Fifa-Boss

Blatters Reformideen sind reine Blendgranaten

Sepp Blatter veranstaltet wieder einmal ein munteres Possenspiel. Statt endlich die Vorwürfe aufzuklären, die im Raum stehen, eröffnet er Nebenkriegsschauplätze.

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Sepp Blatter ist mal wieder in die Offensive gegangen. In Interviews mit der „Bild“ und der spanischen Zeitung „El Mundo Deportivo“ regt der Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa unter anderem den Einsatz der Torkamera an, will den Profischiedsrichter einführen und bald eine Frau (sic!) ins Exekutivkomitee der Fifa berufen lassen . Das sind prima Ideen, die man nicht hoch genug loben kann. Und doch sind es nichts als Blendgranaten, die der Schweizer da zündet. Weder kann er über die Torlinientechnologie entscheiden (das macht das unabhängige Regelkomitee) noch über eine Frauenquote (Exekutivmitglieder werden immer noch demokratisch gewählt, selbst bei der Fifa).

Viel bemerkenswerter als seine Zukunftsphantasien ist sein Umgang mit der Vergangenheit. Der von Korruptionsvorwürfen erschütterte Weltverband wankt, spätestens nach der Doppelvergabe der Weltmeisterschaften 2018 (nach Russland) und 2022 (nach Katar) mit allen Nebengeräuschen ist die Fifa im öffentlichen Ansehen auf ein Niveau mit mafiösen Organisationen gesunken. Für Blatter sind das nicht mehr als „Herbststürme“, durch die der 75-Jährige den Verband steuern müsse, bevor er beruhigt aufhören könne: „Wir ziehen so lange durch, bis wir unsere Ziele erreicht haben.“


Weder Selbstzweifel noch Reue

Diese Sichtweise zeigt, wie Blatter tickt. Selbstzweifel oder gar Reue gibt es bei ihm nicht. Er habe ein „reines Gewissen“, sagt er. Vor kurzem stellte er stolz das neugegründete Governance-Komitee vor, dass Vorschläge zur zukünftigen Führung der Fifa erarbeiten soll. Angeführt wird das Komitee vom Antikorruptionsexperte Mark Pieth. Doch der Strafrechtsprofessor und seine Mitstreiter sollen mitnichten die Vergangenheit beleuchten, sondern ausschließlich an Zukunftsfragen antworten. „Um professionell zu ermitteln, fehlt das Geld und es fehlen die Ressourcen. Ich habe nicht die drei Millionen und 20 Polizisten, die ich brauchte“, sagte Pieth der „FAZ“.

Fehlendes Geld. Die Antikorruptionsagentur Transparency International (TI), die eigentlich ebenfalls im Governance-Komitee vertreten sein sollte, kündigte die Mitarbeit auf. „Es war unsere essentielle Forderung, dass auch die Vergangenheit aufgearbeitet wird, nur dann kann man in die Zukunft schauen. Dies scheint jetzt nicht mehr geplant zu sein“, sagte Sylvia Schenk, Vorstandsmitglied von TI-Deutschland.

Es ist also wieder einmal ein munteres Possenspiel, was der Fifa-Präsident veranstaltet. Statt endlich vorbehaltlos die Vorwürfe aufzuklären, die im Raum stehen, weicht er auf Nebenkriegsschauplätze aus. Doch solange er seinen Laden nicht gründlich aufräumt, interessieren Themen wie Torkamera oder Profischiedsrichter nur am Rande. Schade eigentlich…