Handball

Dagur Sigurdsson setzt in der Champions League auf Coolness

Nach der Niederlage gegen Ademar Leon spricht der Füchse-Trainer im Interview über die Taktik, den Elf-Tore-Rückstand aufzuholen.

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Die Ernüchterung war groß. Nach dem 23:34 im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League bei Ademar Leon ist die Chance der Füchse auf das Erreichen des Final Four nur noch gering. Doch der Handball-Bundesligist steckt nicht auf, im Interview mit Morgenpost Online erklärt Trainer Dagur Sigurdsson (39), wie das Wunder von Berlin gelingen kann.

Morgenpost Online: Herr Sigurdsson, Sie sind ein großer Fan des FC Barcelona? Was sagen Sie zum Scheitern im Champions-League-Halbfinale gegen den FC Chelsea?

Dagur Sigurdsson: Barcelona spielt den schönsten Klub-Fußball überhaupt. Aber manchmal muss eben auch der schlechtere Fußball gewinnen. Es geht wie im Handball nicht immer über Schönheit.

Morgenpost Online: Was bedeutet diese Erkenntnis für das Rückspiel der Füchse am Sonntag (16 Uhr, Schmeling-Halle) gegen Ademar Leon?

Sigurdsson: Dass es mir egal ist, wie es aussieht, Hauptsache ist, wir sind erfolgreich. Aber man muss Chelsea trotzdem Respekt zollen, immerhin haben sie mit nur zehn Mann gegen Barcelona bestanden.

Morgenpost Online: Wie tief sitzt der Frust nach der Pleite in Leon?

Sigurdsson: Natürlich war die Enttäuschung direkt nach dem Spiel deutlich zu spüren, aber als wir uns nach der Rückkehr dann am Montag zum Training getroffen haben, habe ich sofort gespürt, dass meine Spieler hoch motiviert sind für das Rückspiel. Da musste ich gar keine Aufbauarbeit leisten, wir haben uns noch lange nicht aufgegeben. Wir haben ein paar Dinge, die in Spanien falsch gelaufen sind, diskutiert. Sicher ist die Aufgabe für das Rückspiel extrem schwierig. Das Schlimmste daran ist, dass acht Tage dazwischen liegen, diese Zeit müssen wir jetzt irgendwie überleben. Dabei hatten wir so eine Wut im Bauch, dass wir am liebsten gleich am Montag die Revanche gespielt hätten.

Morgenpost Online: Waren Sie von der Stärke der Spanier überrascht?

Sigurdsson: Nicht wirklich, es ist ja bekannt, das Ademar Leon enorm heimstark ist und die Halle dort eine riesengroße Stimmungskiste ist. Das ist eine Mannschaft ohne große Namen, aber die haben das gegen uns perfekt gemacht, und wir haben sie dazu auch noch eingeladen. Aber im Rückspiel haben wir dann unsere Fans im Rücken und wir brauchen deren Unterstützung. Dann ist die Überraschung möglich. Das mag jetzt abgedroschen klingen, aber wie heißt es doch so schön: neues Spiel, neues Glück.

Morgenpost Online: Wie wollen Sie das Wunder von Berlin schaffen?

Sigurdsson: Nun, es hängt im Handball viel vom Spielverlauf ab. Ganz nüchtern betrachtet müssen wir jede 15 Minuten mit drei Toren Vorsprung gewinnen. Das Schwierige daran ist, das vier Mal hintereinander zu schaffen. Die Formel zum Erfolg ist klar: Die Fans peitschen uns nach vorn, unsere Torhüter zeigen von Beginn an Topleistung, die Abwehr steht sicher und wir erzielen über den Gegenstoß leichte Tore. Wichtig ist, dass meine Spieler ganz cool im Kopf sein müssen. Auch wenn wir in der Halbzeit nur mit zwei Toren vorne liegen, so müssen wir immer an uns glauben und nie aufgeben.

Morgenpost Online: Woher nehmen Sie das Selbstvertrauen?

Sigurdsson: Wir spielen bislang eine überragende Saison mit nur ganz wenigen Rückschlägen. Okay, das Spiel in Leon war so ein Tiefschlag, aber das gehört im Sport doch auch dazu. Meine Mannschaft hat schon so oft wichtige Spiele gedreht und dabei stets großen Kampfgeist und Charakter gezeigt. Warum nicht jetzt wieder?

Morgenpost Online: Aber Sie müssen elf Tore aufholen…

Sigurdsson: Wenn man den Gegner total dominiert, gewinnt man im Handball etwa mit acht Toren. Dann gehen auch elf oder zwölf. Außerdem hat Ademar Leon schon einmal im Europacup zu Hause mit zwölf, dreizehn Toren Vorsprung gewonnen und ist dann im Rückspiel gegen Celje in Slowenien noch ausgeschieden. Wir gehen von Beginn an volles Risiko.

Morgenpost Online: Verfolgen Sie als Fußball-Anhänger auch die Entwicklung bei Hertha BSC?

Sigurdsson: Auf jeden Fall, und ich fände es wirklich schade, wenn Hertha absteigt. Eine Weltstadt wie Berlin braucht doch einen Erstligaklub im Fußball. Aber man sieht eben auch, wie große Klubs in Großstädten wie Hertha BSC oder der 1. FC Köln rasch in die Krise kommen, wenn das Umfeld unruhig ist. Da wollen einfach viele mitreden, wo es langgeht.

Morgenpost Online: Wie erleben Sie das bei den Füchsen?

Sigurdsson: Ich kann hier seit drei Jahren in Ruhe arbeiten und meine Ideen und Vorstellungen sehr professionell umsetzen. Unser Klub ist sehr gut aufgebaut, es herrschen kurze Wege zwischen den entscheidenden Personen. Wenn man jemanden braucht, ist immer jemand da. Das ist wie eine große Familie und ich bin dankbar und zufrieden, wie es bei den Füchsen läuft.

Morgenpost Online: Ein Baustein Ihrer Arbeit ist das Heranführen junger Talente an die Profimannschaft.

Sigurdsson: Ja, und das macht mir extrem viel Spaß. Natürlich ist es auch schön, den nächsten Star zu kaufen, aber noch größer ist die Freude, den eigenen Nachwuchs erfolgreich heranzuziehen. Dafür brauchst du funktionierende Strukturen im Verein, die wir zum Glück auch haben. Aber die Talente bekommen bei uns nichts geschenkt, sie müssen sich durchbeißen. Ein Johannes Sellin oder ein Colja Löffler müssen sich jeden Einsatz erkämpfen, und genau das macht sie so stark.