut. Die Energie entlädt sich in einem Schrei aus Hunderttausenden Kehlen.

Es ist ja so: Die Deutschen hatten ihr Sommermärchen 2006. Und wer die Bilder aus Warschau gesehen hat, vom Public Viewing dort, der ahnt: Dieses Jahr erleben die Polen ihr Sommermärchen. Der Start der Mannschaft war zwar verkorkst, das Spiel gegen Griechenland ein schwaches 1:1. Aber die polnischen Fans waren heiser vom Schreien, sie strahlten in die Kameras. Sie sind im Fieber der Masse.

„Ein dramaturgisches Kunstwerk“

Fiebrig ist die Stimmung in Berlin noch nicht, am Anfang der EM. In der 56. Minuten würde Ulf gerne ein Bier trinken, aber er hat keine Chance, zur Bar zu kommen. Er steht in einer Ecke, umgeben von Fans, und bewegt seinen Kopf im Kreis, weil ein Schild ihm teilweise die Sicht versperrt. „Hmm“, sagt er. Es steht noch immer 0:0. Mario Gomez vergibt mal wieder eine Kopfballchance. Die gesamte Situation ist gewissermaßen eine Durststrecke.

Langsam wird es dunkel. Ob Ulf das Spiel lieber im Biergarten gesehen hätte? „Noch ist es ja nicht vorbei“, sagt er. „Warte mal ab, was passiert, wenn die Deutschen ein Tor schießen.“ Im Biergarten sei es vielleicht gemütlicher, das Spiel zu schauen. Aber auf dem Fanfest werde das Leiden viel besser belohnt. Im Biergarten prosten sich Fans ja nur zu, wenn ein Tor fällt, sagt er noch.

72. Minute. Mario Gomez steigt zum Kopfball hoch. Nicht zum ersten Mal heute. Bisher haben die Fans nur paddeln müssen, aber keine Welle erwischt. Doch sie kommt, als der Ball sich senkt. Die Welle baut sich auf, die Fans springen hoch, sie umarmen sich. Eins zu Null für Deutschland. Man fliegt.