„Nein, nein“, sagt Ivan Nincevic schnell. „Ich fühle mich sehr gut.“ Die Frage hatte gelautet, ob er sich nicht etwas müde fühle nach dem anstrengenden Sommer. Schließlich hat der Linksaußen der Berliner Handball-Füchse „überhaupt keinen Urlaub“ gehabt, wie er erzählt. Er war mit der kroatischen Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen im Einsatz, aus London brachte er die Bronzemedaille mit.
Danach ging das Profileben sofort weiter. Ab zu den Füchsen, wo er zum Ende der Vorbereitung einstieg. Es wäre also kein Wunder gewesen, wenn der 30-Jährige jetzt zum Saisonstart ein wenig geschwächelt hätte. Doch eher das Gegenteil ist der Fall. Zum Auftakt, am vergangenen Sonntag daheim gegen GWD Minden (29:25), erzielte er sieben Tore, am Dienstagabend, beim Aufsteiger TV Neuhausen/Erms (29:22), waren es sogar neun. Beide Male war der Rechtshänder bester Werfer seiner Mannschaft. Von wegen Müdigkeit.
Füchse-Trainer Dagur Sigurdsson hatte sich in dieser Richtung sowieso keine Sorgen um seinen Torjäger gemacht, der in der vergangenen Spielzeit mit 178 Treffern erfolgreichster Fuchs war. „Ivan ist bei den Spielen in London für seine Mannschaft nicht so oft zum Einsatz gekommen. Es fehlt ihm eher an Spielpraxis.“ Was der Kroate mit der Trikotnummer 27 jetzt nachholen darf. „Ich lasse ihn gerade sehr lange auf dem Feld“, sagt der isländische Coach. Er rühmt den Spieler als „Riesenhandballer“. Ein emotionaler Typ sei er, „der dorthin geht, wo es wehtut“. Er sei auf dem Feld, so hat Sigurdsson festgestellt, „nicht immer der Beliebteste“. Aus Sicht des Gegners wohlgemerkt.
„Klar, ich provoziere manchmal auch ein bisschen, das gehört zu meinem Spiel“, gibt Familienvater Nincevic ganz ehrlich zu, der im richtigen Leben freundlich und zuvorkommend ist. Auf dem Feld setzt sich jedoch schon mal das kleine Teufelchen in ihm durch. Ab und an schließt er vor dem Tor betont lässig ab. Was den Trainer schier zur Weißglut treibt. Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning lässt bei seiner Einschätzung über Ivan Nincevic Interpretationsspielraum: „Er ist auch ein Spieler, den man enger führen muss als andere im Team.“
Zurück zur Müdigkeit. „Die wird schon noch kommen“, sagt Nincevic. „Schon möglich, dass er im Oktober, November in ein Tief rutscht“, glaubt Sigurdsson. Aber das sei doch jetzt kein Thema, meint Nincevic. Man solle nicht so viel an die Zukunft denken, schließlich zähle doch nur die Gegenwart. Und die kann für die Füchse besser kaum sein. „Eine Steigerung gegenüber dem Erfolg gegen Minden“ hat der Trainer mit Blick auf die Partie in Neuhausen erkannt. „Unser Start war erst einmal okay“, meint Nincevic. „Aber es geht noch besser.“ Er nimmt sich da natürlich selbst nicht aus.
Eigentlich kam der Kroate im Februar 2010 als Lückenfüller nach Berlin, sein Engagement sollte auf wenige Monate beschränkt bleiben. Da sich Linksaußen Konrad Wilczynski, zuvor Berlins Topwerfer, an der Hand verletzt hatte, fahndeten die Füchse nach einem Ersatz. Sie wurden im kroatischen Zadar fündig, wo Nincevic spielte. In der Bundesliga war er allerdings kein Unbekannter, hatte er doch beim in die Insolvenz gegangenen Erstligisten Stralsund in der Saison 2008/2009 200 Tore erzielt.
Doch aus der Aushilfe wurde eine Dauerlösung. Nincevic bekam einen Vertrag bis 2012, der im vergangenen März bereits bis 2013 verlängert wurde. Über sein Saisonziel will er nichts sagen, die Profiweisheit, nur von Spiel zu Spiel zu denken, hat er verinnerlicht. Zumindest steht eines fest: „Ich will immer gewinnen.“ Daher war er zuerst auch enttäuscht, dass es in London nur Bronze und nicht Gold gab. Aber inzwischen sagt er: „Die Medaille ist super. Die Olympischen Spiele waren ein Ereignis, das ich nie vergessen werde.“





