Nachwuchs

Berliner Fußballvereine - Auf dem Weg zum nächsten Boateng

In Berlin gibt es besonders viele junge Fußballer. Im vergangenen Jahr verzeichnete der Verband 50.000 Jugendspieler – und nach der WM 2014 in Brasilien wird der Ansturm auf die Vereine noch zunehmen.

Foto: Massimo Rodari

Es war ein trüber, nasskalter Donnerstagabend im November, als der 17 Jahre alte Hüne den Ball in der Abwehr abfing, ungestüm über den ganzen Platz sprintete und schließlich das Spielgerät aus 20 Metern Entfernung in den Winkel drosch. Das Talent des jungen Mannes war zu diesem Zeitpunkt längst erkannt, sonst hätte er nicht – gerade der B-Jugend entwachsen – bereits in der zweiten Mannschaft von Hertha BSC gespielt.

Das Pokalspiel an jenem tristen Herbsttag fand im Jahr 2006 statt. Am Sonntag nun lief der junge Mann, es handelte sich um Jérôme Boateng, im Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro für Deutschland im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft auf. Seine damaligen Gegenspieler und Mitspieler saßen genauso vor den Fernsehern und Leinwänden in der Stadt und verfolgten das Spiel wie der Rest der Republik.

Die Bilderbuchkarriere des jüngeren der beiden Boateng-Brüder ist für Tausende junge Fußballspieler ein Traum. Und die gibt es in Berlin viele. Statistisch gesehen nimmt der Berliner Fußball-Verband jeden Tag acht neue Mitglieder auf. Im vergangenen Jahr verzeichnete der Verband 134.641 aktive Fußballspieler, davon waren 50.000 Jugendspieler.

Vereine platzen aus allen Nähten

So sehr der Erfolg der deutschen Fußball-Weltmeisterschaft die Berliner Fußballfunktionäre begeistert, so sehr fürchten die Vereinsbosse der mehr als 300 Berliner Vereine, in denen Fußball gespielt wird, die Zeit danach: Jedes Jahr nach einem Fußball-Großereignis rennen die Berliner den Vereinen die Türen ein – viele von ihnen müssen enttäuscht wieder nach Hause geschickt werden, weil die Fußballabteilungen aus allen Nähten platzen. Es fehlt an Trainingskapazitäten und qualifizierten Trainern.

Vor allem die Fußball-Weltmeisterschaft führt alle vier Jahre zu einem Ansturm auf Berlins Vereine. Nach der WM 2006 in Deutschland strömten 3000 neue Kicker in die Vereine, nach der WM 2010 in Südafrika waren es sogar 7000 Neuanmeldungen, nach der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine 2012 waren es immerhin 5000 potenzielle künftige Weltmeister.

Dass ein Talent aus Berlin unentdeckt bleibt, ist unwahrscheinlich. In sechs DFB-Stützpunkten werden jedes Jahr nur die Berliner Nachwuchskicker gesichtet. Bei den Elfjährigen geht es los. Dazu kommt das Internat von Hertha BSC, das quasi einen eigenen Stützpunkt bildet. Aus keiner anderen Stadt sind in den vergangenen Jahren mehr Spitzenfußballer hervorgegangen als aus Berlin.

Mit den A- und B-Jugendmannschaften sind Hertha BSC und Union Berlin in der Jugendbundesliga am Start, in der vergangenen Saison spielten darüber hinaus sechs Mannschaften in der A-Jugend-Regionalliga. Vier Vereine waren in der B-Jugend-Regionalliga – der zweithöchsten Spielklasse – tätig. Damit sind 150 Spieler eines jeden Jahrgangs im Spitzenfußball unterwegs. Aber auch in der Verbandsliga, der höchsten Berliner Spielklasse, tummeln sich viele ambitionierte Nachwuchsspieler.

Soziale Spannungen werden auf dem Platz ausgetragen

Die Auswahl ist hart. Am Ende der Ausbildung schaffen es höchstens drei bis vier Spieler eines Jahrgangs in den Profisport, für den Rest platzt der Traum auf eine Karriere als Nationalspieler irgendwo zwischen G- und A-Jugend. Auch das ist ein Phänomen im Jugendfußball: 60 Prozent der Spieler hören zwischen dem 14. und 17. Lebensjahr mit dem Vereinssport wieder auf.

Das Spektrum im Berliner Fußballbetrieb ist riesig. Neben den Profis von morgen und den ambitionierten Spielern dahinter geht es bis in die Niederungen der untersten Ligen herunter, wo es mehr um kontrollierte Koordinationsübungen mit Ball unter Wettkampfbedingungen geht. Und gerade hier zeigt sich oft auch die hässliche Seite des Fußballs: Die sozialen Probleme werden auf dem Fußballplatz ausgetragen, der Sport tritt in den Hintergrund.

Der Verband registriert pro Saison mehr als 60 Spielabbrüche – allerdings eine geringe Quote bei 25.000 gespielten Partien. Nach jedem Abbruch leitet der Fußballverband eine interne Untersuchung ein. Die Vereine müssen sich schriftlich zum Vorfall äußern, der Schiedsrichter wird befragt. Das Sportgericht rekonstruiert den Fall anhand der Aussagen der Beteiligten, versucht Auslöser und Rädelsführer zu identifizieren und sanktioniert Täter und Vereine. Bei wiederholten schweren Verstößen werden ganze Mannschaften aus dem Spielbetrieb genommen.

Schwarze Karte vom Verband

Die Strafen reichen von Geldbußen über zusätzliche Sicherheitsauflagen bis hin zu Platzsperren. Drei Tage vor dem Finale trafen sich zwei Protagonisten eines Fußball-Exzesses vor dem Amtsgericht Tiergarten.

Der Trainer einer A-Jugend-Mannschaft hatte im Streit den Schiedsrichter eines unterklassigen Spiels mit einem Messer verletzt. Die Richterin stellte das Verfahren gegen die Zahlung einer Geldbuße ein. Der Fußballverband reagiert auf solche Fälle rigoros – mit der sogenannten schwarzen Karte. Der Täter wird lebenslang gesperrt.

Mit solchen Exzessen war Jérôme Boateng nie konfrontiert. Sein Talent schützte ihn vor derart sportfernen Ausbrüchen – und führte ihn ins WM-Finale ins Maracanã-Stadion.