Handball

Silvio Heinevetter - „Es gibt nichts Besseres als Emotionen“

Silvio Heinevetter steht seit 2009 bei den Füchsen im Tor. Mit seiner impulsiven Art polarisiert er. Ein Gespräch über Ziele, soziale Netzwerke und schlecht erzogene Kinder.

Foto: Sebastian Kahnert / dpa

Ziemlich durchgeknallt, ein unberechenbarer Handball-Derwisch: So wird Silvio Heinevetter, 29, von vielen gesehen. Seine schon fünf Jahre währende Beziehung zur „Tatort“-Kommissarin Simone Thomalla, 49, rundet das Bild eines Typen ab, der scheinbar in kein Schema passt. Immerhin eines streitet niemand ab: dass Heinevetter ein Weltklasse-Torhüter ist. Vor dem Bundesliga-Heimauftakt der Füchse Berlin am Freitag (19.45 Uhr, Schmeling-Halle) spricht er über seine Popularität und Ziele.

Berliner Morgenpost: Herr Heinevetter, das erste Saisonspiel in Göppingen ging verloren. Sie hatten das zweifelhafte Vergnügen, wieder und wieder gegnerische Spieler bei Kontern allein auf sich zulaufen zu sehen. Wie hoch war Ihr Puls?

Silvio Heinevetter: Zunächst mal war es der denkbar schlechteste Start, den man sich vorstellen kann. Aber was nützt es, lange zu lamentieren? Direkt nach dem Spiel saß der Frust schon tief. Wir wissen, dass wir nicht gut gespielt haben. Teilweise haben wir uns auch sehr benachteiligt gefühlt. Aber das Beste in solchen Situationen ist, das abzuhaken. Die Gegenstöße sind natürlich nicht schön. Aber ich sehe mich da nicht allein, sondern weiß, dass alles eine Mannschaftsleistung ist. Wenn ich gut spiele, haben meine Abwehr und mein Angriff mindestens die Hälfte Anteil daran. In der Abwehr fehlt jetzt leider Denis Spoljaric. Eine Weile können das andere wie Paul Drux oder Pavel Horak ausgleichen, aber auf Dauer nicht. Wenn dann die Konter auf dich zurollen, hast du keine Chance. Und mein Puls? Natürlich ist man im Spiel dann sauer.

Glauben Sie, dass mit dem gerade verpflichteten Kasper Nielsen wieder mehr Sicherheit reinkommt?

Das hoffe ich! Ich kenne ihn nur als beinharten Abwehrspieler, der mit 39 Jahren körperlich noch topfit ist. Wirklich: Der ist eine Maschine. Ich hoffe, dass er die Lücke relativ schnell schließen kann.

Sie sind für Ihre emotionalen Auftritte bekannt, sogar bei Leuten, die nicht unbedingt Handball-Experten sind. Nehmen wir meine Familie. Meine Tochter findet Sie cool, meine Söhne sagen: Der ist zwar ziemlich durch den Wind, aber ein Klasse-Torwart. Meine Frau erinnern Sie ein bisschen an Oliver Kahn, sie findet Sie nur netter ...

...das ist ja jetzt auch nicht so schwer, oder? (lacht)

Haben Sie das zu Ihrem Markenzeichen gemacht? Toben, Augen aufreißen?

Nein, Quatsch. Da ist kein Kalkül dabei, das passiert einfach. Im Spiel gibt es eben Typen, die entspannt an die Sache rangehen, das versuche ich übrigens auch. Aber ich brauche mehr die Emotionen, egal, ob es gut oder schlecht läuft. Entweder, um aus einem Leistungsloch herauszukommen. Oder, läuft es gut für einen selbst, um die anderen mitzureißen, anzustacheln. Dafür gibt es nichts Besseres als Emotionen. Die müssen aber authentisch sein, sonst nimmt es dir doch keiner ab.

Ärgert Sie manchmal Ihre Emotionalität?

