Mit dem Sieg über MT Melsungen (33:21) haben die Füchse einen perfekten Jahresabschluss gefeiert. Der Handball-Bundesligist erlebte das erfolgreichste Jahr seiner Klubgeschichte mit der Champions-League-Teilnahme und Platz zwei nach der Hinrunde. Nun können die Profis erst einmal durchatmen, ebenso wie ihr Geschäftsführer Bob Hanning.

Morgenpost Online: Herr Hanning, Sie leben Handball 24 Stunden am Tag, fordern von sich und ihren Mitarbeiten stets vollen Einsatz. Wie und wo suchen Sie jetzt Entspannung?

Bob Hanning: Mich zieht es an die Ostsee, nach Travemünde. Dort unternehme ich lange Spaziergänge nach Timmendorf oder Niendorf. Dabei kann ich gut abschalten und bekomme den Kopf frei.

Morgenpost Online: Sie starten im Wissen einer überragenden Hinserie an die Ostsee. Zuletzt gelangen neun Liga-Siege in Folge. Ein Traum?

Bob Hanning: Nun, ich habe den Erfolg in der vergangenen Saison nicht für möglich gehalten, weil es reell nicht machbar war. Und ehrlich gesagt, war ich gar nicht so glücklich über den Einzug in die Champions League, weil ich wusste, dass die Belastung so groß wird, dass wir daran womöglich scheitern. Aber, und das macht mich stolz und glücklich, die Leistung der Mannschaft hat mich Lügen gestraft. Sie hat bewiesen, dass es doch tatsächlich noch besser geht. Wir haben den Erfolg der Vorsaison noch einmal getoppt, das ist der Wahnsinn. Und das, obwohl wir in der Champions League eine Hammergruppe erwischt haben. Trotz der schweren Spiele haben wir es geschafft, diese Konstanz an den Tag zu legen, das ist aller ehrenwert. Wir haben auswärts öfter mal nicht so gute Spiele gemacht, aber diese dennoch gewonnen. Das ist eine neue Qualität bei den Füchsen.

Morgenpost Online: Wie ist diese Qualität noch zu erklären?

Bob Hanning: Unsere Mannschaft spielt im Kern jetzt schon länger zusammen, daraus ergibt sich eine Routine, die wir zu nutzen wissen. Dazu kommt eine Konstanz auf höchstem Niveau. Was uns so stark macht, ist dass wir nie hektisch werden und immer von innen heraus an uns glauben. Außerdem nimmt sich keiner wichtiger als das Team. Die Mannschaft ist der Star.

Morgenpost Online: Woran machen Sie das fest?

Bob Hanning: Nehmen wir mal Iker Romero. Er spielt eigentlich zu wenig, akzeptiert aber die Rolle so wie sie ist zum Wohle des Vereins, obwohl er mehr auf dem Feld stehen müsste. Aber er hat mit Bartlomiej Jaszka einen Spielmacher vor sich, der unumstritten ist und der Erfinder unseres Angriffsspiels ist.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielt Trainer Dagur Sigurdsson bei dem großen Erfolg?

Bob Hanning: Eine sehr wichtige. Dagur weiß ganz genau, wo er sich bei mannschaftsdynamischen Prozessen einzuschalten und sich rauszuhalten hat. Dagur lässt die Spieler einiges unter sich lösen, das ist eine große Stärke. Und auch er nimmt sich nicht wichtiger als das Team. Mit Co-Trainer Alexander Haase, Athletik-Trainer Erik Helm oder unserem Ärzteteam um Jürgen Bentzin haben wir ein perfekt aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel.

Morgenpost Online: Nach der EM wartet auf die Füchse in der Rückrunde ein hartes Programm mit Auswärtsspielen in Hamburg, Kiel, Flensburg und bei den Rhein-Neckar Löwen, dazu die entscheidenden Partien in der Champions League. Ist Europa in Gefahr?

Bob Hanning: Wir wissen nicht, wie die Spieler von der EM wiederkommen, das ist wirklich schwer vorauszusagen. Fest steht aber schon jetzt, dass es ab Februar ganz hart wird. Daher ist die Zielsetzung für mich nach wie vor ein Platz unter den Top sechs der Liga, der die Qualifikation für den Europapokal bedeuten würde. Mannschaften wie Flensburg, Hamburg oder die Rhein-Neckar Löwen haben einen viel breiteren Kader auf Weltklasseniveau.

