Der vergessene Finale

Als Allofs und Littbarski mit Nelken über den Kudamm liefen

Beim Champions-League-Finale wird das Olympiastadion aus allen Nähten platzen. Berlins Premiere als Gastgeber eines Europacup-Endspiels war 1986 hingegen trostlos – trotz der Stars von Real Madrid.

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Nur noch wenige Tage, dann treffen sich die besten Fußballer der Welt im Olympiastadion zum Champions-League-Finale zwischen Juventus Turin und dem FC Barcelona. Zum zweiten Mal ist Berlin dann der Schauplatz eines Europacup-Endspiels. Zum zweiten Mal? Sollten Sie die europäische Endspielpremiere in Berlin tatsächlich verdrängt haben, so befinden Sie sich in bester Gesellschaft, wie Klaus Allofs und Pierre Littbarski beweisen. Der Sportdirektor und der Leiter der Scoutingabteilung des DFB-Pokalsiegers VfL Wolfsburg erinnern sich an das vergessene Finale von Berlin.

Berliner Morgenpost: Was fällt Ihnen spontan zum Datum 6. Mai 1986 ein?

Pierre Littbarski: Das war kurz bevor ich nach Frankreich gewechselt bin.

Klaus Allofs: Du bist erst nach der Weltmeisterschaft gewechselt, der 6. Mai war aber vorher. Das muss irgendetwas mit dem 1. FC Köln zu tun haben...

Da können die Berliner ja beruhigt sein, dass auch sie beide das Finalrückspiel im Uefa-Cup zwischen Köln und Real Madrid vergessen haben.

Littbarski: (lacht) Ja klar, da haben wir doch Real überragend geschlagen.

Allofs: Das war ein 2:0.

Littbarski: Vor 15.000 Zuschauern.

Immerhin waren es knapp 17.000 Zuschauer im Olympiastadion.

Allofs: Das ist wirklich eine irre Geschichte. Man steht im Uefa-Cup-Endspiel gegen Real Madrid. Und weil ein paar Kölner Fans im Halbfinale in Waregem aus der Rolle gefallen sind, gibt es von der Uefa eine Platzsperre. Für das Endspiel. Das muss man sich einmal vorstellen.

Littbarski: Für eine Aktion, für die es heutzutage wahrscheinlich nicht einmal eine Stadiondurchsage gäbe.

Vielleicht hat die Uefa wegen der Katastrophe im Brüsseler Heyselstadion im Jahr zuvor überreagiert...

Allofs: Das kann natürlich sein. Aber ganz ehrlich: Es hat sich angefühlt, als wenn man uns das Endspiel gestohlen hat. Vielleicht auch, weil wir im Hinspiel 1:5 verloren hatten. Das hatte aber in dieser Zeit gar keine so große Bedeutung. Denn Real hat immer zuhause gewonnen, aber auswärts auch immer regelmäßig drei oder vier Tore bekommen.

Gladbach ist das beste Beispiel: Zuhause 5:1 gewonnen, in Madrid aber 0:4 verloren und ausgeschieden.

Allofs: Nur dass wir in Madrid nicht so hoch hätten verlieren müssen. Die letzten beiden Tore haben wir ja erst in der Schlussphase kassiert. Sonst wäre es 1:3 ausgegangen. Aber es weiß ja ohnehin kaum noch jemand, dass Köln mal im Uefa-Cup-Finale gegen Real Madrid stand.

Hand aufs Herz: Hätten Sie dieses Datum noch gewusst, wenn diese Interviewanfrage nicht gekommen wären?

Allofs: So spontan? Absolut nicht. Leider wissen das nur noch die wenigsten.

Ist das nicht enttäuschend für Sie?

Littbarski: Enttäuschend war der gesamte Prozess. Wir sind ja noch über den Kudamm gelaufen und haben die Leute animiert, sich das Spiel anzuschauen.

Allofs: Mit roten Nelken, die wir dann überreicht haben. Es ging ja darum, Zuschauer ins Stadion zu locken.

Wurden sie wenigstens erkannt oder mussten sie sich bei jedem vorstellen?

Allofs: Nein, man hat uns schon erkannt, wir sind ja auch nicht in zivil rumgelaufen, sondern in Sportbekleidung.

Littbarski: Ja, vereinzelt wurden wir erkannt (lacht).

