FC Bayern

Guardiolas Standpauke für den Lieblingsschüler

Nach dem Spitzenspiel in Dortmund redet Bayern-Coach Guardiola seinem Schützling Joshua Kimmich ins Gewissen. Der findet es gut.

Bayern-Trainer Pep Guardiola (r.) analysiert nur Augenblicke nach dem Abpfiff in Dortmund das Spiel von Joshua Kimmich

Bayern-Trainer Pep Guardiola (r.) analysiert nur Augenblicke nach dem Abpfiff in Dortmund das Spiel von Joshua Kimmich

Foto: Ina Fassbender / dpa

Dortmund.  Ein 0:0 als bestes, weil intensivstes Spiel der Saison? Geht das? Ja, das geht. Das Duell zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern war tatsächlich ein Top-Top-Top-Top-Spitzenspiel. Noch im Herbst hatten die Bayern die Schwarz-Gelben mit 5:1 aus der Allianz Arena geschossen, nun zeigte der BVB, welche Fortschritte er seit Oktober gemacht hat. Nach dem 0:0 sagte Bayern-Trainer Pep Guardiola: „Würde der BVB nicht existieren, wäre Bayern München schon Deutscher Meister. Und wäre Bayern nicht da, wäre der BVB Meister.“ So ist es. Die Dortmunder sind ein echter Herausforderer, ein würdiger Verfolger, der mit nur fünf Punkten Rückstand zwar dran bleibt, aber die Chance auf mehr Spannung vergeben hat.

Vorzeitige Glückwünsche zur Meisterschaft nehmen die Bayern, vornehmlich Guardiola, nicht an. Als der Spanier gefragt wurde, ob dies die Entscheidung im Titelrennen gewesen sei, antwortete er genervt wie sarkastisch: „Im November!“ Der 45-Jährige ließ den Interviewer des ZDF stehen, verärgert darüber, dass die Journalisten nach der besten Saisonphase im Herbst den Bayern schon zur 26. Meisterschaft gratuliert hatten. Doch wer zweifelt nach abgewehrter BVB-Attacke noch am vierten Titel hintereinander, dem dritten im dritten Jahr unter der Regentschaft Guardiolas?

Noch neun Spiele: Bayern müsste davon zwei verlieren – und der BVB im besten Fall alle restlichen Partien gewinnen, um auf die maximale Punktzahl zu kommen. Die Dortmunder, so Bayerns Sportvorstand Matthias Sammer „bleiben gefährlich“. Er sagte: „Wir haben es selber in der Hand, sollten aber schön bescheiden bleiben.“

Das beste Spiel dieser Saison, lobt Löw

Zurück zum Spiel, zum Rasenschach zweier Trainer, denen dieses facettenreiche und taktisch hochwertige 0:0 besser gefallen hat als etwa ein fehlerhaftes jedoch spektakuläreres 2:2. Schon in der Halbzeitpause sprach Bundestrainer Joachim Löw vom „besten Spiel, das ich in dieser Saison gesehen habe“. Tempo. Taktik. Tempowechsel. Taktikwechsel – dieser deutsche Clásico hatte alles, Werbung für die Bundesliga inklusive.

„Es war ein gutes Spiel, für den FC Bayern, für den BVB, für die Zuschauer, für den deutschen Fußball“, meinte Guardiola. Sein Gegenüber Tuchel, der Taktik-Bruder im Geiste, sagte: „Es war ein Genuss, dieses Spiel zu ­coachen.“ Er geriet derart ins Schwärmen, dass er die Essenz eines jeden Spiels für überflüssig erklärte: „Das Ergebnis interessiert mich heute nicht.“ Auch der Punkterückstand sei ihm egal. Trainern wie Guardiola oder Tuchel bedeutet das „Wie“ einer Partie mehr als das schnöde Resultat.

Nach dem 0:0 verteilte man eine Menge gegenseitiger Komplimente, vor allem die Trainer, die sich so gut verstehen. Weil Guardiola einen klitzekleinen Abstimmungsfehler in den Schlusssekunden erkannte, hielt der Bayern-Trainer Aushilfs-Innenverteidiger Joshua Kimmich, der seit dem zweiten Spieltag der Winterpause einfach mal Jérôme Boateng, Javi Martínez und später auch noch Holger Bad­stuber vertritt, noch auf dem Platz eine Standpauke. Und das ausgerechnet seinem Musterschüler, der neben Arturo Vidal Bayerns bester in Dortmund war?

Kimmich gewinnt fast zwei Drittel seiner Zweikämpfe

Der Coach eilte nach Abpfiff sofort auf Kimmich zu, motzte im Vorbeigehen noch Medhi Benatia an, Sekunden zuvor für Xabi Alonso eingewechselt. Guardiola baute sich vor Kimmich auf, erklärte und erklärte, ruderte mit den Armen. Eine skurrile Szene, da Guardiola und Kimmich neben dem Mittelkreis standen, in dem sich die Spieler umarmten und ­Trikots tauschten.

„Der Trainer hat mir ein paar Dinge gesagt, die ich hätte besser machen müssen“, meinte Kimmich: „Er kritisiert öfters und ist nie zufrieden und will immer das Maximum aus einem rausholen – das finde ich super.“ Das ist klare Pep-Masche: Nur Lieblingsschüler bekommen solch eine exklusive Nachhilfestunde Sekunden nach Schlusspfiff. Am Ende des Monologs umarmte Guardiola seinen „Sohn“, wie er ihn schon mal nannte. Denn: Ist man mit den eigenen Kindern nicht kritischer und leidenschaftlicher als mit deren Freunden? Eben.

„Ich gebe Journalisten einen Ratschlag: Man darf nicht mehr sagen, er kann nicht Verteidiger spielen“, sagte Guardiola bei Sky. Und schwärmerisch weiter: „Ich liebe diesen Jungen. Überragendes Kompliment an Joshua. Er hat Herz, er hat Leidenschaft. Er hat absolut alles. Mit diesem Spieler kannst du gehen wherever you want. Kompliment an Michael Reschke und den FC Bayern, dass sie diesen Spieler verpflichtet haben.“ Und ein Punkt an Guardiola, der in der Not Kimmich als Innenverteidiger erfunden hat. Gegen Dortmund hatte der junge Mann 121 Ballkontakte, die beste Passquote im Team (94 Prozent) und die zweitbeste Zweikampfbilanz (64 Prozent).

Der Bundestrainer hat ihn schon auf dem Zettel

Joachim Löw, als Beobachter im Stadion, wird über eine Nominierung für die EM-Tests Ende März gegen England (26., Ostersonnabend im Olympiastadion in Berlin) und Italien (29.) nachdenken. „Bei Joshua kommen zwei Dinge infrage: Die EM oder Olympia“, sagte Sammer: „Wir sind mit allem einverstanden.“ Löw vielsagend: Er beobachte jene, die „künftig eine Rolle spielen könnten“.