Handball

Zerbe kehrt mit den Füchsen in sein Wohnzimmer zurück

Der Sportkoordinator des Berliner Handballteams wird am Sonntag mit den Füchsen in seiner alten Heimat Lemgo sein. Dort genießt er Kultstatus, aber eine Anzeige wegen Untreue wirft dunkle Schatten.

Foto: Annegret Hilse / picture alliance / Annegret Hils

Volker Zerbe wirkt ganz entspannt. Mit einem „freudigen Gefühl“ schaue er dem Spiel am Sonntag (15 Uhr, sport1.de) entgegen, sagt der Sportkoordinator der Füchse Berlin. Wenn er sich mit der Mannschaft zum Bundesligaspiel beim TBV Lemgo aufmacht, wird es für den 45-Jährigen auch eine Reise in die Vergangenheit. Denn er kehrt in die Stadt zurück, in der er sein ganzes Leben verbracht hat, bevor er vor gut drei Monaten nach Berlin gekommen ist.

Doch er hätte nicht bei den Handball-Füchsen angeheuert, wenn die eigentlich untrennbar scheinende Beziehung zwischen dem Turn- und Ballspielverein Lemgo und Zerbe nicht vor gut einem Jahr mit einem riesen Knall zerbrochen wäre. Mit Schimpf und Schande wurde der damals gerade wegen Burn-outs als TBV-Geschäftsführer zurückgetretene Zerbe überschüttet. Auf das Juristische reduziert: Der Beirat des Klubs erstattete Anzeige gegen ihn wegen Untreue. Er habe sich nichts zu Schulden kommen lassen, erklärt Zerbe. Mehr wolle er dazu nicht sagen, da es sich um ein schwebendes Verfahren handele.

Der Vorwurf gegen Zerbe lautet Untreue

Auf alle Fälle beschleiche ihn „kein mulmiges Gefühl“, wenn er an das denkt, was nun auf ihn zukommen wird. „Die Lipperlandhalle ist so etwas wie mein Wohnzimmer“, erklärt er. Und das Drumherum um seinen Abgang? „Das ist bei mir nicht im Kopf.“

Die Anschuldigungen, die Anzeige, die Ungewissheit bewegen die Gemüter in Lemgo auch heute noch. Um so mehr, da mit der Rückkehr von Zerbe die ganze Sache nun noch einmal hochkocht.

Denn man darf nicht vergessen, dass der 2,11 Meter große Zerbe in Lemgo Kultstatus besitzt. „Zebu“, so sein Spitzname, war mehr als 25 Jahre beim TBV. Von der B-Jugend an trug er das Trikot des Klubs. Er war Spieler, für kurze Zeit einmal Cheftrainer und eben auch Geschäftsführer. Er ist der personifizierte TBV, Urgestein, Vorbild. 1977 Tore erzielte er in 586 Bundesligaspielen. Nie hat er den Verein verlassen, obwohl es gute Angebote, zum Beispiel aus Spanien, gegeben hatte.

Mehr als 25 Jahre lang beim TBV Lemgo

2006, zu seinem Abschiedsspiel als Profi, wurde ein Buch über ihn herausgegeben, in dem auf 130 Seiten sein Werdegang skizziert wird: „Volker Zerbe – Botschafter einer Sportart, Botschafter einer Region“. Im gleichen Jahr wurde sogar die städtische „Heldmanskamphalle“ in „Volker-Zerbe-Halle“ umbenannt.

Die Galerie seiner Erfolg ist imposant: Mit dem TBV Deutscher Meister (1997, 2003), Pokalsieger (1995, 1997, 2002), Europapokalsieger der Pokalsieger (1996, 2006), EHF-Pokal-Sieger 2006. Mit der Nationalmannschaft wurde er Vizeweltmeister 2003, Europameister 2004, bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen holte er ebenso Silber wie bei der EM 2002. In 284 Einsätzen für Deutschland warf Zerbe 777 Tore. Nur drei Spieler haben mehr Länderspiele auf dem Buckel als er.

Gesprächsthema in der handballverrückten Stadt

Es war wie ein Erdbeben in der Stadt mit ihren gut 40.000 Einwohnern, als die Affäre um Zerbe und den weiteren Geschäftsführer Fynn Holpert publik wurde. Es war das Gesprächsthema in dieser handballverrückten Stadt. Die meisten Fans wollten und wollen es bis heute nicht glauben, dass ihre Ikone Unrechtes getan haben könnte. Nicht wenige glauben eher, dass ihrem Held Unrecht getan wird.

Es geht unter anderem um eine geleaste Telefonanlage, die vom Klub zwar bezahlt, aber gar nicht angeschafft wurde, sowie eine Italien-Reise, die verbucht, aber nie angetreten wurde. Seit gut einem Jahr ermittelt die Staatsanwaltschaft Detmold. Genaueres ist nicht zu erfahren: schwebendes Verfahren.

Fans freuen sich auf die Rückkehr ihres Idols

Darauf verweist auch Christian Sprdlik, der amtierende Geschäftsführer des TBV. Er möchte sich daher zur Rückkehr Zerbes mit den Füchsen an die alte Wirkungsstätte „nicht äußern“. Nur so viel: „Am Sonntag geht es um Punkte, nicht um Personen. Die Spieler stehen im Vordergrund.“ Wie Zerbe in seiner Heimat aufgenommen werden wird, auch darüber will er nicht spekulieren: „Das ist sowieso Sache der Fans.“

Die werden Zerbe mit „hundert Prozent positiver Atmosphäre“ begrüßen, ist sich Gerd Heide sicher. Er ist der Vorsitzende des Fanclubs „Lüttfeld-Crocodiles“. Als Chef der treuen Fans sagt er: „Volker ist und bleibt Lemgoer.“ Mancher werde sogar extra in die Halle kommen, um ihn wiederzusehen. Obwohl der Termin am Sonntagnachmittag „ganz, ganz schlecht“ sei. Am Vorabend sei in Lemgo nämlich Oktoberfest, dem am Morgen danach der obligatorische Frühschoppen folge – und verkaufsoffener Sonntag sowie Bauernmarkt sei auch noch. Ganz schön was los in Lemgo.

In Berlin gut eingelebt

Natürlich halte er weiterhin viel Kontakt zu seinen Freunden im Nordosten Nordrhein-Westfalens. „Aber ich habe mich auch sehr gut in Berlin eingelebt“, erzählt Zerbe. Seine Frau pendelt zwischen Lemgo und Berlin, die beiden Töchter (21 und 19 Jahre alt) hüten das Haus in der Heimat. Die Zusammenarbeit mit Trainer Dagur Sigurdsson, als dessen Assistent er auch fungiert, „macht sehr viel Spaß“. Sigurdsson bestätigt das: „Es wird immer besser, je länger wie uns kennen.“

Volker Zerbe freut sich darauf, in Lemgo viele Freunde und Bekannte wiederzusehen. Und diejenigen, die ihm nicht wohlgesonnen sind? „Ich bin ein freundlicher Mensch, ich werde jeden begrüßen“, kündigt er an.