Das hätten wir von einem Italiener ja nun wirklich nicht erwartet: Fabio Capello, geboren in San Canzian d’Isonzo im Nordosten Italiens und derzeit der Nationaltrainer Englands, hat den Trick verraten, mit dem er seine Mannschaft bei der Weltmeisterschaft vor einer Blamage bewahrte. Vor dem 1:0 (1:0) gegen Slowenien ließ er die Spieler Bier trinken. Mamma mia! Kein Chianti, kein Pinot Grigio, sondern schnödes Bier. Immerhin war es südafrikanisches, mit dem Brauen haben es die Inselbewohner ja nicht so. Schließlich können sie ihre Plörre in 30 Sekunden einlaufen lassen, wohingegen das Zapfen eines guten deutschen Bieres sehr viel länger dauert.
Was sie viel besser können als Bier brauen ist Krakeelen. Die Schlagzeilenkultur auf der Insel ist so britisch wie der Nachmittagstee mit Gurkensandwich. Und das liebste Ziel des Boulevards ist Deutschland. „Achtung! Surrender!“, tönte die „Daily Mail“ bei der Europameisterschaft 1996 vor dem Halbfinale der Lieblingsfeinde, „Achtung! Ergebt Euch!“. Es kam dann aber doch, wie es immer kommt: Deutschland gewann im Elfmeterschießen, die Engländer leckten ihre Wunden und verarbeiteten das Trauma unter anderem, indem sie es nachträglich in die ersten Strophe der wunderbaren Fußballhymne „Football’s coming home“ einbauten.
Nun ist es wieder so weit. Nach dem Bierdoping des Signore Capello haben die Engländer das Achtelfinale erreicht und treffen dort am Sonntag (16.00 Uhr) in Bloemfontein auf Deutschland. Glanzvoll waren die Auftritte der Rivalen bislang nicht. Auch die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw tat sich schwer in der Vorrunde, nach dem überzeugenden 4:0-Auftaktsieg über Australien wurde es gar eine Qual. Erst gab es eine Niederlage gegen Serbien, es folgte das knappe 1:0 gegen Ghana.
Der Sieg täuscht im deutschen Lager niemanden über die schwache Vorstellung hinweg und auch nicht über die Tatsache, dass ein Geistesblitz von Mesut Özil in der 60. Minute die Entscheidung brachte. Doch trotz aller Unzulänglichkeiten herrschte Optimismus im Hotel „Velmore Grande“. Bundestrainer Joachim Löw zeigte sich erleichtert, das Vorrundenaus abgewendet zu haben: „Für so eine junge Mannschaft ist es gut, durch so ein Stahlbad zu gehen in einem Spiel um alles oder nichts. Wir freuen uns auf England.“
Dem Gegner geht es nicht anders, die Londoner Massenblatt „The Sun“ titelte in freudiger Erwartung eines „Leckerbissens“: „Herr we go again!“ Auch der „Daily Star“ erinnerte lustvoll an alte Feindschaften und forderte die englischen Spieler auf: „Packt euch die Hunnen.“ Dass es sich bei den Hunnen um ein zentralasiatisches Volk handelte, sei hier nur am Rande erwähnt.
Tatsächlich hätte es für die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw keine bessere Ansetzung geben können als dieses Duell der Fußballmächte. Basiert doch das boulevardeske Säbelrasseln der angelsächsischen Presse auf nichts anderem als der blanken Furcht vor der nächsten Blamage. 1970 scheiterten die Engländer im WM-Viertelfinale in der Verlängerung an Uwe Seelers Hinterkopf und Gerd Müllers Direktabnahme. Zwei Jahre später langten einer überragenden deutschen Mannschaft um Günter Netzer 90 Minuten, um England im Viertelfinale aus der Europameisterschaft zu komplimentieren. 1990 wurde das Halbfinale der Weltmeisterschaft per Elfmeterschießen entschieden, ebenso wie sechs Jahre später das EM-Duell im Wembley-Stadion. Englands einziger Sieg bei einem großen Turnier basiert bekanntlich auf einem Schiedsrichterfehler. Stichwort: Wembley 1966.
So war die Stimmung im deutschen Lager am Donnerstag auch tiefenentspannt. Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger und Holger Badstuber knatterten mit einem Geländefahrzeug über den Hotelplatz und wirbelten dabei so viel Staub auf wie sonst nur englische Zeitungen. Andere nutzten den freien Nachmittag und trafen ihre Familien. Joachim Löw genoss derweil einen Espresso in der Sonne. In der Nacht zuvor waren sie vom Hotelpersonal mit einem Feuerwerk begrüßt worden, als sie siegreich aus Johannesburg zurückgekehrt waren. „Wir haben unser Minimalziel erreicht“, sagte Co-Trainer Hans-Dieter Flick am Donnerstag, „und nun freuen wir uns auf das Spiel gegen England. Die haben bei dieser WM noch nicht das gezeigt, was sie zu leisten imstande sind.“
So sind denn auch die weniger krawalligen Blätter der Briten vorsichtiger als ihre krachbunten Konkurrenten: „Die gute Nachricht: England ist weiter. Die schlechte Nachricht: Nächster Gegner ist Deutschland“, titelte „The Guardian“. Und der „Independent“ fuhr gar Nationaltrainer Capello über den Mund, der seine Spieler nach dem Sieg über Slowenien nun furchtlos wähnte: „Weiß er nicht, dass jetzt Deutschland kommt?“
Die Voraussetzungen müssten umgekehrt sein: England rückt mit einer wahren Starauswahl an. Wayne Rooney, Frank Lampard, Steven Gerrard und John Terry haben mehr internationale Reputation als Deutschlands gesamter 23-Mann-Kader. Doch das Team harmoniert nicht und ist intern zerstritten, wie Terrys Revolte zeigte. Zusammen mit anderen Stars wollte der Kapitän des FC Chelsea angeblich Capellos Taktik im Handstreich ablösen und einen Einsatz von Joe Cole erzwingen. Das Unterfangen scheiterte zwar und zog eine öffentliche Entschuldigung Terrys nach sich, doch der Eindruck bleibt: England ist derzeit weit von der Form der WM-Qualifikation entfernt, die souverän gemeistert wurde. „Die Chancen stehen 50:50“, sagte der deutsche Innenverteidiger Arne Friedrich gestern. Zwar sei England in der Favoritenrolle, aber „wir haben den Vorteil, dass wir eine Turniermannschaft sind“. Der Druck sei nach dem abgewendeten Vorrundenaus nun nicht mehr so groß, berichtete Friedrich: „Wir werden mit der Überzeugung ins Spiel gehen, dass wir gewinnen können.“
Wie es sich für ein solch epochales Duell gehört, machen sich nicht nur Spieler Gedanken über den Spielausgang. „Ich bin ganz hoffnungsfroh, dass wir eine Chance haben, England zu besiegen“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel, „meine Gedanken sind bei der Mannschaft.“ Auch der für den Sport zuständige Innenminister Thomas de Maizière treibt das europäische Gipfeltreffen um: „Ich bin optimistischer, was das Spiel gegen England angeht, als vor der Partie gegen Ghana. Da hatte ich doch einige Sorgen. Von England bin ich bislang enttäuscht.“





