Handball

Als würde Ronaldinho plötzlich für den SC Freiburg spielen

Der Provinzklub Wetzlar überraschte die Liga mit der Verpflichtung von Welthandballer Ivano Balic. Für die Provinz schlug der Kroate lukrative Angebote aus. Jetzt will er die Füchse ärgern.

Foto: Arne Dedert / pa/dpa

Im Passspiel macht ihm keiner etwas vor. Dabei guckt Ivano Balic oftmals gar nicht zu seinem Mitspieler, sondern blickt in eine ganz andere Richtung, während er den Ball wirft. Aber genau diese sogenannten „No-Look-Pässe“ sind seine Spezialität, neben seiner herausragenden Art und Weise natürlich, ein Handballspiel zu lenken.

Lässig und unbeteiligt wirkt er dabei, mitunter gar gelangweilt. Doch der Eindruck täuscht, denn Balic ist auf dem Handball-Feld immer hellwach. Das werden am Sonntag auch die Füchse Berlin erleben, die Balic mit der HSG Wetzlar (17.15 Uhr, Schmeling-Halle) empfangen.

Kretzschmar nennt ihn „ein Genie"

Groß war die Begeisterung in der Handballszene, als im August der Königstransfer bekannt wurde. Ein Weltstar in Mittelhessen, welch erstaunliche Verpflichtung. In 130 Länderspielen hat Balic 455 Tore erzielt und als Hirn der Landesauswahl die goldene Ära des kroatischen Handballs mitgeprägt. Bei den Olympischen Spielen gewann er 2012 Bronze. Für die Provinz schlug der Spielmacher gar lukrative Angebote anderer Klubs aus.

„Ich hatte gehört, dass in Wetzlar etwas Großes entstehen sollte“, erinnert sich Balic, der in seiner Karriere unbedingt einmal in der besten Handball-Liga der Welt spielen wollte. Sein vorheriger Verein Atletico Madrid hatte Insolvenz angemeldet, und so unterschrieb der Welthandballer von 2003 und 2006 einen Einjahresvertrag bei der HSG, mit dem festen Willen, „die Mannschaft mit meiner Erfahrung um ein paar Prozente zu verbessern.“

Der Kartenverkauf in Wetzlar zog nach Balic’ Vorstellung umgehend an. Oder wie HSG-Geschäftsführer Björn Seipp sagt: „Mit Ivano Balic sind wir in eine neue Dimension vorgestoßen.“

Im Niemandsland der Tabelle

Sportlich mögen sich die Verantwortlichen vielleicht sogar ein bisschen mehr von der Verpflichtung des Superstars erhofft haben. Nach 14 Bundesligapartien rangiert die HSG, in der Vorsaison immerhin auf Rang sieben eingelaufen, mit 12:16 Punkten auf Platz elf. Das ist nicht gut, aber auch nicht schlecht, eben Mittelmaß, trotz Superstar steckt man im Niemandsland der Tabelle fest. Auch deshalb sind die Füchse heute Favorit, nach der bescheidenen Leistung im Hinspiel um den Einzug in die Gruppenphase des EHF-Pokals gegen Brest (22:20) wollen die Berliner die Zuschauer wieder mit gutem Handball verwöhnen.

Aber die Füchse sind gewarnt, immerhin unterlagen sie in der Vorsaison der HSG mit 27:28. Damals noch ohne Balic, der am Sonnabend mit Rückenschmerzen an die Spree reiste. Beim Heimsieg über den TSV Hannover-Burgdorf war er nach einem Foul zu Boden gegangen und hatte sich verletzt. Aber es werde von Tag zu Tag besser, sagt Balic, „ich möchte unbedingt dabei sein und meiner Mannschaft in diesem extrem schweren Spiel gegen die Füchse helfen.“

