Vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft in Polen zählte Fabian Wiede noch zu den glücklichen „Bad Boys“ des Deutschen Handballbundes (DHB), die dort völlig überraschend die Goldmedaille gewannen. Doch wenn am Donnerstag die Nationalmannschaft aus der deutschen Hauptstadt Richtung Kroatien fliegt, wo die Titelverteidigung in Angriff genommen werden soll, wird der 23-jährige Linkshänder der Füchse Berlin nicht an Bord der Maschine sitzen. Bundestrainer Christian Prokop strich Wiede, Finn Lemke, Rune Dahmke und Marian Michalczik aus seinem zuvor 20-köpfigen EM-Aufgebot. „Wir haben uns für 16 Spieler entschieden, nicht gegen vier“, sagte Prokop, „das waren harte Entscheidungen. Wir hatten hier die derzeit besten zwanzig deutschen Spieler versammelt.“

Prokop überrascht mit zwei Leipziger Neulingen

In Stuttgart und Neu-Ulm hatte Prokop in den beiden letzten Testpartien vor den kontinentalen Titelkämpfen gegen Island allen Aspiranten eine Chance gegeben. Die DHB-Auswahl gewann am Freitag 36:29, am Sonntag sogar 30:21 gegen den Olympia-Zweiten von 2008. Das deutsche Team spielte sehr stark und nimmt einigen Rückenwind für die EM mit auf seine Reise. „Wir haben uns sehr gut präsentiert und noch einmal eine Schippe draufgelegt. Viele Konzepte sind aufgegangen. Wir fahren mit einem guten Gefühl nach Kroatien“, sagte etwa Torhüter Andreas Wolff. Kapitän Uwe Gensheimer ergänzte stolz: „Die Breite im Kader ist unsere große Stärke. Das macht es für jeden Gegner schwer. Deswegen sind wir ziemlich optimistisch.“

Wiede schaffte es nicht, aber dafür sind mit Steffen Fäth, Europameister von 2016, Paul Drux und dem gegen Island beide Male glänzend parierenden Schlussmann Silvio Heinevetter drei andere Akteure der Füchse dabei. Sicher nicht ohne leise Kritik wird bleiben, dass Prokop, der vor seinem Bundestrainer-Engagement beim SC DHfK Leipzig arbeitete, mit Kreisläufer Bastian Roschek und Rückraumspieler Maximilian Janke zwei Leipziger nominierte, die erst im Test gegen Island ihr Länderspiel-Debüt feierten. Novizen also. Doch schließlich hat auch Prokops Vorgänger Dagur Sigurdsson manchmal vorgehalten bekommen, gern auf seine jungen Füchse-Spieler zurückzugreifen. Letztlich gab ihm sein Erfolg recht.

Hanning glaubt, dass noch Spieler nachnominiert werden

Auch in der Brust von Bob Hanning dürften bei all diesen Personalien zwei Herzen schlagen. „Die Spieler müssen die Entscheidungen akzeptieren“, sagt der Geschäftsführer der Füchse Berlin, der gleichzeitig DHB-Vizepräsident ist. „Für Christian Prokops Idee, seine Abwehr variabler gestalten zu können, ist es die richtige Entscheidung.“ Andererseits, sagt der Manager, sehe er ohnehin eine „Mannschaft mit zwanzig Spielern“. Es werde sicher während des Turniers in Kroatien noch Veränderungen geben, so wie es vor zwei Jahren in Polen durch eine Vielzahl an Verletzungen der Fall war. „Für jeden Spieler“, sagt Hanning, „ist die Tür noch offen. Diese Entscheidung muss noch für niemanden das EM-Aus bedeuten.“

So sieht es auch der Bundestrainer: „Die EM ist lang, so dass wir mehrere Optionen brauchen werden. Bei aller Enttäuschung der aktuell nicht nominierten Spieler ist es wichtig, dass der Teamgedanke im Vordergrund bleibt.“ Im Turnierverlauf hat Prokop dann bis zu sechs Wechseloptionen, je zwei in der Vorrunde, in der Hauptrunde und in den Finalspielen. Aktuell stehen acht Europameister von 2016 in der deutschen Mannschaft; Heinevetter und Drux etwa waren in Polen nicht dabei, wohl aber wie Wiede und Fäth beim Gewinn der olympischen Bronzemedaille 2016 in Rio de Janeiro.

Auftakt am Sonnabend gegen Montenegro

Nach zwei freien Tagen trifft sich der DHB-Tross am Mittwoch in Berlin, trainiert dort am Abend und fliegt tags darauf nach Zagreb. Vorrundengegner sind Montenegro (13. Januar) der WM-Dritte Slowenien (15. Januar) und Mazedonien (17. Januar). Die ersten drei Mannschaften jeder der vier Vorrundengruppen erreichen die Hauptrunde, die untereinander erzielten Ergebnisse werden weiter gewertet. Mögliche Gegner in der zweiten Turnierphase, deren Schauplatz Varazdin sein wird, sind Tschechien, Ungarn, Spanien und Olympiasieger Dänemark. Gut möglich, dass dort auch Fabian Wiede einer der „Bad boys“ sein wird.