Ein Fuchs für Deutschland

Wiede ist der Linkshänder mit dem Sieger-Gen

Bei den Füchsen ist Fabian Wiede zum Nationalspieler gereift, der Verantwortung übernimmt. Jetzt geht er beim Supercup für Deutschland auf Torejagd.

Foto: imago/objectivo

Außerhalb des Feldes wirkt Fabian Wiede zuweilen etwas teilnahmslos. Dabei ist es egal, ob der Handballspieler der Füchse Berlin nach einem Sieg, einer Niederlage oder außer der Reihe Rede und Antwort steht. Emotionen trägt er selten nach außen, direkten Blickkontakt vermeidet er lieber.

Auf dem Feld vibriert sein Körper vor Energie

Ein sprudelnder Quell kerniger Aussagen ist Wiede bislang nicht, aber vielleicht ändert sich das bald, denn das Interesse an dem 21 Jahre alten Rückraumspieler nimmt immer mehr zu. Das liegt vor allem an seinem Auftreten auf dem Feld. Im Spiel scheint sein Körper vor Energie zu vibrieren. Selbstbewusst manövriert er sich an seinen Gegenspielern vorbei, trifft Entscheidungen und trägt Verantwortung. Seit der Verletzung von Paul Drux, liegt der Fokus bei den Füchsen vermehrt auf Wiede, der in den vergangenen Wochen auch immer mal wieder als Spielgestalter fungierte.

Die positive Entwicklung des Linkshänders, der im Februar 2016 parallel zum Handball eine kaufmännische Ausbildung beginnt, ist auch Bundestrainer Dagur Sigurdsson aufgefallen. Der ehemalige Füchse-Trainer nominierte den Rückraumspieler für den ersten Lehrgang der Saison 2015/16, den Supercup, bei dem die deutsche Nationalmannschaft am Freitag gegen Brasilien antrat (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe). Serbien (Sonnabend in Hamburg) und Slowenien (Sonntag in Kiel) sind die nächsten Gegner.

Hanning gibt den Sieg des Supercups als Ziel aus

Wiedes erster Supercup wird auch gleichzeitig der letzte für die Nationalmannschaft sein. Die Ticketnachfrage ist zu gering. „Dieses Format lockt in den großen Städten einfach keinen mehr hinter dem Ofen vor“, sagt Bob Hanning, DHB-Vizepräsident Leistungssport. Nach dem Turnier wolle man sich Gedanken über ein neues Konzept machen. Ein zukunftsfähiges Modell wäre ein Länderkampf, bei dem auch Jugendmannschaften teilnehmen. Vorher erwartet Hanning aber noch einen Sieg der deutschen Auswahl beim Supercup, der für Sigurdsson als Gradmesser gilt, welche Spieler er zur Europameisterschaft mitnimmt, die im Januar 2016 in Polen stattfindet.

Fabian Wiede, der aktuell neben Steffen Weinhold (THW Kiel) und Michael Müller (MT Melsungen) im Kader für die Position Rückraum rechts steht, hat dabei gute Chancen. „Ich bin im Moment wirklich sehr zufrieden mit Fabi“, sagt Hanning in seiner Funktion als Füchse-Geschäftsführer. Das war nicht immer so. Ende 2014 hatte Wiede eine Schwächephase, in deren Folge Sigurdsson ihn für die WM in Katar aus dem Kader strich. „Wir hatten dann ein ernstes und klärendes Gespräch über die Fokussierung im Spitzensport, seitdem hat er einen großen Schritt in seinem Kopf gemacht“, sagt Hanning, der Wiede 2009 von Potsdam nach Berlin holte und ihn als Jugendtrainer weiterentwickelte.

Vier Titel gewann der aus Belzig stammende Wiede mit der Jugend. Nachdem er 2013 seinen ersten Profivertrag bei den Füchsen unterschrieben hatte, folgten drei weitere Trophäen mit der ersten Mannschaft (DHB-Pokal, EHF-Pokal, Klubweltmeister). „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell eine wichtige Rolle spielen würde“, sagt Wiede. So ging es auch seinem damaligen Mitspieler Konstantin Igropulo. Der glaubte zwar auch, ein Talent erkannt zu haben und prophezeite im Oktober 2013: „In ein paar Jahren spielt Fabian bestimmt in der deutschen Nationalmannschaft.“ Aus den Jahren wurden dann aber Monate, denn schon im Dezember 2013 wurde Wiede aufgrund einer Verletzung Steffen Weinholds vom ehemaligen Bundestrainer Martin Heuberger in den Kader berufen.

Er hat den Mut, sich den letzten Wurf eines Spiels zu nehmen

Auch bei der Nationalmannschaft wusste er durch eine gute Spielübersicht, seinen schnellen Wurf und seine Selbstsicherheit auf dem Feld zu überzeugen. „Er hat ein Sieger-Gen, er kann Spiele entscheiden“, sagt Hanning. Der Mut, sich den letzten Wurf zu nehmen, wird aber nicht immer belohnt. Ein ums andere Mal scheitere Wiede schon an dieser Aufgabe. Die bislang bitterste Erfahrung war wohl das Halbfinale im DHB-Pokal gegen den SC Magdeburg, als sein Gewaltwurf in der letzten Sekunde nicht das Tor fand und die Füchse 26:27 verloren.

Untröstlich war Wiede da, versteckte sich minutenlang unter seinem T-Shirt und wälzte sich auf dem Hallenboden. Doch er stand wieder auf, genau wie zum Jahresbeginn, als er zusehen musste, wie seine Teamkollegen in Katar die WM spielten. „Diese Rückschläge haben ihn vorangebracht“, sagt Hanning. Fabian Wiede ist dadurch erwachsener geworden, sein Spiel konstanter. Das Reden überlässt er aber nach wie vor lieber anderen.