Seit 2005 leitet Bob Hanning mit großem Erfolg die Geschicke der Füchse Berlin. Der 44-Jährige hat sich mit dem Projekt in der Hauptstadt einen Lebenstraum erfüllt. Hanning, der ehrenamtlich die Jugend des Vereins trainiert, lebt jeden Tag 24 Stunden Handball. Und weist als Vize-Präsident der Handball-Bundesliga (HBL) gern auch auf Missstände hin. Im Interview mit Morgenpost Online-Redakteurin Alexandra Gross prangert er das zu hohe Gehaltsgefüge in der Eliteklasse an.
Morgenpost Online: Herr Hanning, verdienen die Handballspieler in der Bundesliga zu viel Geld?
Bob Hanning: Ja, und zwar vor allem im Mittelklassebereich. Nach der WM 2007 in Deutschland hat sich hierzulande das Gehaltsgefüge stark nach oben entwickelt, und das lässt sich einfach nicht mehr von den Vereinen refinanzieren. Wenn unser Hauptsponsor so viel zahlt, wie ein Topstar in einem anderen Verein kostet, dann kann das nicht gesund sein. Ich sage der Liga sehr schwere Zeiten voraus, wenn wir das nicht begreifen. Wir müssen diese Problematik solidarisch angehen.
Morgenpost Online: In der Bundesliga müssen Spieler auf Gehälter verzichten.
Bob Hanning: Das ist eine verheerende Entwicklung – und Vereine verschaffen sich dadurch einen Wettbewerbsvorteil.
Morgenpost Online: Inwiefern?
Bob Hanning: Ein Beispiel: Ich biete einem Spieler 10.000 Euro brutto im Monat, in einem anderen Verein erhält er 12.000 Euro. Das ist natürlich mehr und zieht diesen Spieler womöglich an. Aber dann reduziert der andere Klub auf einmal die Gehälter um 25 Prozent, und der Spieler hat letztlich 9000 Euro brutto. Das nenne ich einen Wettbewerbsvorteil. Es gibt Vereine wie den VfL Gummersbach, die sich ihren Europapokal auf Pump gekauft haben. Ich habe nichts dagegen, dass ein Verein zehn Mal hintereinander die Meisterschaft gewinnt, wenn er das Geld für Topspieler hat. Aber ein Verein wie die Rhein Neckar Löwen musste jetzt seinen Etat um zwei Millionen Euro reduzieren. Die Spieler des HSV Hamburg sollen im Gehalt um 20 Prozent runtergegangen sein. Vereine, die ihre Gehälter reduzieren, müssten für ein Jahr auf dem Markt keine Transfers tätigen dürfen und mit dem eigenen Nachwuchs auskommen.
Morgenpost Online: Und wenn während der Saison unerwartet ein Hauptsponsor insolvent geht?
Bob Hanning: Es ist natürlich etwas völlig anderes, wenn zuvor Verträge über Jahre erfüllt worden sind. Das ist eine ganz andere Situation, als wenn ich blühenden Fantasien nachlaufe. Da stehen auch die Spielerberater in der Verantwortung, denn es geht um den Erhalt der Liga. Wir brauchen eine gute Nationalmannschaft. Und die bekommen wir nur, wenn wir den Nachwuchs mit allen verfügbaren Mittel stärken. Ohne gute Nationalmannschaft haben wir keine Möglichkeit, das Produkt Handball zu bewerben. 2016 müssen wir bei den Olympischen Spielen wieder den Anschluss an die Weltspitze geschafft haben. 2020 muss die deutsche Mannschaft dann Gold holen. Das muss in einem Land, die die stärkste Handball-Liga der Welt hat, der Anspruch sein. Und das ist auch absolut machbar.
Morgenpost Online: Müssen die Spieler der Füchse um ihre Gehälter bangen?
Bob Hanning: Keinesfalls. Die Füchse können in den nächsten fünf Jahren auf einem guten Niveau überleben. Das können in der Bundesliga vielleicht noch drei, vier andere Vereine von sich behaupten.
Morgenpost Online: Die Füchse planen die Saison mit knapp über fünf Millionen Euro. Ist das eine gesunde Größe?
Bob Hanning: Wir können mit diesem Betrag seriös wirtschaften. Alles hängt natürlich auch ein bisschen davon ab, ob uns die Zuschauer weiterhin so gut unterstützen. Man kann mir nicht die Beine zusammenbinden und verlangen, einen 100-Meter-Lauf zu gewinnen. Wir haben immer gesagt, wofür wir stehen. Wir werden bei den Füchsen den Blick für das Machbare nicht verlieren. Dass Stars wie unser Torhüter Silvio Heinevetter oder Filip Jicha beim THW Kiel gut verdienen, ist völlig okay und angemessen.
Morgenpost Online: Was verstehen Sie unter seriösem Wirtschaften?
Bob Hanning: Ein Beispiel: Die Berufsgenossenschaft hat die Gefahrenklasse erhöht, dadurch müssen wir zu den 300.000 Euro zusätzlich noch einmal 70.000 Euro zahlen. Dieses Geld werden wir am Jahresende pünktlich überweisen. Im kommenden Jahr sind es dann 140.000 Euro zusätzlich. Das ist viel Geld, und wir werden diese Summe im Personaletat einsparen müssen, weil wir gar nicht die wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür haben, es anders zu tun.
Morgenpost Online: Die Ausbildung des Nachwuchses steht bei den Füchsen auf derselben Stufe wie der Profisport. Im Champions-League-Spiel gegen Schaffhausen kommt heute Schüler Jonas Thümmler (19) zum Einsatz. Ist das die Zukunft?
Bob Hanning: Meine Wunschvorstellung ist, dass sechs Spieler aus der eigenen Jugend im Kader jeder Bundesligamannschaft stehen. Ich weiß, dass das ein ehrgeiziges Ziel ist, das Jahre dauert. Für die Füchse aber ist die nachhaltige Einbeziehung des Nachwuchses der einzig gangbare Weg. Wir brauchen die Jugend zum Überleben. Es war von Anfang an vom Verein und den Gesellschaftern so gewünscht, etwas in Berlin aufzubauen, was nicht reinen kommerziellen Ansprüchen genügt, sondern auch der Ethik verbunden ist. Das war für mich der einzige Grund, dieses Projekt tatsächlich in Angriff zu nehmen. Mir ist ein Europapokal mit Eigengewächsen und vielen deutschen Spielern lieber als ein Champions-League-Sieg mit zwölf ausländischen Stars. Denn das ist ja keine Kunst.





