Die letzte Trainingseinheit der deutschen Handball-Nationalmannschaft vor der Abreise zur Europameisterschaft erinnerte an ein Wimmelbild. Nahezu jede Ecke des Sportforums in Berlin-Hohenschönhausen war am Mittwochabend gefüllt mit Spielern, Betreuern, Schaulustigen oder Kamerateams. Nicht einmal 24 Stunden später, zum Trainingsauftakt der Füchse Berlin, bot sich am Donnerstagnachmittag ein gegensätzliches Bild. Es war, als hätte jemand das Wimmelbild einfach leergepustet.
Mit nur vier Profis startete Füchse-Trainer Velimir Petkovic in die Vorbereitung auf die Rückrunde, die für die Berliner am 7. Februar (19.30 Uhr) mit dem 7. Spieltag im EHF-Pokal gegen das französische Team Saint-Raphaël Var Handball beginnt. Ohne Oliver Milde, den die Füchse gerade erst vom VfL Bad Schwartau zurückgeholt, und den Dänen Johan Koch, den die Berliner für die Rückrunde von den Kadetten Schaffhausen verpflichtet haben, wären es mit Erik Schmidt und Kevin Struck sogar nur zwei Spieler gewesen.
Wenn am heutigen Freitag die Europameisterschaft in Kroatien beginnt, tummeln sich so einige Handballer der Füchse in Split, Zagreb und Varaszdin. Das Auftaktspiel bestreitet Linksaußen Bjarki Elisson mit Island gegen die Schweden um Mattias Zachrisson (18.15 Uhr/live auf Handball-Deutschland.tv). Die weitaus brisantere Partie findet aber zwei Stunden später in Split statt: Um 20.30 Uhr treffen Jakov Gojun, Marko Kopljar und Stipe Mandalinic als Gastgeber auf Serbien (ebenfalls live zu sehen auf Handball-Deutschland.tv) mit Petar Nenadic, der nach der EM bekanntlich ja zum KC Veszprem wechselt.
Viele heiße Duelle zwischen Ländern aus Ex-Jugoslawien
„Das ist ein ganz besonderes Spiel für uns“, sagt Drago Vukovic. Der 34-Jährige, der 2004 mit Kroatien Olympiagold gewann, steht nicht im Aufgebot. Dass er wie die zehn aktiven Füchse-Spieler dabei sein kann, hat er Petkovic zu verdanken, der ihm genau wie Fabian Wiede noch ein paar Tage frei gegeben hat. „Ich wollte dieses Spiel unbedingt schauen und bin Petko unheimlich dankbar für diese Möglichkeit“, sagt er. Vukovic ist in Split geboren und hat noch heute seine Wohnung dort – fünf Minuten von der Arena entfernt, in der sich an diesem Freitag die beiden Nationen messen, die mal ein gemeinsames Land waren.
„So etwas erlebt man nicht alle Tage“, sagt Trainer Petkovic. „Einem so verdienten Spieler wie Drago das zu ermöglichen, ist selbstverständlich.“ Zwischen den Spielern aus dem ehemaligen Jugoslawien habe es nie Probleme gegeben, betont Vukovic. Er habe sogar geplant, sich vor der Partie noch mit Petar Nenadic auf einen Kaffee zu treffen. „Es gibt aber in jedem Land genug bekloppte Leute, ich hoffe, es geht alles gut.“
Seine Kinder lässt Vukovic lieber zu Hause, wenn er sich mit seiner Frau und dem Schwiegervater in die 12.500 Zuschauer fassende Spaladium Arena begibt. Auf VIP-Karten hat er verzichtet. „Ich möchte lieber bei den Fans sitzen.“ Das Spiel hat für die Kroaten eine große Bedeutung. „Falls sie das verlieren, werden sie emotional richtig kaputt sein“, glaubt Vukovic.
Die Sehnsucht der Kroaten nach dem Titel
Handball hat eine lange Erfolgshistorie in Kroatien, das seit 2003 in fast jeden Jahr eine Medaille bei internationalen Wettbewerben gewonnen hat. Der EM-Titel blieb dem Land aber bislang verwehrt. Die Sehnsucht nach Gold im eigenen Land ist groß. „Wir haben keine schlechte Mannschaft, aber einige wichtige Akteure haben zuletzt nicht viel gespielt“, erklärt Vukovic. Dazu gehört Kroatiens Anführer Domagoj Duvnjak, der erst im Dezember nach einer Knieoperation und sieben Monaten Pause sein Comeback beim THW Kiel gab.
Außerdem ist da ja auch noch die Konkurrenz: Mit Island und Schweden haben Kroatien und Serbien zwei weitere hochklassige Teams in der Gruppe, insgesamt sechs Füchse-Spieler kämpfen dort ums Weiterkommen. Nur die besten drei Teams qualifizieren sich für die Hauptrunde. Deutschlands Füchse-Profis Silvio Heinevetter, Paul Drux und Steffen Fäth bleiben zunächst unter sich.
In der Hauptrunde könnte Hans Lindberg warten
In der Vorrunde treffen sie mit Montenegro, Slowenien und Mazedonien auf die gesammelte Palette der jugoslawischen Nachfolgestaaten, die viele Anhänger in der Umgebung haben. „Da wird dreimal Feuer unterm Dach sein, aber wir können nur an uns selbst scheitern“, glaubt Füchse-Geschäftsführer und DHB-Vize Bob Hanning. In der Hauptrunde könnte Deutschland dann auf Hans Lindberg mit Olympiasieger Dänemark treffen sowie auf Spanien, Ungarn oder Tschechien.
Zur Hauptrunde reist auch Petkovic nach Kroatien. Wem er die Daumen drückt, hat der gebürtige Bosnier mit deutschem Pass noch nicht entschieden. „Ich bin in erster Linie für meine Spieler“, sagt er. Bei einem Duell Kroatien gegen Deutschland müsste er auf beiden Seiten drei Spielern die Daumen drücken. „Das stimmt, da kann ich mich jetzt noch nicht festlegen“, sagt der 61-Jährige. Zu diesem Duell kann es allerdings frühestens im Halbfinale kommen. Vielleicht wird ja bis dahin Fabian Wiede noch nachnominiert.





