Handball

Füchse-Sieg gegen Kiel würde der gesamten Bundesliga helfen

Am Sonntag können die Berliner Profis dem Handball einen großen Dienst erweisen - und gegen die Unschlagbaren aus dem Norden gewinnen.

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Die Füchse Berlin können sich vor Fans kaum retten. Alle, die sich hierzulande für Handball interessieren, drücken ihnen am Sonntag die Daumen. Fast alle.

Es soll ja auch eine Anhängerschaft des THW Kiel geben. Dieser Mannschaft, die seit 40 Spielen in der Bundesliga ungeschlagen ist, 501 Tage lang, die fast ein Abonnement auf den Titel hat. Am Ende der vergangenen Saison hatte sich das Team von der Ostsee die deutsche Meisterschaft, den Pokal und den Sieg in der Champions League geholt. Triple. Das Team von Trainer Alfred Gislason war nicht aufzuhalten – und scheint auch in dieser Saison unschlagbar zu sein. Es sei denn…

Am Sonntag (Schmeling-Halle, 17.30 Uhr, Sport1) können die Berliner Profis dem Handball in Deutschland einen ganz großen Dienst erweisen. Und der Liga sowieso. Mit einem Füchse-Erfolg gegen den schier übermächtigen THW wäre endlich – zumindest temporär – auch die Langeweile besiegt, die sich in der Liga breitgemacht hat. „Alle 16 Klubs sind auf unserer Seite“, erklärt Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning. „Es ist der Wunsch aller, dass die straucheln.“

Berliner mit Verletzungssorgen

Doch kann der Wunsch Wirklichkeit werden? Gislason macht sein Team nicht kleiner als es ist, merkt aber sicherheitshalber an: „Es ist offensichtlich, dass wir noch nicht richtig eingespielt sind.“ Da scheint es sich eher um ein Luxusproblem zu handeln, wenn man sich vor vier Tagen das locker heraus gespielte 37:26 gegen Minden angeschaut hat. Die Füchse hingegen schafften mit Ach und Krach ein 27:27 gegen Melsungen. „Alles muss passen, sonst haben wir keine Chance“, hat der Berliner Kapitän Torsten Laen erkannt. Mit den bisherigen Leistungen seines Teams in dieser Saison ist Hanning nicht zufrieden, er hat dennoch „ein positives Gefühl“.

Trainer Dagur Sigurdsson ist von Sorgen geplagt: „Es tut uns weh, dass uns auf Schlüsselpositionen die Alternativen fehlen.“ Erst kurzfristig wird entschieden, ob die Rückraumspieler Börge Lund (Bauchmuskelzerrung) und Konstantin Igropulo (Bluterguss im Bereich des Beckenknochens) eingesetzt werden können. Die „zweite Reihe“ mit Iker Romero, Mark Bult und Evgeni Pevnov konnte zuletzt auch nicht so für Entlastung sorgen, wie dies in der vergangenen Saison der Fall war, als die Füchse Dritter wurden.

Mit Blick auf Kiel sagt der Trainer aber auch. „Je länger man gewinnt, desto näher kommt der Tag der ersten Niederlage.“ Auf die so viele hoffen. Da sind nicht nur die Fans der anderen Teams, die sich nach mehr Spannung sehnen. Die erdrückende Dominanz der Kieler ist schlecht für die Liga (HBL). In der Saison 2011/2012 spazierte der THW mit 68:0 Punkten durch. HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann weiß, dass dies Gift für sein Produkt ist. „Natürlich haben wir gemerkt, dass die Meisterschaft in der vergangenen Spielzeit so früh entschieden war. Das Interesse der Öffentlichkeit nimmt dadurch ab.“ Doch: „Das können wir ja nicht steuern, da sind die Klubs gefragt.“

Doch was können die Konkurrenten tun? „Kiel ist eine Liga für sich“, sagt Sigurdsson und meint neben der sportlichen Übermacht auch die finanziellen Möglichkeiten, von denen die anderen nur träumen können. Der THW kann sich seine wohl beste Mannschaft der Welt etwas unter zehn Millionen Euro kosten lassen. Da sind die Machtverhältnisse zementiert. Übliche Verdächtige, die gegen die Kieler aufmucken wollen, wie die Rhein-Neckar Löwen oder der HSV Hamburg, mussten in dieser Saison ihre Etats auf acht Millionen (HSV) und gut fünf Millionen (Löwen) senken, ein Frontalangriff auf den Primus sieht anders aus.

Flensburg, Zweiter der Vorsaison, hat etwa 5,7 Millionen zur Verfügung, die Füchse knapp über fünf Millionen.

„Dem Rausch der perfekten Saison des THW Kiel folgt nun der Kater der Liga“, schreibt der Sportinformationsdienst. Denn Handball verliert an Attraktivität, Eishockey und Basketball sind im Aufwind. „Wir müssen zugeben, dass im Basketball viel passiert. Die Arenen sind moderner geworden“, gibt Bohmann zu. Und spielt den Ball weiter: „Da müssen die Klubs ihre Hausaufgaben machen, das können wir zentral nicht lösen.“

Rückgang der Zuschauerzahl

Wichtige Indikatoren geben Anlass zur Sorge: Die Zuschauerzahl ging in der HBL auf 1,4 Millionen zurück, die Basketball-Liga (BBL) ist vorbeigezogen (knapp 1,5 Millionen). Krösus bleibt Eishockey (DEL) mit 2,5 Millionen Besuchern. Zwar liegt bei der Anzahl von Live-Spielen Handball nach wie vor vorn, in der Gesamtheit der im frei empfangbaren Fernsehen gesendeten Stunden steht Handball (321 Stunden) inzwischen jedoch hinter Basketball (453) und Eishockey (775).

Umso mehr gilt also der Satz von Bob Hanning: „Kiel darf ruhig Meister werden, am besten aber erst am letzten Spieltag.“ Thorsten Storm, Manager der Rhein-Neckar Löwen, bringt einen Play-off-Modus wie im Basketball und Eishockey ins Spiel: „Jeder Sportinteressierte liebt komprimierte Entscheidungsmomente.“ Hanning widerspricht: Wenn die Kieler Überlegenheit „das Argument für die Play-off-Einführung ist, wäre es so, als wenn der THW nur mit einer Hand verteidigen dürfte“.