Wenn wenigstens das Wetter mitgespielt hätte. Die Nationalspieler vor strahlend blauem Himmel und sonnenbeschienener Bergkulisse: Das wären doch Bilder mit Aufbruchsstimmung gewesen. Aber leider regnete es unablässig im Südtiroler Passeiertal, und so sahen wir den Bundestrainer unter seiner Regenkapuze mönchisch vor sich hinbrüten. Und wie es dann oft so ist im Leben: Wenn es dann einmal nicht läuft, dann geht es gleich so richtig daneben. Oder wie Jürgen Wegmann gesagt hätte: „Erst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu.“
Da war ja nicht nur die Sache mit dem noch verhältnismäßig neuen Nationalspieler, der in der Nacht des Pokalfinales in einem Berliner Hotel betrunken in die Lobby uriniert hatte. Da war die PR-Aktion mit Hauptsponsor Mercedes, bei der es zu einem Unfall mit Verletzten kam, und da war der Führerscheinentzug für den Teamchef, der zu schnell auf deutschen Autobahnen unterwegs gewesen war.
„Ein komplettes PR-Desaster“
Zumindest dafür hatte Jens Lehmann am Sonntag bei Günther Jauch eine originelle Erklärung parat: „Jogi Löws Problem ist einfach, dass er am falschen Ort wohnt“, sagte der ehemalige Fußball-Nationaltorhüter mit Blick auf die Lage der Löwschen Heimatstadt Freiburg, die ihn immer wieder zu langen Fahrten auf der Autobahn zwinge. Peter Lohmeyer, Schauspieler und bekennender Schalke-Fan, formulierte es drastischer: „Das mit Löw war ein komplettes PR-Desaster“, rief er aus – und wunderte sich völlig zurecht darüber, dass eine angepinkelte Säule in einem Hotel mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehe als regelmäßige Geschwindigkeitsübertretungen.
Es war eine etwas zwanglose, aber auch oft beliebige Plauderrunde, die sich da gestern im Schöneberger Gasometer traf, um über Fußball zu reden. Die Nationalmannschaft hatte gerade ein rumpeliges 2:2 gegen Kamerun vorgeführt. Die Runde rückte das rasch in die historische Perspektive – Lehmann etwa durfte daran erinnern, wie oft Vorbereitungsspiele auch bei vergangenen Turnieren hinter den Erwartungen zurückgeblieben waren.
Die Hitze von Katar ist schon zu spüren
Edmund Stoiber erläuterte gewohnt stoiberesk Selbstverständliches: Dass es einfach Millionen koste, den Spielerkader eines hochklassigen Fußballvereins aufzubauen und zu unterhalten oder dass der WM-Titel von 1954 für die Deutsche Nation sehr wichtig gewesen sei. Jens Lehmann schilderte im Vorgriff auf die WM 2022, wie es ist, bei stechender Hitze in Katar zu spielen: „Du kannst nicht atmen, es geht nicht“. Claudia Roth war rätselhafterweise auch da, lobte – auch dies hat man von ihr schon gehört – den Migrationshintergrund zahlreicher Nationalsspieler, weil dies die Buntheit unserer Gegenwart doch schön abbilde. Béla Rethy, der die ersten elf Jahre seines Lebens in Brasilien verbrachte, erklärte die sozialen Härten im Gastgeberland der Fußball-WM.
Als es darum ging, entstand der einzige Moment, der etwas wie eine Tür öffnete. Edmund Stoiber, der zuvor wortreich das millionenschwere Finanzgebaren hochklassiger Clubs wie Real Madrid oder Bayern München verteidigt hatte, geißelte nun den Irrsinn, dass in einem strukturschwachen Land wie Brasilien elf Milliarden Euro in ein Sportereignis investiert werden, ohne dass breite Teile der Bevölkerung etwas davon hätten. Da wurde Peter Lohmeyer emotional und laut und stellte kurzerhand fest, dass dies doch zwei Seiten derselben Medaille seien. „Die Frage ist doch: Wie denken wir heute über Geld und wie benutzen wir es?“ Das wäre tatsächlich mal eine abendfüllende Diskussion wert. Vielleicht wäre Günther Jauchs Sendung ein geeigneter Ort dafür.

