Torkamera

Im Alter zettelt Sepp Blatter jetzt Revolutionen an

Fifa-Präsident Joseph Blatter kündigt unfassende Reformen an. Doch seine wahren Motive liegen wohl nicht in der Weiterentwickung des Weltfußballs.

Foto: zgb grafik DWO

Sepp Blatter hatte geladen, um zu seinem Volk zu sprechen: den Fußballspielern der Welt. Der Präsident gab fast zeitgleich große Interviews in Deutschland („Bild“), Spanien („El Mundo Deportivo“) und Italien („Gazzetta dello Sport“), und der Tenor war jeweils derselbe. Während er sich beim Thema Korruption als Saubermann gab, der den Weltverband Fifa „durch Herbststürme in ruhigere Gewässer“ führen will, drehte er bei anderen Themen auf. Im Sinne dürfte er bei seiner Offensive allerdings etwas anderes gehabt haben.

Vordergründig gab Blatter den Reformer. Die Torlinienkamera möchte er von der Saison 2012/13 an einführen. Die internationale Regelkommission soll im März 2012 darüber abstimmen. Sie allerdings hatte im März erklärt, dass die Torlinientechnologie zu wenig ausgereift sei, um ernsthaft getestet zu werden. Damals hatte Blatter bereits gesagt. „Ich denke, dass wir 2012 ein System haben werden, mit dem festgestellt werden kann, ob ein Tor erzielt wurde oder nicht. Und dieses System würde dann bei der Weltmeisterschaft 2014 eingeführt werden.“

Auch in Sachen Profischiedsrichter hat Blatter eine klare Meinung: „Sie (die Schiedsrichter – d. Red.) brauchen Sicherheit, feste Profiverträge. Wir werden von der Fifa aus für die WM 2014 nur noch Schiedsrichter nehmen, die Profis sind.“ Was umgekehrt heißt: Stellt Deutschland sein System nicht um, wird kein deutscher Referee in Brasilien pfeifen.

Harter Tobak für den größten Fußballverband der Welt. „Es geht nicht um die Frage, ob jemand Profi oder Amateur ist. Es geht um die Frage, ob er gut ist. Und da kann es schon unterschiedliche Auffassungen geben“, sagte Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und Mitglied im Fifa-Exekutivkomitee, im „HR“.

Doch warum verspürt Blatter plötzlich ein derartiges Kommunikationsbedürfnis? Es war auffallend ruhig um ihn geworden; ein Zustand, der ihm prinzipiell lieb sein dürfte. Im Oktober war er noch Zentrum eines Medienorkans, der rund um den Fifa-Kongress tobte. Blatter gelang es, seinen Konkurrenten Mohamed bin Hammam so unglaubwürdig zu machen, dass der nicht zur Wahl antrat.

Er selbst wurde ohne Gegenkandidat wiedergewählt, war nach schwerer Kritik allerdings alles andere als ein strahlender Sieger. „Ich wundere mich, dass Blatter in seinem Alter noch Revolutionen anzettelt. Vielleicht muss einer alt werden, um weise zu sein und Dinge zu tun, die dem Fußball helfen“, sagte Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des FC Bayern, süffisant.


Gezieltes Ablenkungsmanöver

Doch das dürfte kaum der wahre Grund sein. Eine naheliegendere Erklärung für Blatters Mitteilungsbedürfnis könnte sein, dass er gezielt ablenkt . Am Donnerstag befasst sich das Internationalen Olympischen Komitees (IOC) auf seiner Sitzung mit einem äußerst pikanten Thema. Es geht um jahrelange Schmiergeldzahlungen der Schweizer Sportrechteagentur ISL/ISMM, die 2001 pleite gegangen war.

Ein Schweizer Strafgericht stellte anschließend fest, dass von 1989 bis 2001 Bestechungsgelder in Höhe von insgesamt 140 Millionen Schweizer Franken (113 Millionen Euro) geflossen sind, unter anderem an Mitglieder des IOC und der Fifa. Der Fußball-Weltverband verschaffte seinen Beschuldigten damals Anonymität, indem er sie einige Millionen Franken zurückzahlen ließ. Dafür nannte die Staatsanwaltschaft ihre Namen nicht.


