Noch 90 Sekunden zu spielen. Jetzt wird nicht mehr nachgedacht. Nur noch nach vorn schauen und den Ball irgendwie ins Tor bringen. Petar Nenadic greift sich den Ball, er guckt hoch, checkt kurz die Lage, wo ein Durchkommen wäre. Dann mobilisiert der Serbe noch einmal die letzten Kraftreserven und tankt sich durch die gegnerische Abwehr. Ohne Rücksicht, mit voller Wucht. Unter dem tosenden Applaus der 6445 Zuschauer in der Schmeling-Halle erzielt der Spielmacher der Füchse das 29:27 gegen den VfL Gummersbach. Es ist die Entscheidung in einem spannenden und umkämpften Handball-Bundesligaspiel. Eine Sekunde vor Schluss gelingt den Berlinern sogar noch ein letzter Treffer zum 30:27 (15:12). Na klar, durch Nenadic, den bedingungslosen Kämpfer.

„Petar Nenadic hat heute eine tragende Rolle in der Partie eingenommen und eine herausragende Leistung gebracht“, lobte Geschäftsführer Bob Hanning seinen Regisseur und war erleichtert, dass der Serbe nach einem harten Schlag ins Gesicht (46. Minute) überhaupt hatte weiterspielen können.

Am Ende bedankten sich die Füchse auch bei den Zuschauern. „Die haben uns sehr gut unterstützt. Das hat uns noch einmal nach vorne gepusht“, sagte Trainer Dagur Sigurdsson und war froh über den zweiten Heimsieg der Saison, „denn das war ein sehr schwieriges Spiel“. Zunächst keine Worte fand Gäste-Trainer Emir Kurtagic, immerhin hatte seine Mannschaft den Favoriten aus der Hauptstadt am Rand einer Niederlage. „Zehn Minuten vor Schluss waren wir auf einem sehr guten Weg, eine Spitzenmannschaft zu schlagen. Aber so ist der Sport“, sagte der VfL-Coach später.

Böses Foul an Nenadic

Eine Woche hatten die Füchse Spielpause in der Beletage des deutschen Handballs gehabt und diese Zeit dafür genutzt, um die Abläufe zu trainieren und das System zu vertiefen. Immerhin wurden mit Spielmacher Nenadic und Abwehrchef Kasper Nielsen kurz vor dem Liga-Start noch zwei neue Spieler verpflichtet. „Die Konzentration lag vor allem auf der Abwehr und dem Zusammenspiel mit Nielsen“, erklärte Sigurdsson, „denn wenn die Abwehr besser wird, ist das auch positiv für die Torhüterleistung und schnelle Gegenstöße. Jede Trainingseinheit bringt uns weiter, und wir versuchen, Stück für Stück alles besser zu machen.“

Das intensive Training zeigte gegen Gummersbach die erhoffte Wirkung. Die Berliner waren in der Abwehr hellwach und nicht bereit, auch nur einen Zentimeter an Terrain den Gästen aus dem Oberbergischen freizugeben. Der Däne Nielsen dirigierte die Defensive souverän. Der kämpferische Einsatz war vorbildlich – und im Tor hatte Silvio Heinevetter einen richtig guten Tag erwischt. Der Nationalkeeper bekam gleich von Beginn an die Hand an den Ball und leitete so mehrere Gegenstöße ein. Insgesamt gelangen dem überragenden Schlussmann 19 Paraden.

Die Gummersbacher hielten aber gut dagegen, sie waren bis zum Füchse-Spiel nicht ohne Grund in den drei Liga-Spielen zuvor ungeschlagen geblieben, hatten dabei dem HSV Handball, Champions-League-Sieger von 2013, ein Remis abgetrotzt. So entwickelte sich eine rasante Partie zweier Mannschaften auf Augenhöhe. Erst kurz vor der Halbzeit konnten sich die Füchse einen ordentlichen Vorsprung herausarbeiten. Der schönste Treffer der Partie gelang dabei Kapitän Iker Romero kurz vor der Pause mit einem ansatzlosen Schlagwurf aus 13 Metern zum 15:12.

Es hätte ein entspannter Handball-Nachmittag werden können, hätten die Berliner im zweiten Durchgang nicht ihren Faden verloren – und die Schiedsrichter Christian Moles und Lutz Pittner nicht ein paar höchst umstrittene Entscheidungen getroffen. In der 40. Minute gelang Gummersbach zunächst der Ausgleich, auch weil die Berliner zu viele Würfe vergaben und die Gäste zu Gegenstößen einluden.

Hanning: „Es gab ein paar komische Entscheidungen“

Und dann kam die 46. Minute. Gummersbachs Alexander Becker schlägt Nenadic bei einem Füchse-Angriff mitten ins Gesicht. Berlins Trainer und Spieler fordern lautstark die Rote Karte, während sich der Serbe mit Schmerzen auf dem Boden wälzt. Auch die Zuschauer toben. Ganz im Gegensatz zu Gummersbachs Linksaußen Raul Santos. Der flinke Österreicher schnappt sich den Ball und schließt den Angriffslauf mit einem Tor ab. „Schieber, Schieber“, schallt es von den Rängen. Bob Hanning sagt später nur: „Es gab ein paar komische Entscheidungen.“

Zur Freude der Füchse konnte Nenadic nach einer kurzen Behandlung weiterspielen, allerdings gab es jetzt einen Bruch im Spiel der Berliner. Kurzzeitig schienen sie völlig aus dem Konzept geraten zu sein, und Gummersbach witterte seine große Chance. Allerdings hatten die Gäste nicht mit der enormen Willenskraft des Petar Nenadic gerechnet. Der Serbe schien durch das Foul noch ein bisschen mehr angestachelt und scheute keinen Zweikampf. Es war jetzt ganz offenbar auch eine Frage des Willens. Und den hatten die Füchse. Denn sie wissen nur zu gut, dass sie so viele Heimspiele wie möglich gewinnen müssen, soll die erneute Qualifikation für den internationalen Wettbewerb auch tatsächlich gelingen.