Selbst die Fernsehreporter staunten nicht schlecht, als sie einen der jüngsten aus der deutschen Mannschaft nach dem Triumph über England ans Mikrofon lotsten. Als habe er nicht gerade mit einer Torvorlage und zwei Treffern die entscheidende Rolle gespielt, blieb Thomas Müller (20) ganz gelassen im Interview. „Ich sitz’ ja schon 20 Minuten auf der Bank und habe mich wieder abgekühlt“, erklärte der Stürmer seinen förmlich hörbar niedrigen Ruhepuls so kurz nach dem Abpfiff, als zähle es zum Alltäglichsten der Welt, den Engländern mit 4:1 die höchste WM-Niederlage der Geschichte beizubringen.
Und dann nutzte er auch noch ganz cool das größtmögliche Forum der Republik, um seinen familiären Verpflichtungen nachzukommen. „Ich muss dringend meine beiden Omas und den Opa grüßen“, sagte Thomas Müller aus Weilheim in Bayern in die ARD-Kamera wie ein Anrufer bei einem Heimatmusikdudelsender: „Das ist schon lange überfällig.“
Vor dem Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft schien die Rolle Müllers dabei noch völlig ungewiss. Pjotr Trochowski winkten Vorteile, im rechten offensiven Mittelfeld in Deutschlands Nationalmannschaft zu rücken. Trochowski, inzwischen beim Hamburger SV unter Vertrag, kennt den rechten Verteidiger Philipp Lahm so gut aus gemeinsamen Zeiten bei Bayern München, dass eine Art blindes Verständnis hätte erhofft werden können, wenn beide auf derselben Seite spielen.
Müller hingegen kam mit der Empfehlung einer erstklassigen Saison beim FC Bayern zur Nationalmannschaft, aber ohne jegliche Routine bei großen Aufgaben. Er war erst zum Beginn der vergangenen Saison als Drittligaspieler in die Stammelf des FC Bayern gerückt und hatte Weltklasseleute wie Luca Toni oder Miroslav Klose überraschend verdrängt.
Als er sich dann eine Nummer für das Trikot mit dem Bundesadler aussuchen durfte, blieb lediglich die Wahl zwischen der 4, für gewöhnlich Erkennungszeichen der WM-Grätscher, der 14, die 1974 Johan Cruyff als niederländischer Kapitän berühmt gemacht hatte, und der 13, die durch einen traurigen Anlass vakant geworden war: Ihr etatmäßiger Träger, Michael Ballack, hatte sich kurz vor der WM bei einem üblen Foul schwer verletzt. Allerdings hat auch die 13 eine schöne Historie seit 1974: Deutschlands berühmtester Torjäger Gerd Müller trug sie in Deutschland beim WM-Triumph. Abergläubische Bedenken musste bei Thomas Müller keiner befürchten: Wer an einem 13. September zur Welt gekommen ist, sieht die Zahl als gutes Omen. Müller nahm also Müllers Nummer, die 13: „Für mich war das eine Steilvorlage.“
Rutschte er damit gleich gegen Australien statt Trochowskis in die Startelf und führte dabei vor, wie perfekt er sich mit dem zentralen deutschen Spiellenker Mesut Özil versteht, so legte er gestern gegen England noch einmal so spektakulär nach, dass der Privatmann Müller zuweilen selbst über den Fußballprofi Müller staunen muss: „Manchmal geht es mir selbst ein bisschen zu schnell“, räumt er ein, „aber ich spiel’ deswegen ja nicht mit Absicht schlecht.“
Lieber spielt er eine perfekte Mischung: Nicht zu eigensinnig, sondern mannschaftsdienlich, wenn es sein muss. Und dennoch ist Müller kaltschnäuzig auf den Torabschluss gedrillt, sobald es geht. Wie Özil, der filigrane Techniker aus Bremen, versteht sich Müller längst auf ein die Nation beglückendes Gefühl für den Steilpass in die Tiefe zum exakten Zeitpunkt, der gegnerische Abwehrreihen zuweilen miserabel aussehen lässt. „Er hat immer den Kopf oben für den freien Mann“, lobt der Invalide Ballack nach der Vorstellung gestern. Aber als Müller gestern beim 4:1 in der Mitte durchspurtete, um auf den Querpass des kongenialen Özil von Linksaußen zu hoffen, um abzustauben, kehrte er den Torinstinkt hervor. „Vorm Tor“, sagt er, „musst Du einfach die Ruhe haben.“
Die macht sich auch im Spiel nicht schlecht, wie Müller gestern vorgeführt hat: Ohne in Hektik zu geraten, hat er gestern seine Position auch dann gehalten, als die Engländer nach ihrem Anschlusstreffer eine halbe Stunde lang Deutschland gefährlich unter Druck setzten. Immer mit dem Instinkt eines alten Fußballfuchses, der ganz genau weiß: So lange die Gegner ohne Torerfolg anrennen, lässt sich das Spiel in Sekundenschnelle auf der anderen Seite entscheiden – mit einem flinken blitzsauberen Konter. „Der Müller, der ist ein Spieler, der macht Tore. Immer“, hat sein Amateurcoach Hermann Gerland, einst geschwärmt, „auch wenn er schlecht spielt.“
So wie er im englischen Druck einige Minuten lang auf seiner Seite untertauchte, so maßgeblich tauchte er entsprechend in der 67. Minute allen Lobeshymnen Gerlands und anderer zum Beweis auch wieder auf: „Beim 3:1 habe ich ein bisschen Glück gehabt“, sagt Müller, „der Torwart hat ein bisschen auf eine Ecke spekuliert, und ich habe in die richtige getroffen.“
Gegen kräftig zulangende englische Gegner, die robusten Einsatz aus ihrer Premier League gewöhnt sind, zahlt sich zudem Thomas Müllers furchtlose Einstellung auf dem Fußballplatz aus. Obwohl er bei 1,86 Meter Körpergröße mit nur 74 Kilogramm sehr schlaksig aussieht, kennt er keine Angst: „Wo keine Muskeln sind, kann auch nichts wehtun.“