Die Vergangenheit bleibt im Dunkeln

Bis heute weigert sich die Fifa, ihre dunkle Vergangenheit auszuleuchten. Zwar wurde vor kurzem mit viel Tamtam das neu gegründete Governance-Komitee vorgestellt, das Vorschläge zur zukünftigen Führung der Fifa erarbeiten soll. Angeführt wird das Komitee vom Antikorruptionsexperten Mark Pieth. Doch der Strafrechtsprofessor soll mitnichten Aufklärungsarbeit verrichten, sondern ausschließlich an Zukunftsfragen arbeiten. „Um professionell zu ermitteln, fehlen Geld und die Ressourcen. Ich habe nicht die drei Millionen und 20 Polizisten, die ich bräuchte“, sagte Pieth der „FAZ“.

Die Antikorruptionsagentur Transparency International (TI), die ebenfalls im Governance-Komitee vertreten sein sollte, kündigte die Mitarbeit auf. „Es war unsere essenzielle Forderung, dass auch die Vergangenheit aufgearbeitet wird, nur dann kann man in die Zukunft schauen. Dies scheint jetzt nicht mehr geplant zu sein“, sagte Sylvia Schenk, Vorstandsmitglied der TI. „Eine unabhängige Untersuchung von Korruptionsvorwürfen in Vergangenheit und Gegenwart ist zwingend notwendig, wenn die Fifa öffentliche Glaubwürdigkeit zurückgewinnen will“, ergänzte TI-Geschäftsführer Cobus de Swardt.


Das IOC nahm echte Ermittlungen auf

Wie wirkliche Aufklärungsarbeit aussehen kann, könnte sich Blatter beim IOC anschauen. Als der britische Rundfunksender BBC die Namen einiger Funktionäre veröffentlichte, die auf der ISL/ISMM-Liste stehen sollen, nahm die verbandseigene Ethikkommission die Ermittlungen auf. Schnell wurde sie fündig: Gegen Issa Hayatou (Kamerun), Chef des afrikanischen Fußballverbandes, und gegen Lamine Diack (Senegal), Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, wurde ermittelt, beide werden am Donnerstag wohl verwarnt.

So glimpflich wäre Joao Havelange nicht davongekommen. Der 95-Jährige soll Schmiergelder in siebenstelliger Höhe kassiert haben. Er ist seit 1963 Mitglied des IOC, war zudem von 1974 bis 1998 Fifa-Präsident – der Vorgänger von Sepp Blatter also. Havelange allerdings kam seinen Häschern zuvor und trat am Montag „aus gesundheitlichen Gründen“ aus dem IOC aus. Das Verfahren gegen ihn wird nun eingestellt. Er sei jetzt „ein privater Bürger“, und Untersuchungen würden nur gegen IOC-Mitglieder vorgenommen, erklärte IOC-Präsident Jacques Rogge.


Mächtiges Medienecho inszeniert

Für Fifa-Boss Blatter ist der Aufklärungseifer des IOC bedrohlich: Es wird immer schwieriger für ihn und den Verband, die Namen der Mitglieder geheim zu halten, die bei der ISL/ISMM die Hand aufhielten, um der Agentur die Übertragungsrechte für Weltmeisterschaften zuzuschanzen. Was läge da näher, als nun für ein mächtiges Medienecho zu sorgen und Nebenkriegsschauplätze zu initiieren.

Blatter hatte ursprünglich angekündigt, die brisanten Akten über die Schmiergeldaffäre bei der Sitzung der Fifa-Exekutive am 17. Dezember in Tokio zu veröffentlichen. Die Umsetzung des Plans – wenn es denn je einer gewesen ist – wird sich nun auf unbestimmte Zeit verzögern. Eine der beteiligten Parteien habe juristische Schritte eingeleitet, die zu diesem Aufschub führen, erklärte Blatter am Dienstag. Er bliebe aber fest entschlossen, die Dokumente sobald wie möglich zu veröffentlichen, „da sie ein wichtiger Teil meiner zahlreichen Reformpläne sind“.

Bis heute kann nur darüber spekuliert werden, ob Blatters Name selbst auf dem Giftblatt auftaucht. Er war zumindest Fifa-Generalsekretär, als fälschlicherweise 1,5 Millionen Euro von der ISL/ISMM auf einem Verbandskonto auftauchten, die für Joao Havelange bestimmt waren und auch schnell vom Weltverband dorthin weitergeleitet wurden. Das soll Blatter damals angeordnet haben, berichtet die „Berliner Zeitung“.

Mitarbeit: JHU