Weltmeister

Jerome Boateng ist Berlins Bester

Die WM-Helden werden in Berlin gefeiert, und auch Jerome Boateng ist dabei. Der Verteidiger wurde bei Hertha groß und ist mit 25 Jahren bereits der erfolgreichste Fußballprofi aus der Hauptstadt.

Foto: Matthias Schrader / AP

Noch im Bauch des Maracana-Stadions bedankte sich Jerome Boateng bei seiner Familie, die während der WM in Brasilien gewesen war. „Wir haben uns rundum wohl gefühlt. Mein Familie war während des Turniers die ganze Zeit da.“ Auf dem Rasen hatte er nach dem Schlusspfiff ausgelassen Lamia, 3, eine seiner Zwillingstöchter, in den Abendhimmel von Rio geworfen und mit seinen starken Armen wieder aufgefangen. Mario Götze hatte unterdessen Soley Boateng huckepack durch die Arena getragen. Boateng bedankte sich bei seinen Kumpels. „Meine Freunde, die nicht da sein konnten, haben geschrieben – das gibt einem einfach ein gutes Gefühl.“

Jerome Boateng, der Mannschaftsspieler. In seiner Familie gibt es Beispiele, dass das Ego sehr, sehr wichtig ist. Jerome Boateng ist nicht so ein Typ. Nicht zufällig antwortet er auf die Frage, was der WM-Titel für ihn bedeutet: „Ich habe versucht, der Mannschaft alles von mir zu geben. Ich bedanke mich auch bei den Fans in der Heimat. Ich bin sehr froh, dass wir ihnen den Pokal mit nach Hause bringen können.“

Jerome Boateng kümmert sich. Er will, dass alle zu ihrem Recht kommen. Diese Eigenschaft ist ein Teil der Erklärung für den unaufhaltsamen Aufstieg des einstmals ruhigen Jungen aus Charlottenburg. Er ist 25 Jahre jung – und schon der erfolgreichste Fußball-Profi, den Berlin jemals hervorgebracht hat.

Sicher, auch in der Weltmeistermannschaft von 1990 standen mit Thomas Häßler und Pierre Littbarski zwei gebürtige Berliner. Littbarski wurde groß beim VfL Schöneberg und Hertha Zehlendorf, ehe er zum 1. FC Köln wechselte. Neben dem WM-Triumph von Rom in der Mannschaft des damaligen Teamchefs Franz Beckenbauer gewann Littbarski noch den DFB-Pokal 1983. Häßler war zudem noch Europameister 1996 in London – mit seinen Vereinen (1. FC Köln, AS Rom) schrammte er jedoch mehrfach knapp an Titeln vorbei.

Da spielt Boateng, der vielleicht gerade die Hälfte seiner Profikarriere absolviert hat (so er gesund bleibt), in einer anderen Liga. Mit 25 Jahren stehen auf seiner Visitenkarte: Deutscher Meister 2013 und 2014. DFB-Pokalsieger 2013 und 2014. Champions-League-Sieger 2013. Weltpokalsieger 2013 – alle Titel eingefahren als Stammkraft beim FC Bayern. Dazu hat er 2011 mit Manchester City den FA-Cup gewonnen.

„Immer sehr angespannt und nervös“

Angefangen hatte die Jagd auf Trophäen in Berlin. Die frühen Jahre verbrachte Jerome Boateng bei Tennis Borussia. Als 13-Jähriger war er 2002 zu Hertha BSC gewechselt und durchlief dort die Nachwuchsabteilungen. 2005 gewann Boateng den ersten nationalen Titel. Im Finale um die Deutsche B-Jugendmeisterschaft schlug Hertha Hansa Rostock mit 2:0. Bester Mann bei Hertha war Boateng. Auf der anderen Seite ein sehr enttäuschter Star von Hansa: Toni Kroos. Dirk Kunert, damals Trainer der Hertha-B-Jugend sagte: „Jerome hat damals super gespielt. Aber man musste ihm immer gut zureden und Mut machen. Er war ein zurückhaltender Junge, immer sehr angespannt und nervös.“

Boateng stand zunächst im Schatten seines exzentrischen Bruders Kevin, der spektakulär spielte und mit seinem Auftreten polarisierte. Jerome war der ruhige der Brüder, er galt als ein wenig phlegmatisch. Wer jedoch genau hinschaute, konnte sehen: Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder entwickelte sich die Karriere von Jerome rasanter. Die Hertha-Ausbildung und der Zeitgeist spielten ihm in die Karten. Jerome Boateng vereinigte eine seltene Mischung: Er wurde beidfüßig ausgebildet. Deshalb hat er sowohl mit dem rechten als auch dem linken Fuß eine gute Spieleröffnung. Mit seinen 1,92 Metern und 90 Kilogramm ist er ein athletischer und wuchtiger Typ. Und trotz Größe und Gewicht ist Boateng geschmeidig – und schnell.

WM wie im Zeitraffer der bisherigen Karriere

Diese Eigenschaften treffen auf eine Entwicklung im Fußball, bei der der Verteidiger nicht mehr nur fürs Abräumen zuständig ist, sondern nach der Balleroberung sofort den ersten Offensivimpuls setzen soll. Dafür braucht es eine gute Übersicht und eine gute Technik – alles vorhanden bei Boateng.

Die WM lief ein wenig im Zeitraffer wie seine bisherige Karriere: Wegen seiner Vielseitigkeit, er kann alle vier Positionen in der Abwehrkette spielen, wurde Boateng schon immer ein wenig umher geschoben. So auch in Brasilien. Beim FC Bayern spielt er stets im Abwehrzentrum. Bundestrainer Löw setzte Boateng auf der laufintensiven Position rechts in der Abwehr ein, um Kapitän Philipp Lahm im Mittelfeld aufbieten zu können. Nach der Vorrunde wechselte der Bundestrainer, schob Boateng von außen zurück ins Abwehrzentrum. In der Wackelpudding-Abwehr im Achtelfinale gegen Algerien (2:1 n.V.) überzeugte allein Boateng. Und steigerte sich im Endspiel noch mal. Mats Hummels, im Finale gehandicapt durch eine Sehnenverletzung, fehlte die Dynamik, die er bis dahin gezeigt hatte. Stattdessen gab Berlins Bester den Abwehrchef.

Boateng gelangen entscheidende Aktionen. Etwa, als er kurz vor der Pause einen Schuss von Lionel Messi blockte. Etwa, als Boateng seine Schnelligkeit ausspielte und in der zweiten Minute der Verlängerung den durchbrechenden Sergio Aguero stoppte. Boateng: „Ich hatte zum Glück ein Super-Timing und konnte den Ball klären.“ Sein Jugendtrainer Kunert sagte: „Das war das beste Länderspiel, das Jerome bestritten hat.“