Auf die rasche Genesung des Kroaten hofft auch Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning. „Ivano bei Wetzlar und auf unserer Seite Iker Romero sind einfach Persönlichkeiten, die das Salz in der Liga ausmachen. Von denen bekommst du immer spektakuläre Aktionen geboten“, sagte der Manager und verlangt von seinem Team vollen Einsatz. „Wir müssen raus aus unserer Komfortzone. Wir brauchen Leidenschaft. In dem Wort steckt leiden. Nur wenn wir dazu bereit sind, können wir erfolgreich sein.“

Der Star verzichtet auf viel Geld

Als „Ronaldinho des Handballs“ oder auch „Mozart des Handballs“ wurde Balic, der Mann mit dem goldenen Händchen und dem noch besseren Auge, in den vielen Jahren seines internationalen Wirkens immer wieder tituliert. Die deutsche Ikone Stefan Kretzschmar nennt ihn „ein Handball-Genie und einen der besten Spieler aller Zeiten“. Mag sein, dass beim 34-jährigen Balic der ganz große Glanz von einst abhanden kommt, in Wetzlar aber sorgt er für viel Freude. „Wir haben ihn ja auch nicht als Torjäger eingekauft, sondern als Spielgestalter. Und das macht er ganz hervorragend“, jubiliert Wetzlars Trainer Kai Wandschneider.

Am Anfang war befürchtet worden, einer wie Balic könnte das Mannschaftsgefüge in Wetzlar sprengen. Durch seine Exzentrik und Divenhaftigkeit, seinen Führungsanspruch und scheinbare Arroganz. Jetzt, gut drei Monate später, sind derlei Ängste vom Tisch. Im Gegenteil, Wandschneider hat mit Freude beobachtet, dass sich Balic voll und ganz in den Dienst der Mannschaft stellt, immer auch nach hinten arbeitet und vor allem den jungen Spielern Anleitung gibt und ein Vorbild sein will.

„Wenn wir vorne den Ball verwerfen, sieht man ihn zurück sprinten und sich für die anderen aufopfern. Es kostet Kraft, eben nicht mit einem Tor zu glänzen, sondern dort noch zu retten, was zu retten ist“, sagt der Coach begeistert. Und die Eingewöhnung des Kroaten wird von Woche zu Woche besser, ebenso wie die Abstimmung mit den Kollegen. So wie auch die HSG immer besser in Fahrt kommt. In den letzten sechs Bundesligaspielen ging sie viermal als Sieger und vom Platz, schaffte zudem ein Remis.

Ein Star, der die Ruhe liebt

Für sein Engagement in Wetzlar verzichtet Balic auf viel Geld, die finanziellen Mittel der HSG sind begrenzt, und der Vertag beinhaltet auch keine Ausstiegsklausel. Aber in Mittelhessen hat sich der Weltmeister von 2003 gut eingelebt. „Ich habe die Welt gesehen, ich habe tolle Menschen kennengelernt, mir geht es gut, und dafür bin ich sehr dankbar“, sagt Balic, der seinem Ruf als Handball-Messias optisch durchaus gerecht wird mit langen schwarzen Haaren und gestutztem Sechstagebart. Der Blick eher schüchtern.

„Balic ist ein wirklich netter und höflicher Kerl“, sagt etwa der kroatische Handball-Manager Zlatko Feric, der Balic aus Jugendtagen kennt und lächelt: „Es war damals ein bisschen so, wie Gott bei der Arbeit zuzusehen – nur dass das nicht wie Arbeit aussah.“

Wenn die 60 Minuten eines Handballspiels abgelaufen sind, taucht Balic gern ab. Er ist ein Mensch, der seine Ruhe liebt, ja, fast schon scheu ist. Nur ganz selten gibt er Interviews. Kroatiens Ex-Nationaltrainer Lino Cervar hat dafür eine Erklärung: „Ein Genie wie Balic drückt sich nicht mit Worten, sondern mit seinen unglaublichen Aktionen auf dem Handballfeld aus.“

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