Früher nannten sie Oliver Roggisch „the Rogg“. Ein passendes Wortspiel mit dem englischen „rock“: Tatsächlich kam dieser Mann seinen Gegenspielern wie ein Stein vor, ein über zwei Meter großer Felsen. Heute kann der 39-Jährige noch immer zupacken. Nicht länger als Abwehrchef der Handball-Nationalmannschaft, sondern als deren Teammanager, mit der es bei der am Freitag beginnenden EM in Kroatien um die Titelverteidigung geht.
Herr Roggisch, 2014 haben Sie Ihre Spielerkarriere beendet.Kribbelt es manchmal noch?
Oliver Roggisch: Ich habe mein Leben lang Handball gespielt und geliebt, von daher ist das Kribbeln immer da, auch wenn es sich verändert hat.
Inwiefern verändert?
Als Spieler habe ich mir Partien angesehen und mich dabei gefragt, was ich selbst anders machen würde. Jetzt kann ich ein Spiel auch einfach mal genießen. Mir ein Handballspiel ansehen wie ein Fußballspiel. Ohne dabei zu überlegen, was ich in der Abwehr verändern würde.
Obwohl das mit dem Loslassen ja auch nicht ganz geklappt hat. Sie sind der Teammanager der Nationalmannschaft.
Das war nie mein Ziel. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, und das ist wohl das Schönste, was einem passieren kann. Als die Möglichkeit kam, bei den Rhein-Neckar Löwen und zudem 30 Tage im Jahr für den Deutschen Handballbund zu arbeiten, habe ich auch nicht lange überlegt. Der Zeitpunkt für den sportlichen Rücktritt damals war richtig. Es ist eine ideale Lösung.
Was genau ist Ihre Aufgabe?
Der Teammanager ist das Bindeglied zwischen Trainer und Mannschaft. Ich kenne die Sorgen der Spieler, plane mit der Geschäftsstelle des Deutschen Handballbundes die Vorbereitung und die Trainingslager. Während der Turniere und der Trainingslager bin ich für alles zuständig, was organisatorisch anfällt: Anreise und Abreise der Spieler, Probleme im Hotel bewältigen, den Tagesplan für die Mannschaft ausarbeiten, mich um Wechselmodalitäten und Nachnominierungen kümmern. Ich mache alles, um den Trainern die Arbeit zu erleichtern. Medienarbeit wie der Auftritt in der ARD-„Sportsschau“ am Sonntag gehört auch dazu.
2007 wurden Sie mit Deutschland Weltmeister als Spieler, 2016 als Teammanager mit Deutschland Europameister. Was unterscheidet die Spielergenerationen?
Wenn ich mir die Jungs von heute angucke, fällt schon auf, dass die Spieler immer athletischer werden. Wie ein Tobias Reichmann heute in der Luft steht oder wie hart ein Julius Kühn wirft, das sind schon ein paar richtige Topathleten, die mehr in ihre Fitness investieren und auf ihre Ernährung achten. Sie leben den Beruf des Handballprofis vielleicht ein bisschen mehr, als wir das damals gemacht haben. Die Jungs haben auch eine viel höhere Belastung durch Liga, Pokal und Champions League. Generell kann man sagen: Es wird noch schneller und noch athletischer.
Was unterscheidet eine EM von einer WM?
Die EM ist deutlich schwieriger zu spielen. Bei einer WM kann man immer mal ein Außenseiterteam dabeihaben, gegen das man sich einspielen, etwas probieren oder Spieler schonen kann. Bei einer EM werden die Karten sofort auf den Tisch gelegt. Jedes Team spielt mit seiner Topbesetzung das, was es einstudiert hat. Man kann die spielerische Stärke also nicht verstecken, wie man es zu Beginn einer WM mitunter tun kann.
Ihr ehemaliger Mitspieler Christian Schwarzer absolvierte mit dem deutschen Team beim EM-Gewinn 2004 sieben Spiele in zehn Tagen, weshalb er die heutigen Turniere scherzhaft als Wellnessveranstaltung bezeichnet hat.
Es ist sicher keine Wellnessveranstaltung, die zusätzliche Regenerationszeit ist notwendig. Wenn wir das alte System noch hätten, wäre nicht auszudenken, was es da für Verletzungen geben würde. Gerade weil der Sport schneller geworden ist und das Pensum in Ligen und Champions League sich so brutal erhöht hat. Das Ausdehnen der Regenerationsphasen war richtig. Man muss sich nur erinnern, wie damals teilweise die Finalspiele ausgesehen haben, wenn man fast jeden Tag gespielt hat und die Mannschaften mit zunehmendem Turnierverlauf nicht mehr auf ihr Niveau kamen, weil die Spieler so kaputt waren.
Was erwartet die Nationalmannschaft in der EM-Vorrunde mit den Gegnern Montenegro, Slowenien und Mazedonien?
Drei harte Auswärtsspiele. Da werden sicher einige Fans aus den benachbarten Ländern Kroatiens in der Halle sein, von daher können wir uns beim Einlauf auf ein schönes Pfeifkonzert freuen. Von den Zuschauern wird Druck kommen, und auch die Gegner werden mit sehr viel Druck und Emotionen ins Spiel gehen. Es wird eine richtig schwere Vorrunde mit Mannschaften, die an guten Tagen jeden schlagen können. Stimmt die Einstellung nicht, kann es schnell wie bei der letztjährigen WM gehen, wo wir im Achtelfinale gegen Katar verloren haben. Wir müssen auf der Hut sein.
Die größte Änderung im Vergleich zu Vorjahren findet sich auf der Trainerposition.
Das ist die größte Änderung, ja. Aber Christian Prokop ist keiner, der alles umwirft. Er hat viele gute Dinge von Dagur Sigurdsson übernommen. Dinge, die zur Mannschaft passen, hat er behalten, in der Abwehr hat er seine eigene Handschrift eingebracht, in manchen Spielsituationen denkt er noch offensiver als Dagur. Er ist ein sehr kommunikativer Trainer, der immer ein Ohr für die Spieler hat und weiß, was er möchte.
Was bleibt von der Ära Sigurdsson?
Es war beeindruckend, wie Dagur es geschafft hat, der Mannschaft mit relativ geringem Aufwand ein Image einzutrichtern. Dieses Image der „Bad Boys“ mit einer starken und körperlich harten Abwehr hält ja bis heute an. Die Abwehr war 2016 bombastisch und ist noch immer ein Markenzeichen dieses Teams.