Problematisch wird es in engen Situationen, wenn am Ende eines Spiels eine Entscheidung zu unserem Nachteil gefällt wurde. Oder da war eine blöde Situation kurz vor Schluss und du musst direkt vor die Kamera. Ja, dann überkommen mich manchmal die Emotionen, aber das finde ich normal. Soll ich mich lieber verstellen? Ich glaube nicht, dass die Leute diese Schwiegermutter-Lieblinge mögen, die brav nur das sagen, was sie sagen sollen. Das ist alles so weichgespült. Da gibt es Tausende, gerade im Fußball. Können sie von mir aus machen. Ist aber nicht meins, ich sage, was ich denke. Das ist dann nach einer Nacht wieder vergessen. Man kann doch nicht nur an Handball denken. Es gibt zum Glück noch andere Dinge.

Setzen Sie Emotionen bewusst ein, um Gegenspielern Respekt einzuflößen? Oder Schiedsrichter zu beeinflussen?

In keinem Fall, um Gegnern Angst zu machen. Manchmal, da bin ich ganz ehrlich, benutze ich es. Ob Mitspieler, Gegenspieler oder Schiedsrichter – Kritik und Emotionalität müssen auch mal erlaubt sein. Manchmal gibt es dafür eine Gelbe Karte oder zwei Minuten. Es geht nicht darum, jemanden zu beeinflussen, sondern einfach für bestimmte Themen zu sensibilisieren. Wir sind ja alle nur Menschen.

Robert Harting ist sehr populär. Das liegt sicher nicht nur daran, das sagt er selbst, dass er den Diskus so weit wirft, sondern auch daran, dass er sein Herz auf der Zunge trägt. Und weil er sein Trikot zerreißt. Diese Bilder kennt die ganze Welt. Sie sind einer der populärsten Handballspieler in Deutschland, haben sogar Werbeverträge im Fernsehen, bestimmt auch nicht allein wegen Ihrer Paraden. Reicht es nicht, ein guter Sportler zu sein? Wie erklären Sie sich Ihre Popularität?

Erst mal ist es nicht das erste Ziel eines Sportlers, populär zu sein. Wenn du erfolgreich bist, kommt das so nebenbei. Und wenn du dann auch noch ein Typ bist, ist es auch für andere Leute interessant. So erkläre ich mir das. Robert ist eben so ein Typ, und davon gibt es im Sport immer weniger. Olli Kahn war auch so einer. Der ist auch mal übers Ziel hinausgeschossen. Aber das hat man ihm verziehen. Der ist ja nicht dumm; wenn er sich nachher selbst mal gesehen hat, wird er sicher gedacht haben: Oh Gott, oh Gott! Im Eifer des Gefechtes passiert schon mal so was. Aber nach dem Spiel ist das auch ad acta gelegt. Man muss das verzeihen. Spiel ist Spiel, danach ist danach.

Sind Sie abseits des Handballfeldes ähnlich emotional?

Kann ich schon werden. Aber eigentlich bin ich im Alltag tiefenentspannt. Normal eben.

Viele Sportler sind sehr aktiv in den sozialen Netzwerken, ob bei Facebook oder Twitter. Das steigert ihre Popularität noch. Wählen Sie auch diesen Weg?

Ich bin nicht so auf der interaktiven Schiene. Das hat nichts mit Bequemlichkeit zu tun. Viele haben mir schon gesagt: Das musst du machen! Erst mal muss ich gar nichts, außer gut spielen, alles andere ist egal. Will ich mehr Aufmerksamkeit? Brauche ich das? Ich verstehe schon, wenn andere versuchen, ihren Fans Gesprächsstoff zu geben. Aber ich will das gar nicht. Ich hab mein Privatleben und bin eher froh, wenn da nicht so viel nach außen dringt. Wenn Leute aus der Mannschaft was posten wollen, sage ich, okay, macht das. Aber lasst mich da raus.

Haben Sie etwa nicht mal an der Ice Bucket Challenge teilgenommen?

Das ist ne andere Sache, für einen guten Zweck. Ich wurde von vielen Leuten nominiert, habe das nur gar nicht mitgekriegt. Erst als Bob (Hanning, Füchse-Geschäftsführer, d.Red.) mich nominiert hat, habe ich mich darüber informiert. Ganz ehrlich: Zu Hause musste ich erst mal googeln, was ALS überhaupt ist, ich kannte die Krankheit nicht. Ich habe es dann gemacht, weil es um eine gute Sache geht.

Sie werden natürlich oft erkannt. Geben Sie gern Autogramme, oder nervt sie das?

