Karim ist wieder da. Als der Regionalligist Berliner AK Mitte August die Verpflichtung von Karim Benyamina verkündete, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. Immer noch genießt er in der Hauptstadt den Ruf einer Fußball-Ikone – auch, wenn er in den vergangenen drei Jahren nicht an der Spree kickte. Bis heute ist der 32 Jahre alte Stürmer mit 87 Treffern in 213 Pflichtspieleinsätzen der erfolgreichste Torschütze in der Geschichte des 1. FC Union, den er ab 2005 bis in die Zweite Liga schoss. Sphären, von denen der Berlin-Rückkehrer momentan weit entfernt ist.
Statt in der Alten Försterei läuft Benyamina jetzt im Poststadion auf. Vom Glamour des Profifußballs kommt hier, in Liga vier, so gut wie nichts mehr an. An guten Tagen verirren sich zu den Heimspielen des BAK knapp 500 Zuschauer nach Moabit.
Benyamina ist das egal, er ist so glücklich wie lange nicht mehr. „Ich bin nicht hierher gekommen, um meine Karriere ausklingen zu lassen“, sagt er und richtet den Blick in die Ferne. Er hat viel vor mit dem BAK. Wenn das Team punktuell verstärkt würde, könne man in zwei Jahren ernsthaft um den Aufstieg mitspielen.
An Ehrgeiz hat es Benyamina noch nie gemangelt. Das Fußballspielen hat er auf den Bolzplätzen im Märkischen Viertel gelernt. Asphaltierte Fußballromantik made in Reinickendorf: Kicken in jeder freien Minute, einfach Spaß haben. Technisch war er nicht begabter als seine Mitspieler, dafür aber ausgestattet mit enormer Schnelligkeit und einem unbändigen Siegeswillen.
Alles begann vor 14 Jahren beim Berliner AK
Dass er heute das Trikot des Berliner AK trägt, hängt stark mit seiner Vergangenheit zusammen. Einerseits, weil er vor 14 Jahren sein erstes Jahr im Männerbereich beim BAK absolvierte – danach ist der Draht zum Verein nie mehr abgerissen. Vor allem aber, weil sein privates und berufliches Glück untrennbar mit dem Standort Berlin verbunden scheint. Hier hat er seine Familie, seine Freunde. Für die, sagt Beyamina, sei es ein „Wunder“ gewesen, dass er es überhaupt so lange in der Fremde ausgehalten hat.
Seine Odyssee beginnt 2011: Nachdem er bei Union aussortiert wird, wechselt Benyamina zum Zweitligisten FSV Frankfurt. Der Abschied aus Berlin tut weh, aber die Tatsache, dass er gleich im ersten Ligaspiel trifft – noch dazu gegen Union – und zum Stammpersonal zählt, macht ihm Mut. Bis der FSV den Trainer wechselt. „Benno Möhlmann hat seine eigenen Spieler mitgebracht und mich sofort aussortiert“, sagt Benyamina. Danach ist für ihn klar, dass er weg muss.
Nach einem Jahr verlässt er Frankfurt in Richtung Karlsruhe. In der Dritten Liga läuft es jedoch kaum besser. Seine Bilanz im Aufstiegsjahr des KSC: 13 Einsätze, zumeist als Joker, null Tore. Ein bisschen Glück habe ihm gefehlt, sagt Benyamina rückblickend, ohne sich etwas vorzumachen: „Am Ende hat es einfach nicht gereicht.“ Also entscheidet er sich für ein Abenteuer.
Unglückliches Intermezzo in Algerien
Anfang 2014 wechselt Benyamina ins Geburtsland seines Vaters, nach Algerien. Beim Erstligisten MC El-Eulma trifft er auf „richtig gute Fußballer“, die Bedingungen in der 100.000-Einwohner-Stadt haben mit Profi-Fußball aber wenig zu tun. Trainiert wird auf Kunstrasen, Taktik und Disziplin spielen keine große Rolle. Eine Übungseinheit pro Tag muss reichen – bis Benyamina um 19 Uhr endlich sein geliebtes Arbeitsgerät an den Füßen spürt, schlägt er die Zeit in seiner Zwei-Mann-WG mit deutschem Fernsehen tot. Als er dann noch einen Muskelfaserriss erleidet und zur Behandlung nach Berlin reist, wirkt die Stadt wie ein Magnet. Seine Entscheidung fällt schnell: für den BAK und gegen Algerien.
Die Frage aber bleibt: Wäre für einen Spieler seines Kalibers nicht noch mehr drin als nur die Regionalliga? Bevor er antwortet, macht Benyamin eine lange Pause. Das „Was-wäre-wenn“, es ist ihm schon etliche Male durch den Kopf gerauscht. „Klär hätte ich gerne noch in der Zweiten Liga gespielt“, gibt er zu. Am Ende habe er sich für „den unkompliziertesten Weg“ entschieden. Statt St. Pauli, Düsseldorf und Kaiserslautern heißen die Gegner nun Meuselwitz, Bautzen – und Union II.
Beim Berliner AK sind sie heilfroh über ihren prominenten Zugang – und das nicht nur, weil er in seinen ersten fünf Spielen drei Tore erzielt hat. „Einen wie ihn“, sagt Sportdirektor Rocco Teichmann, „haben wir dringend gebraucht. Jemanden mit Erfahrung, der Verantwortung übernimmt.“ Einen Führungsspieler. Mit seinen 32 Jahren gehört Benyamina im jungen BAK-Team zum alten Eisen. Abgesehen von vereinzelten grauen Haaren, die in seiner akkuraten Kurzhaarfrisur aufblitzen, ist von Alterserscheinungen jedoch wenig zu merken. Benyamina ist durchtrainiert wie eh und je.
Sein Herz hängt noch an Union
Zu den Heimspielen des 1. FC Union geht Benyamina auch heute noch gerne, auch wenn die Trennung 2011 unschön verlief. Die Fans machen dann Fotos mit ihm und holen sich Autogramme. Sein Herz hängt immer noch an den Köpenickern. Egal ob in Frankfurt, Karlsruhe oder Algerien, so gebrannt wie für die Eisernen hat er für keinen seiner späteren Klubs. „Vielleicht“, sagt Benyamina, „habe ich deshalb mein Top-Niveau nie mehr erreicht.“
Auf die große Fußballbühne wird er wohl nicht mehr zurückkehren. Er selbst scheint damit gut leben zu können. Weil er sich endlich wieder heimisch fühlt – und weil er beim BAK das Gefühl hat, gebraucht zu werden. Es scheint, als würde sich der Kreis 14 Jahre nach dem Sprung in den Männerfußball beim BAK schließen. „Vielleicht“, sagt Benyamina, „spiele ich hier bis zum Ende.“