Allofs: Aber es blieb bei dem Gefühl, dass man uns diese Endspiel weggenommen hat. Nicht nur uns Spielern, sondern dem gesamten Verein und seinen Fans. Das war wirklich schade.

Littbarski: Für mich hatte das Ganze ja noch ein Nachspiel. Ich hatte Reals Stürmer Hugo Sanchez praktisch aus dem Spiel getreten. Damit konnte er das erste Spiel bei der WM für Gastgeber Mexiko fast nicht bestreiten. Als wir dann mit der Nationalmannschaft in Mexiko waren, wurden Franz (Teamchef Beckenbauer, d. Red.) und ich auf die Pressetribüne gebeten. Und wir wurden regelrecht angegriffen. Ich hätte ihr Idol, ihren Gott und damit auch Mexikos WM-Hoffnungen zerstört.

Wie waren ihre Gedanken, als sie in Berlin zum Warmmachen raus sind ins Olympiastadion und die fast leeren Ränge gesehen haben? Hat sich das wie ein Europacup-Finale angefühlt?

Allofs: Überhaupt nicht. Wir sind dann im Spiel zwar schon nach 23 Minuten in Führung gegangen, aber so eine Aufholjagd geht natürlich nur, wenn der Gegner durch die Atmosphäre auch beeindruckt wird. Zu so einem Endspiel gehört eben auch Vorfreude und Begeisterung. Und wir fahren dahin, müssen über den Kudamm laufen und Blumen verteilen.

War es wenigstens für Sie, Herr Littbarski, etwas Besonderes, in Ihrer Heimatsstadt um den Europapokal zu spielen?

Littbarski: Dieses 2:0 gegen Real war tatsächlich mein größter Erfolg dort. Bis dahin hatte ich mir immer, wenn ich in Berlin gespielt habe, viel vorgenommen. Und meistens ging es nach hinten los. Ich habe ein DFB-Pokalfinale verloren, einen Elfmeter dabei verschossen (1991 mit Köln gegen Bremen, d.Red.).

Hatte Real damals schon diese Strahlkraft, wie sie der Klub heute hat?

Littbarski: Real war auch damals schon etwas außergewöhnliches. Wir konnten die Mannschaft nur nicht so richtig einschätzen. Mit den Möglichkeiten von heute hätten wir sie in einer halben Stunde analysiert gehabt. Früher war das eben ein mythischer Klub, wo die besten Spieler der Welt gespielt haben.

Allofs: Man wusste damals noch nicht so viel voneinander, auch wenn man das nicht glauben mag. Es durften auch nur zwei ausländische Spieler in einer Mannschaft sein. Die Internationalität war auf wenige Europapokal- und Länderspiele beschränkt.

Warum waren die Berliner dennoch nicht für dieses Endspiel zu begeistern? Schließlich gab es damals nicht oft europäische Spitzenteams in der Stadt zu sehen.

Littbarski: Man darf nicht vergessen, dass Berlin damals keine so gute Mannschaft hatte (Hertha BSC stieg gerade aus der Zweiten Liga ab, d.Red).

Allofs: Und nicht nur Hertha hatte damals Probleme, das Stadion zu füllen. Das war ja allgemein so. Selbst der 1. FC Köln, der mit Nationalspielern gespickt war, hat im Müngersdorfer Stadion vor 25.000 Zuschauern gespielt. So war die Bundesliga.

Littbarski: Berlin ist diesbezüglich ohnehin eine schwierige Stadt. Das Angebot ist riesig. Und Fans von anderen Klubs wie damals Tennis Borussia sagten sich: In dieses Stadion gehe ich sowieso nicht. Das ist überhaupt nicht vergleichbar mit der heutigen Zeit. Zumal Köln für Berlin gar nicht interessant war, es sei denn als Gegner von Hertha BSC.

Allofs: Nach dem Hinspiel-Ergebnis haben die Leute auch nicht erwartet, dass da noch was geht. Was eine Fehleinschätzung war. Aber man hat auch vergessen, dass Bundesliga damals nicht immer volle Stadien bedeutete. Das galt auch für Dortmund und Schalke.

Was war der entscheidende Auslöser, der die Stadien wieder voll gemacht hat – nur die stetig steigende mediale Aufmerksamkeit?