Morgenpost Online: Aber ein Platz unter den ersten Sechs hört sich laut jetzigem Tabellenstand nach Tiefstapelei an.

Bob Hanning: Wenn ich wüsste, dass alle Spieler gesund von der EM zurückkehren und wir verletzungsfrei durch den Februar kommen, dann wäre Platz sechs in der Tat Understatement. Ich bin jemand, der gern hohe Ziele setzt, aber ich bin nicht bereit, mich auf Kosten der Mannschaft zu profilieren, denn auch ich bin Teil des Ganzen und nicht für das Thema Attacke verantwortlich, sondern versuche, das Ganze sachlich richtig einzuordnen.

Morgenpost Online: Ärgern Sie sich über den Spielplan mit den vielen schweren Auswärtsspielen in der Rückrunde?

Bob Hanning: Nein, im Gegenteil, er ist ein Traum, weil die gegnerischen Mannschaften ja erst einmal die Punkte gegen uns aufholen müssen. Mit Ausnahme von Kiel haben wir zu Hause gegen alle großen Teams schon gewonnen, dadurch haben wir die beste Ausgangslage der Liga. Wenn wir dann eines dieser schweren Auswärtsspiele gewinnen, dann können wir damit einen Konkurrenten direkt ausschalten. Das wären Bonuspunkte. Unsere Heimspiele müssen wir natürlich gewinnen, und das sind alles auch lösbare Aufgaben.

Morgenpost Online: In der Champions League geht es darum, das Achtelfinale zu erreichen.

Bob Hanning: Ja, und da ist ab jetzt jedes Spiel ein Finale. Wenn wir die Partie am 12. Februar gegen Tschechow gewinnen, ziehen wir so gut wie sicher in die nächste Runde ein. Verlieren wir, sind wir so gut wie raus.

Morgenpost Online: Im Januar hat Trainer Sigurdsson nur einen Bruchteil der Mannschaft zur Verfügung. Eine Herausforderung?

Bob Hanning: Die Spieler müssen sich fit halten. Von Markus Richwien, Ewgeni Pewnow, Mark Bult und Johannes Sellin erwarte ich, dass sie die vier Wochen nutzen, um noch besser zu werden. Denn auf diese Jungs wird es in der wichtigen zweiten Saisonphase ankommen. Sie werden die Champions League entscheiden.

Morgenpost Online: Hat sich die überragende Hinrunde wirtschaftlich niedergeschlagen?

Bob Hanning: Leider nicht wie erhofft. Für den großen Erfolg, den wir haben, verkaufen wir nicht adäquat, da gibt es noch Steigerungspotenzial. Aber die Partner, die wir haben, sind glücklich, und wir müssen auch keine Sorge haben, dass wir diese verlieren. Wir müssen uns aber strecken, damit wir auf Dauer konkurrenzfähig bleiben. Von den Zuschauerzahlen her sind wir stabil, auch wenn die Fans wählerischer geworden sind. Man merkt aber, dass eine Nationalmannschaft in Berlin mittlerweile weniger zieht als der Verein, das wäre vor Jahren noch undenkbar gewesen und freut uns natürlich sehr.

Morgenpost Online: In der Winterpause werden im Handball die Verträge gemacht. Wie sieht es mit der Personalplanung bei den Füchsen aus?

Bob Hanning: Im Sommer laufen in der Tat einige Verträge aus, aber damit befasse ich mich erst nach dem Urlaub. Ich kann immerhin jetzt schon sagen, dass wir gewillt sind, die Verträge mit unseren Spielern zu verlängern

Morgenpost Online: Der Vereinspräsident Frank Steffel wird im Mai zum zweiten Mal Vater. Damit dürfte er bald womöglich weniger Zeit für die Füchse haben?

Bob Hanning: Ich freue mich für ihn und bewundere, wie er es schafft, seine vielen Aufgaben zu meistern. Dabei hat er immer noch genug Zeit für den Verein. Frank Steffel ist auch ein Faktor des Erfolges der Füchse, weil er sich stets in den Dienst der Sache stellt und mir beratend und sehr positiv zur Seite steht. Ich habe sogar das Gefühl, dass er noch mehr arbeitet als ich – und das heißt wirklich etwas.