Dagur Sigurdsson ist kein Mann der lauten Töne. Überdrehen? Nicht sein Stil. Selbst vor wichtigen Spielen gibt sich der Isländer im Dienste der Füchse cool. Die Stärken des Handball-Trainers liegen vor allem in der akribischen Vorbereitung auf den Gegner und im Ausklügeln von taktischen Raffinessen. Auf eine Rollenverteilung lässt er sich auch vor dem Halbfinale um den deutschen Pokal am Sonnabend gegen MT Melsungen (17.45 Uhr, Sport 1) in Hamburg nicht ein. „Das wird ein Duell auf Augenhöhe“, ahnt er. Trotz der herausragenden Bedeutung der Partie hält der Coach den Ball flach: „Das ist ein normales Spiel, in einer normalen Halle, mit normalen Zuschauern.“

Hanning fordert Leidenschaft

Nun, ganz so normal ist das Pokal-Halbfinale für die Berliner freilich nicht, immerhin ist es das erste Mal überhaupt, dass die Füchse beim 1993 eingeführten Final Four in der Hansestadt teilnehmen. Zuvor (1981 bis 1992) war das Finale des DHB-Pokals mit Hin- und Rückspiel in den jeweiligen Heimhallen der Finalisten ausgetragen worden, und die Füchse hatten es in dem Wettbewerb zweimal in die Vorschlussrunde geschafft, einmal davon gar noch einen Schritt weiter ins Endspiel.

Jetzt also die Premiere beim Final Four in der O2 World am Hamburger Volkspark. „Ich bin stolz, dass wir das Halbfinale erreicht haben“, sagt Geschäftsführer Bob Hanning und spürt seit Wochen schon eine Euphorie in der Stadt. Viele Menschen würden ihn auf der Straße ansprechen und für den Erfolg beglückwünschen. Denn die Füchse haben neben der Pokal-Endrunde ja auch noch das Final Four um den europäischen EHF-Cup im Mai erreicht – und als Krönung des Ganzen richtet der Bundesligist das Turnier selbst in der Max-Schmeling-Halle aus.

„Wir wollen Geschichte schreiben“

Der Manager fühlt sich durch das Erreichen der beiden wichtigen Final-Turniere in seiner Arbeit bestätigt, die vor zehn Jahren begonnen habe. „Allen Unkenrufen zum Trotz ist bei uns das Thema aufgegangen“, sagt Hanning, „nämlich auf die Entwicklung und konsequente Einbindung des eigenen Nachwuchses zu setzen. Mit einem möglichen Titel würde für uns ein Traum in Erfüllung gehen.“ Die Chance jedenfalls sei jedem im Verein bewusst. Hanning: „Wir wollen Geschichte schreiben, die Sehnsucht nach einem Titel ist riesengroß.“

Es wäre ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung des Hauptstadtklubs. Und Hanning lässt keinen Zweifel am Vorhaben der Füchse. „Wir fahren nach Hamburg, um das Turnier zu gewinnen“, sagt der 46-Jährige, „denn wenn du bei so einem Final Four teilnimmst, dann willst du ja nicht beim Finale nur Zuschauer sein, nach dem Motto: dabei sein ist alles. Das kann vielleicht für die Bundesliga gelten, aber nicht für die Pokal-Endrunde. Deshalb fordere ich auch das Maximum. Wichtig ist die größtmögliche Leidenschaft auf dem Feld.“

Auf Augenhöhe mit Melsungen

Gegen Melsungen haben die Füchse in dieser Saison in der Bundesliga je einmal verloren und gewonnen, die Nordhessen liegen in der Tabelle mit vier Punkten Rückstand hinter Berlin auf Rang sechs. Im Gegensatz zu den Füchsen hat Melsungen bereits einmal an der Pokal-Endrunde teilgenommen, 2013 scheiterten sie im Halbfinale an Kiel. „Von daher haben sie einen Hauch mehr Erfahrung“, sagt Hanning, „aber wir haben genug Erfahrung im Kader und viele gestandene Profis, die auch schon in großen Spielen geglänzt haben.“

Dieser Einschätzung pflichtet Trainer Sigurdsson bei. „Insgesamt haben wir genug Erfahrung im Kader. Wir sind stark genug, um beim Final Four zu bestehen.“ Die Besetzung sei eh so, dass dort jeder jeden schlagen könne. Im ersten Halbfinale treffen die Rhein Neckar Löwen auf die SG Flensburg-Handewitt (15 Uhr, Sport 1). Die beiden Gewinner der Semifinals spielen dann am Sonntag im Finale um den Pokal (15 Uhr, Sport 1). Erstmals seit acht Jahren wird damit der deutsche Pokalsieger nicht THW Kiel oder HSV Handball heißen, beide Vereine waren in den Runden zuvor gescheitert.

Erst vor zwei Wochen waren die Füchse nach Hamburg gereist, hatten im Bundesligaspiel gegen den HSV 32:39 verloren. Aufgrund ihrer Verletzungsmisere hatte Sigurdsson vermehrt die Youngster Oliver Milde, Jaron Siewert, Jonas Thümmler sowie Fabian Wiede eingesetzt und dafür Kritik von HSV-Präsident Andreas Rudolph („Unsportlichkeit“) geerntet. Diese Reaktion sorgte wiederum für Irritationen bei den Füchsen. Sigurdsson: „Unser Weg hat in den letzten zwei Jahren gereicht, um am Ende der Saison in der Tabelle vor der Millionentruppe aus Hamburg zu sein. Damit kann er so falsch nicht sein.“

Vertrauen in die Jugend

Auch gegen Melsungen werden die Füchse nicht von ihrem Weg weichen, junge Leute in brenzligen Situationen auf das Parkett zu schicken. „Unsere Jungen sind Stresssituationen gewohnt, der Stress ist ihnen anerzogen“, sagt Hanning, der die Füchse-Jugend in vier Jahren in Folge zu vier Deutschen Meisterschaften geführt hat. Jetzt profitiere die Jugend von dieser Zeit. Hanning lächelt verschmitzt: „Ein Fabian Wiede hat vier Jahre in Folge einen Titel gewonnen. Warum soll ihm das jetzt beim Pokal nicht wieder gelingen...“