Handball

Füchse zeigen wieder Leidenschaft

Das Remis gegen Kiel zeigt, dass die Füchse mit ihrer Teamzusammenstellung richtig liegen. Sie konnten an der Dominanz des Meisters kratzen.

Foto: Oliver Mehlis / dpa

Äußerlich blieb Alfred Gislason ganz ruhig. Aber im Trainer des deutschen Handball-Meisters THW Kiel brodelte es, schließlich konnte er sich doch nicht zurückhalten: „Es hat ja eine Pressekampagne gegeben, dass wir zum Wohle des Handballs endlich verlieren sollten“, polterte er. Darauf habe man die richtige Antwort geben wollen. „Doch das haben wir nicht geschafft.“

Ob nun „Kampagne“ oder nicht – mit Ausnahme der übermächtig scheinenden Kieler sind in Handball-Deutschland alle froh, dass die Dominanz des Meisters, Pokalsiegers und Champions-League-Gewinners einen ersten Kratzer bekommen hat. Nach 40 Siegen hintereinander schafften es die Füchse Berlin beim 26:26 (9:12) am Sonntag erstmals seit dem 4. Mai 2011, dem THW zumindest einen Punkt abzunehmen.

Sehnsucht nach Abwechslung

40 Spiele in Serie hatten die Kieler in der Liga gewonnen, mit 68:0 Punkten in der vergangenen Saison den Titel geholt; in der Liga war die Sehnsucht nach Abwechslung immer größer geworden. Eine Fortschreibung der Langeweile, was den Titelkampf betrifft, wurde befürchtet. Jetzt ist klar: „Zu null marschieren die nicht mehr durch“, wie es der Berliner Sven-Sören Christophersen mit einem Grinsen im Gesicht ausdrückte.

Die Berliner, für die das Remis ein gefühlter Sieg war, verfielen aber nicht gleich ins Träumen. Ob man nun mit dem THW auf Augenhöhe sei, wurde Mark Bult gefragt, mit sechs Treffern bester Füchse-Werfer. „Das kann man doch nicht sagen, nach 30 Spieltagen wird man weitersehen.“ Am Wochenende war der sechste Spieltag. Aber die Berliner haben ein deutliches Achtungszeichen gesetzt und gezeigt, dass nach den beiden dritten Plätzen in den vergangenen zwei Jahren wieder mit ihnen zu rechnen ist. Nach sechs Spielen haben sie 10:2 Punkte auf ihrem Konto, Kiel hat mit 7:1 noch Nachholbedarf. „Der Punktgewinn der Füchse war kein Zufall“, meinte auch Kiels Filip Jicha, „die spielen seit langem auf hohem Niveau, alle respektieren Berlin.“

Einen großen Knacks dürfte das Unentschieden der Startruppe von der Ostsee wohl nicht geben. „Jeder bekommt das Ergebnis, das er verdient“, sagte der Kieler Marcus Ahlm. Er spielte darauf an, dass sich sein Team nach einer 19:14-Führung (40. Minute) den sicher geglaubten Sieg von den Berlinern noch hatte wegnehmen lassen. Wille und Kampfgeist waren bei den Berlinern ganz stark ausgeprägt. „Nie aufgeben“, habe das Motto geheißen, meinte Kapitän Torsten Laen. Trainer Dagur Sigurdsson fand zudem die richtigen taktischen Mittel. Als Warnzeichen wollte Gislason den Punktverlust nicht werten, aber er hatte es kommen sehen: „Ich habe schon seit Wochen gesagt, dass wir nicht mehr das eingespielte Team aus dem vergangenen Jahr haben.“

Die Füchse hingegen haben gegenüber dem Vorjahr weniger verändert als die Kieler. Bob Hanning, der Berliner Geschäftsführer, und Trainer Sigurdsson haben auf Bewährtes gesetzt. In Börge Lund und Konstantin Igropulo kamen nur zwei Neue. Hanning gab ehrlich zu, dass er während der Vorbereitung und nach den ersten Saisonpartien nicht besonders angetan war von der Leistung seiner Mannschaft.

Signal der Mannschaft

Bewusst habe man ja fast alles beim Alten belassen. „Familie, Gesichter, Kontinuität“, nannte Hanning als Schlagworte. Offenbar hatten sich einige jedoch etwas in die Komfortzone zurückgezogen. „Wir waren bisher unseren Ansprüchen nicht gerecht geworden.“ Um mit Blick auf seine Spieler gleich anzufügen: „Jetzt werden sie mir bestimmt wieder böse sein…“ Als ein „wichtiges Signal der Mannschaft“ wertete er den vor allem kämpferisch starken Auftritt gegen Kiel. „Jetzt“, und da leuchteten die Augen von Hanning, „ist die Leidenschaft wieder da“, die er vermisst habe. Sein Vertrauen in die Mannschaft sei zurückgekehrt. Er und der Trainer könnten nun beruhigt sagen: „Wir haben es richtig gemacht.“

Hanning war der Stolz anzumerken, dass Meistertrainer Gislason die Füchse zu einem „Meisterschaftskandidaten“ adelte. Wohl etwas hoch gegriffen, aber das Ego der Füchse wurde damit schön gestreichelt. Das Remis gegen die Kieler wertete Hanning als „sehr positive Momentaufnahme“. Besonders hatte es ihm gefallen, dass die sogenannte zweite Reihe mit Bult, Iker Romero und Evgeni Pevnov diesmal für die dringend notwendige Entlastung sorgte. „Das war vorher nicht so, gegen den THW waren sie da.“

Das lässt für den weiteren Verlauf der Saison hoffen, schließlich darf man auch nicht vergessen, dass die beiden Neuen, Börge Lund und Konstantin Igropulo, ihr Können noch gar nicht so richtig haben zeigen können. Lund leidet nach wie vor unter einer Bauchmuskelzerrung. Hatte er sich am vergangenen Mittwoch vor der Partie gegen Melsungen noch mit warmgemacht, stand er gegen den THW gleich gar nicht im Kader.

Igropulo quälte sich am Sonntag trotz eines schmerzhaften Blutergusses im Bereich des Beckenknochens übers Feld. Eigentlich hätte er gar nicht spielen sollen. Spielmacher Bartlomiej Jaszka war trotz anhaltender Kniebeschwerden ebenfalls dabei. „Sie haben sich aufgeopfert“, meinte Hanning voller Respekt. Wobei Igropulo seinen vorbildlichen Einsatz teuer bezahlen musste: Sekunden vor der Schlusssirene knickte er bei einer Abwehraktion mit dem rechten Fuß um. Ihm droht nun eine längere Pause.