Wenn mich jemand nett fragt, ist das gar kein Problem. Im Gegenteil. Aber wenn dann solche Halbstarken kommen...

...Halbstarke?

Ich hatte in der Vorbereitung mal so eine Situation. Colja (Löffler, Mitspieler von Heinevetter, d.Red) und ich hatten uns zum Essen nach draußen gesetzt, da kommt so ein Halbstarker an und sagt: Ey, Heinevetter, gib mal dein Trikot! Da ist mir der Kamm geschwollen. Kollege, habe ich gesagt, erstens: bitte! Zweitens: Ich bin beim Essen, da stört man nicht, das ist eine Frage des Anstandes. Drittens: Man spricht keine Leute mit dem Nachnamen an. Sag Herr Heinevetter oder nenne mich von mir aus Silvio. Wir sind Sportler und sehen das eigentlich locker.

Also gab es kein Autogramm?

Nachdem ich ihm die Meinung gegeigt hatte, hat er es gar nicht mehr versucht und ist ganz kleinlaut abgezogen. Ich hoffe, er hat seine Lektion gelernt. Aber ich finde, das geht einfach nicht, das muss man jungen Leuten auch mal mit auf den Weg geben.

Wollen Sie ein Vorbild sein? Auch für Ihre jungen Mannschaftskollegen? Spitzen die ihre Ohren, wenn Sie was sagen?

Ja, schon, sie hören zu. Die Vorbildfunktion ergibt sich im Laufe der Zeit von allein. Wir haben ja einige Vorbilder in unserer Mannschaft. Das heißt andererseits nicht, dass wir unantastbar sind. In gewissen Situationen haut man eben mal auf den Tisch. Aber wir alle zusammen sind ein Team. Das läuft harmonisch.

Wären Sie gern Kapitän?

Ganz ehrlich: Für mich ist nicht wichtig, wer Kapitän ist. Ich habe schon einige astreine Typen als Kapitäne erlebt, wie jetzt Iker Romero. Dem ist das auch nicht wichtig. Wenn es darauf ankommt, können auch andere den Ton angeben. Dafür braucht man kein Amt.

Sie haben einen Vertrag bis 2018 bei den Füchsen unterschrieben. Am Ende der Laufzeit werden Sie neun Jahre hier sein. Warum diese Entscheidung? Anderswo könnten Sie mehr verdienen und vermutlich mehr Titel gewinnen.

Ich fühl mich verdammt wohl in Berlin. Hier ziehen alle an einem Strang, auch deshalb habe ich verlängert. Ich kann ja nicht groß mit anderen Vereinen vergleichen, aber was hier passiert, ist schon einmalig. Du hast viele Leute, die im Handball groß geworden sind, selbst gespielt haben, die hier mitarbeiten. Dazu herrscht ein super Klima in der Mannschaft. Die Schmeling-Halle mit unseren Fans ist auch tiptop. Und du hast Perspektiven, immer noch einen Schritt nach vorn zu machen. Junge Spieler, die meines Erachtens Riesenpotenzial haben, einen perfekten Mix aus Jung und Alt. Das Wichtigste ist, dass immer noch ein Schritt nach oben möglich ist für jeden Spieler und die gesamte Mannschaft.

Aber Meister zu werden, ist quasi unmöglich gegen Kiel, Flensburg oder Rhein-Neckar Löwen.

Für mich hat ein Titel mit den Füchsen Berlin einen anderen Stellenwert als mit dem THW Kiel. Da sind Titel quasi ein Muss. Ich hatte damals die Möglichkeit, nach Kiel zu wechseln und mich hinter Thierry Omeyer (Weltklassetorhüter aus Frankreich, d.Red.) auf die Bank zu setzen. Ich wollte es nicht. Vielleicht hätte ich so die Champions League gewonnen, vielleicht wäre ich jetzt Deutscher Meister. Aber will ich auf der Bank sitzen? Ne. Lieber spiele ich. Ich will das Gefühl haben, gebraucht zu werden.

Glauben Sie daran, mit den Füchsen bald wieder einen Titel zu gewinnen, wie vergangene Saison beim Pokalsieg?

Warum nicht? Es muss nur alles passen. Aber unabhängig vom deutschen oder vom EHF-Pokal ist mein persönliches Ziel, dass wir uns dieses Jahr für die Champions League qualifizieren.