Ob er sich noch daran erinnert? An jenes Fußballspiel vor knapp einem Jahr? Safa Sentürk muss kurz überlegen, dann die Erkenntnis und ein Lachen. „Ach so, ja klar. Doch daran denke ich heute nicht mehr“, sagt Sentürk. Dabei hat er damals mit seinen 16 Toren doch Geschichte geschrieben, nicht nur im Berliner Fußball. Jenes 16:1 im Berlin-Liga-Duell des BSV Hürtürkel mit dem Club Italia ist für den 23-Jährigen nicht mehr als nur eine verblasste Erinnerung. Auch hat er kaum Memorabilia in Form von Zeitungsartikeln oder ähnlichem aufgehoben.

Für Hürtürkel geht Sentürk auch längst nicht mehr auf Torejagd. Nach dem Aufstieg in die Oberliga „haben sich beide Seiten nicht mehr wohlgefühlt. Das Geld hat auch nicht mehr gestimmt“, erzählt er. Soll heißen, es gab keins mehr. Und getreu dem Motto „Am schönsten ist es doch daheim“ kehrte Sentürk zum SV Tasmania in die Berlin-Liga (6. Liga) zurück, jenem Klub, bei dem als Jugendlicher zwölf Jahre lang das Fußballspielen erlernt hat. Mit den Neuköllnern will er nun erneut Geschichte schreiben, mit einem Sieg am Mittwochabend (18.30 Uhr, Werner-Seelenbinder-Sportpark) gegen den zwei Klassen höher spielenden Berliner AK im Halbfinale des Berliner Pokals.

Für Tasmania wäre der Sprung ins Endspiel am 4. Juni die große Gelegenheit, endlich mal wieder für positive Schlagzeilen zu sorgen. Der Traditionsverein ist sonst nur dann in aller Munde, wenn es um Negatives geht. Tasmania, das war doch – genau, die schlechteste Mannschaft in der Bundesliga seit deren Gründung 1963. Wobei der heutige Klub mit seinem Pleite gegangenen Vorgänger Tasmania 1900 nur den Namen gemein hat.

Fans legten Trauerkranz für das 100. Gegentor nieder

Die derzeit Verantwortlichen stört das nicht. Im Gegenteil, man kokettiert sogar auf der Internetseite mit der wenig ruhmreichen Vergangenheit. „Es ist besser, eine negative Vergangenheit zu haben, als gar keine“, sagt Detlef Wilde, der 1. Vorsitzende. Er findet es gut, „wenn Tasmania immer wieder erwähnt wird. Wir haben auch kein Problem damit“. So ist zumindest in losen Abständen ein wenig Aufmerksamkeit garantiert.

Viele andere Klubs in der Hauptstadt wären froh, wenn sie sich immer mal wieder ins kollektive Gedächtnis zurückrufen könnten. Selbst wenn es nur mit Anekdoten aus den Anfangsjahren des Profifußballs in Deutschland sind.

Der Aufstieg selbst zum Beispiel, nachdem Hertha BSC zwangsabsteigen musste, Tennis Borussia als Berliner Meister in der Aufstiegsrunde hoffnungslos unterlegen war und der Spandauer SV als Berlins Vizemeister dankend ablehnte. Dann die 8:60 Punkte und 15:108 Tore, resultierend aus zwei Siegen und vier Remis, die bis jetzt noch jedes Team zu überflügeln wusste. Der Trauerkranz mit der goldverzierten 100, den Fans am Tor nach dem 100. Gegentreffer niederlegten, extra weiß lackierte Bälle, um mangels Flutlicht auch abends trainieren zu können – Anekdoten, die dazu gehören wie das große T auf der blau-weiß-roten Fahne.

Neuköllner sind seit fünf Jahren im Aufwärtstrend

„Wir haben die Tiefen schon hinter uns“, sagt Klubchef Wilde. Und meint damit nicht zuletzt die jüngere Vergangenheit des 1973 neu gegründeten SV Tasmania. Im Jahr 2009 ging es für Tas bis in die achtklassige Bezirksliga hinunter. Nun schicken sich die Neuköllner sogar an, in die fünftklassige Oberliga aufzusteigen. Lediglich drei Punkte trennen sie noch von Spitzenreiter Hertha 03 Zehlendorf bei noch sechs verbleibenden Spielen. Es tut sich etwas beim Traditionsverein.

Dank eines ganz einfachen Grundes, wie Wilde erklärt. „Bei uns ist niemand dabei, der abhebt. Und wer nach einem Aufstieg abheben will, muss dies bei einem anderen Verein tun“, so der 65-Jährige, dem der schon familiäre Zusammenhalt im Verein wichtig ist. Was nicht heißt, dass man nicht auch einen großzügigen Sponsor im Seelenbinder-Sportpark begrüßen würde.

„Unsere Seele würden wir aber nicht verkaufen“, macht Wilde deutlich. So soll es selbst beim Sprung in die Oberliga für die Spieler nicht wirklich mehr Geld geben. „Dafür bekommen sie ja eine andere Plattform, um sich zu präsentieren“, sagt Wilde. Stattdessen will der SV Tasmania weiter in den Nachwuchsbereich investieren. Die Berlin-Liga, so Wilde, sei mit ihren permanenten Derbys eigentlich die richtige Liga für Tas.

Sentürk träumt nicht mehr von einer Profikarriere

Es ist diese Bodenständigkeit, die auch Safa Sentürk auszeichnet. Vom Traum einer Profikarriere hat sich der 23-Jährige längst verabschiedet. Mit der eigenen Tiefbaufirma „habe ich mir hier etwas aufgebaut, darauf kann ich nicht verzichten. Der große Profi werde ich nicht mehr“, sagt Sentürk.

Das Pokalspiel gegen den BAK sieht er „ganz gelassen“. Zumal er die beiden anderen Halbfinalisten, Oberliga-Meister und Titelverteidiger BFC Dynamo sowie Regionalligist Viktoria 89 (18 Uhr, Sportforum), für stärker hält. „Wir sind ein spielstarkes Team, die Tagesform wird entscheiden“, sagt der Offensivmann: „Wenn wir ins Finale kommen, glaube ich, dass auch die Meisterschaft noch drin ist.“

Möglicher Aufstieg in die Oberliga, dazu die Chance auf das Berliner Pokalfinale und dann sogar auf die erste DFB-Pokalrunde - Safa Sentürk und Tasmania stehen vor Wochen, über die man bestimmt noch lange reden wird.