Kai-Pirinha

In Santo André feiert die Berliner Mauer ein Comeback

Das Campo Bahiam in Santo André, Stützpunkt des deutschen DFB-Teams, bleibt einer der am besten gesicherten Orte Brasiliens. Nicht alle finden das toll, beobachtet unser WM-Blogger Kai Schiller.

Foto: Kai Schiller

Langsam, aber nur ganz langsam, kann man sich an die Maschinenpistolen-Polizisten hier in Santo André gewöhnen. Zumindest als deutscher Journalist. Die meisten sind freundlich, lächeln und sagen nicht viel mehr als „Bom dia“, „tudo bem“ oder „tudo tranquilo“.

Nervig sind oft nur die danebenstehenden DFB-Sicherheitsbeamten, die wissen wollen, wohin man will (nach Hause), wer man ist (Kai) und warum man hier ist (um Urlaub zu machen…). Aber auch an derart intelligente Fragen kann man sich gewöhnen.

Dass sich der eine oder andere Bewohner von Santo André aber nur schwer damit arrangieren kann, dass gefühlt die halbe Armee Brasiliens vor Ort ist, dürfte auch klar sein. Insbesondere deswegen, weil die netten Militärpolizisten und die noch netteren DFB-Sicherheitsleute eben oft nicht ganz so nett zu den Menschen aus der Gegend sind.

Am Dienstag hatten sich sogar 50 Einwohner Santo Andrés im Kulturzentrum getroffen und überlegt, wie und ob man darauf reagiert.

Einen offiziellen Protest wird es nicht geben. Aber beim DFB hat man die Probleme mittlerweile auch registriert. „Es hat wohl nicht alles so optimal geklappt“, sagte Oliver Bierhoff am Mittwoch bei einer Pressekonferenz.

Bierhoff will die Probleme der Bewohner Santo Andrés Ernst nehmen

Bierhoff antwortete immerhin auf die Frage eines Journalisten nach dem enormen Sicherheitsapparat. Das war am Tag zuvor noch anders, als die argentinische Journalistin Patricia Grinberg Philipp Lahm und André Schürrle nach ihrer Meinung fragte. Ein DFB-Sprecher grätschte verbal dazwischen und erklärte, dass die Sicherheit in brasilianischer Hand sei. Das ist sicherlich richtig – und trotzdem darf man auch von einem Fußballer eine eigene Meinung erwarten.

Eine ganz eigene Meinung hat die Dorfbewohnerin Léa, die ich ja schon für meine erste Reportage aus Santo André besucht hatte. Sie überlegt, ob sie nun ein Hinweisschild „Die Berliner Mauer“ beim Polizei-Checkpoint anbringen sollte. Ihre Überlegungen waren der „Folha de Sao Paulo“, der wichtigsten Zeitung Brasiliens, immerhin einen großen Bericht wert.

Özil, Schweinsteiger, Podolski & Co. besuchen Musikschule

Will der DFB ernsthaft zur zweitbeliebtesten Mannschaft der WM werden, wie Oliver Bierhoff vor einer Woche ankündigte, dann sollte man die Bedürfnisse der Bewohner durchaus ernst nehmen.

Ein Anfang wurde immerhin gestern gemacht, als eine Musikschule im Ort von Mesut Özil, Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski, Matthias Ginter, Julian Draxler und Kevin Grosskreutz besucht wurde. Und sogar die musizierenden Kinder haben es durch die Polizeikontrollen geschafft…