Das Gezeter in Serbien war groß, und der Schuldige am Vorrunden-Aus in Jorge Luis Larrionda (42) schnell ausgemacht. „Wir sind bestohlen worden“, hatte Trainer Radomir Antic nach dem 1:2 gegen Australien stellvertretend für die nationale Gemütslage dem Schiedsrichter aus Uruguay ausrichten lassen. Antic wollte einen Elfmeter in der Schlussminute gesehen haben. Es war eine strittige Szene, Larriondas Pfiff blieb aus.
Jene Beiläufigkeit ist insofern erwähnenswert, weil die Fifa Jorge Larrionda die Leitung des Achtelfinals Deutschland gegen England übertragen hat. Drei Spiele hat er in Südafrika bereits gepfiffen. Neben Serbien gegen Australien auch noch das 0:0 der Elfenbeinküste gegen Portugal und Dänemarks gegen Kamerun (2:1). Er tat es äußerst solide und ohne Auffälligkeiten.
Nun sind die Schiedsrichterleistungen bei dieser WM ein viel diskutiertes Thema. Eines, bei dem die Unparteiischen recht schlecht wegkommen, weil mancher mit eigentümlicher Regelauslegung auffällig wurde und weil zudem nicht jede Vita frei von Skandalen ist.
Auch Larriondas Karriere bietet Raum für Spekulationen. 2002 wurden Korruptionsvorwürfe gegen ihn laut. Sechs Monate wurde er aus dem Verkehr gezogen, die WM in Japan und Südkorea, für die er ursprünglich nominiert war, musste er auslassen. Die Anschuldigungen erwiesen sich später als haltlos. Doch die Geschichte haftet ihm immer noch an.
Er selbst hat einmal von sich gesagt, er sei ein ganz korrekter Arbeiter. Hauptberuflich ist Larrionda Buchhalter in einer Baufirma in Montevideo. Peinlich genau legt er Wert darauf, als unparteiisch durchzugehen. Seinen Lieblingsverein in Uruguay etwa will er partout nicht preisgeben. Selbst seine Kinder haben findige Reporter schon um Auskunft gebeten. Er hat sie gebrieft, „kein Kommentar“ lautete die Antwort der Zöglinge. Larrionda spricht lieber über belanglosere Dinge, darüber etwa, dass er Rock-Fan ist, aber auch uruguayische Folklore mag. Und dass er nebenbei noch Papageien züchtet. Seine Passion aber ist das Schiedsen.
Mit 19 las Larrionda in der Zeitung über einen Kurs zur Schiedsrichterausbildung. Er stürmte damals als Amateur, als Schiedsrichter brachte er es schnell zu höheren Weihen. Seit 17 Jahren pfeift er in der ersten Liga Uruguays, seit 1998 ist er Fifa-Referee.
Larrionda ist einer mit reichlich internationaler Erfahrung. Allein vier Endspiele der Copa Libertadores, dem Champions-League-Pendant Südamerikas, hat er in den vergangenen zehn Jahren befehligt. Dazu kommen Einsätze bei der Copa America, bei Olympia und nicht zuletzt bei der WM 2006, als er zu einem der drei Besten des Turniers gewählt wurde.
Er gilt als äußerst konsequent. Larrionda ist es herzlich egal, ob er einen Spieler gleich in der ersten Minute wieder in die Kabine schickt – er tat es im Mai 2010 in der Copa Libertadores. Ob er gleich fünfmal in einem Spiel auf dem Elfmeterpunkt zeigt – vor zehn Jahren stellt er diesen Rekord auf. Oder ob er mehrere Platzverweise erteilt – so wie bei der WM 2006 im Spiel zwischen Italien und den USA, als er zweimal Rot und einmal Gelb-Rot gab. Alle Verweise waren unumstritten. „Das hat er richtig gut gesehen“, urteilte der ehemalige Schiedsrichter Urs Meier. Die Kommentare der Protagonisten damals allerdings ähnelten denen der Serben vor wenigen Tagen.