Allofs: Das darf man nicht unterschätzen. Früher in der Sportschau wurden drei Spiele gezeigt, dann gab es noch Berichte zum Beispiel von der Leichtathletik und vom Pferderennen. Kinder, die heute aufwachsen, sind auf Fußball fixiert. Und die Veranstaltungen sind inzwischen richtige Events. Die Leute kommen heute mit ihren Familien, sind eine Stunde früher da, bleiben auch nach dem Spiel noch.

Viele kritisieren genau diese Eventisierung. Das Champions-League-Finale in Berlin wird bis zur letzten Sekunde durchgeplant sein und praktisch zu einer Unterhaltungsshow mit einem Fußballspiel.

Littbarski: Fußball ist auch früher schon Unterhaltung gewesen. Wir haben jetzt nur eine andere Verpackung. Wenn ich nur meinen Sohn sehe, wie er noch tagelang auf dem Handy das Bundesliga-Wochenende weiterlebt und Szenen mit seinen Freunden diskutiert. Das sind ganz andere Voraussetzungen als früher. Die hätte ich auch gern gehabt.

Allofs: Das ist die Professionalisierung des Fußballs. Wenn man es genau betrachtet, war das früher schon dilettantisch. Aber man hatte eben auch nicht die Möglichkeiten.

Was meinen Sie genau?

Allofs: Allein, wie ein Spiel damals übertragen wurde: wenige Kameras, die Informationen des Moderators waren minimal, wenn man ein Tor geschossen hat, wurde es einmal gezeigt, es gab keine Wiederholungen. Heute haben wie unzählige Kameras, die das Ereignis in den Vordergrund rücken. Das ist das Schöne am Fußball heute. Das Pokalfinale in Berlin zum Beispiel ist auch deswegen so ein Ereignis, weil es zelebriert wird.

Können Sie nachvollziehen, dass Traditionalisten und bestimmte Fangruppen genau das kritisieren?

Allofs: Ich habe ganz oft erlebt, dass es jüngere Menschen sind, die keine Veränderung wollen. Ich kann das verstehen, dass man Traditionen wahren will. Man muss sich aber auch neuen Dingen öffnen, das ist der Lauf der Zeit. Auch vor 30 Jahren haben viele gesagt, dass es vor 30 Jahren besser war, und trotzdem hat sich der Fußball weiterentwickelt. Aber es ist auch wichtig, dass man nicht immer alles sofort mitmacht. Fußball ist ein toller Mix aus Tradition – zum Beispiel Regeln, die wenig verändert worden sind – und Innovation. Deswegen haben wir uns auch lange gegen die Torlinientechnik gewehrt.

Klingt alles so, als hätten Sie selber nochmal Lust, im heutigen Profizirkus Fußball mitzumischen.

Littbarski: Ich würde am liebsten mitspielen.

Allofs: Natürlich würde ich auch am liebsten mitspielen. Trotz der Diskussion, dass die Spieler von heute anders sind. Spieler, die vor 30 Jahren außergewöhnlich gut waren, wären heute auch außergewöhnlich gut. Ich denke schon, dass Pierre mit seiner Spielweise schon in die Kategorie Marco Reus oder Mario Götze gehören würde. Das soll jetzt aber nicht nach Bitterkeit klingen. Auch wir haben eine tolle Zeit gehabt. Der Fußball war eben anders. Wir hatten viele Freiheiten, die man heute nicht mehr hat.

Littbarski: Man war noch nicht überall so präsent.

Das kann man von den Spielern von Juventus Turin und des FC Barcelona nicht behaupten, wenn sie in Berlin auflaufen. Wurde es nicht für die Stadt langsam Zeit, auch mal Gastgeber eines Champions-League-Finales zu sein? Und sei es nur, um die Scharte von 1986 auszuwetzen...

Littbarski: Berlin hat gezeigt, dass es große Events ausrichten kann. Und die Stadt kann sich wieder mehr präsentieren, das ist auch ganz wichtig.

Allofs: Natürlich ist es für Berlin, aber auch für Deutschland wichtig, Ausrichter dieses Endspiels zu sein. Die Berliner hätten es bestimmt noch besser gefunden, wenn das Finale eine deutsche Beteiligung gehabt hätte. Ich bin schon froh, dass es kein rein spanisches Duell geworden ist. Sonst wäre die Internationalität ein wenig verloren gegangen.