Handball-Pokal

Füchse gehen als Außenseiter ins Duell gegen Kiel

Im Pokal-Achtelfinale wollen die Berliner Füchse gegen Rekordmeister THW Kiel die Sensation schaffen. Die Erfolge in der Bundesliga und die Aussicht auf das Preisgeld geben zusätzlichen Auftrieb.

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Es ist angerichtet. Im Achtelfinale des deutschen Handball-Pokals empfangen die Füchse Berlin am Mittwoch in der Max-Schmeling-Halle Rekordmeister THW Kiel (19 Uhr, Tickets sind noch zu haben). Beide Mannschaften sind in der Bundesliga zurzeit das Maß der Dinge, es ist das Duell Erster gegen Zweiter. Bereits zum dritten Mal in Serie stehen sich beide Mannschaften im Pokalwettbewerb gegenüber, bislang siegte stets der Nordklub, das soll sich am Mittwochabend ändern, auch wenn die Füchse Außenseiter sind. „Wir wissen, dass wir gegen den THW nur alle zehn Spiele einmal gewinnen. Jetzt sind zehn Spiele rum und wir können gern mit diesem einem Spiel in die nächsten zehn starten“, sagt Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning. Ende Oktober verloren die Berliner nur ganz knapp gegen den Rekordmeister (32:33) . Füchse-Kapitän Torsten Laen hofft nach sechs Liga-Siegen in Folge: „Wenn es so gut läuft wie in der Bundesliga, können wir hoffentlich die Extra-Portion Energie abrufen.“ Vor dem Pokalhit vergleicht Morgenpost Online die beiden Topklubs.

Die Torhüter

Mit Nationalspieler Silvio Heinevetter (27) und dem Franzosen Thierry Omeyer (35) haben die Füchse Berlin und der THW Kiel die beiden besten Torhüter der Liga in ihren Reihen. Seit Wochen spielt Heinevetter beim Hauptstadtklub in überragender Form und hat großen Anteil am Höhenflug seines Teams. Gleiches trifft auf Olympiasieger Omeyer zu, der in Kiel seinen dritten Frühling erlebt. „Ich sehe beide Torhüter in ihrer Leistung auf Augenhöhe“, sagt Bob Hanning. Heinevetter bildet mit dem Tschechen Petr Stochl zusammen ein sehr harmonisches Torwart-Duo, gerade weil sie so verschieden sind. „Es ist gut, zwei so unterschiedliche Typen im Tor zu haben, das macht uns unberechenbar“, sagt Füchse-Trainer Dagur Sigurdsson. Während Heinevetter und Stochl eher gleichberechtigt sind und regelmäßig der eine für den anderen einspringt, ist Andreas Palicka in Kiel klar der zweite Mann hinter Omeyer. Pikant: Womöglich kommt es am Mittwochabend sogar zum Duell zwischen Nachfolger und seinem Vorgänger. Im Sommer 2013 kehrt Omeyer nach Frankreich zurück, spielt dann für Montpellier. Gerüchten zufolge könnte Heinevetter bereits 2012 den Franzosen im THW-Tor ersetzen. Hanning dementiert: „Es gibt keinerlei Anfragen für Silvio Heinevetter, der THW ist nicht an uns herangetreten.“

Die Spielmacher

Bescheidenheit ist im Kieler Rückraum Fehlanzeige. Neben den Tormaschinen Filip Jicha und Kim Andersson sticht Spielmacher Daniel Narcisse (31) hervor. Bei den Füchsen lenkt der 28 Jahre alte Pole Bartlomiej Jaszka die Geschicke auf dem Feld. 2009 war Narcisse für die Rekord-Ablöse von 1,2 Millionen Euro von Chambery aus Frankreich zum THW an die Ostsee gewechselt, darf sich seither als teuerster Handballspieler der Welt fühlen. Jaszka unterschrieb gerade erst einen Rentenvertrag bei den Berlinern bis 2017, nachdem er in der Bundesliga heiß umworben war. Aber bei den Füchsen fühlt sich der Nationalspieler wohl. Jaszka und Narcisse sind zwar beide Regisseure, „aber sie sind völlig unterschiedliche Spielertypen“, sagt Manager Hanning. Während der THW-Profi mehr wurforientiert ist, ist Jaszka ein klassischer Spielgestalter, der dank seiner leichten Statur (1,84 Meter bei 87 Kilogramm) äußerst flink auf den Beinen ist und ideenreich agiert. Er lenkt und leitet das Spiel, zieht das Tempo an oder nimmt auch mal die Geschwindigkeit aus dem Spiel. Hanning: „Er ist unser Daniel Düsentrieb. Sowohl Bartlomiej Jaszka als auch Daniel Narcisse würden einer deutschen Nationalmannschaft sehr gut tun.“

Die Trainer

Island ist ein kleines Eiland, rund 320.000 Einwohner leben im hohen Norden. Aber Handball hat fast jedes Kind dort schon gespielt. Die Ausbildung ist erstklassig und mit Dagur Sigurdsson (38/Berlin) und Alfred Gislason (52/Kiel) werden die beiden Topteams in der Bundesliga von Isländern gecoacht. Der Erfolg gibt ihren Konzepten Recht. „Wir Isländer sind Kämpfer“, sagt Sigurdsson und erklärt die Mentalität, die auch ihn auszeichnet: „Der Isländer arbeitet hart und will mit aller Macht seinem Klub helfen.“ Das tun Sigurdsson und Gislason in der Tat. „Dagur und Alfred sind beide kleine Vulkane“, sagt Hanning, „sie sind erfolgsbesessen und akribische Arbeiter — und alle beide sind herausragende Trainerpersönlichkeiten.“

Der Verein

21 Jahre war der Spitzenhandball in Berlin in der Bedeutungslosigkeit versunken, seit fünf Jahren nun sorgen die Füchse für Furore. Der THW Kiel, dessen Bundesliga-Spielbetrieb als Handball-Bundesliga-GmbH 1992 ausgegliedert wurde, hat dagegen über Jahrzehnte gewachsene Strukturen. Unter Svonimir „Noka“ Serdarusic entwickelte sich der THW zum Erfolgsteam, der Höhepunkt war 2007 der Gewinn des historischen Triples (Champions League, Pokal, Meisterschaft). Auch den Skandal um Serdarusic und Ex-Manager Uwe Schwenker – beide sollen Schiedsrichter bestochen haben – überstand der Kultklub relativ unbeschadet. Wirtschaftlich unterscheiden die beiden Vereine Welten. Die Füchse planen die laufende Spielzeit mit etwa 4,8 Millionen Euro, in Kiel gaben die Verantwortlichen offiziell an, mit dem Rekordbudget von 9,5 Millionen Euro zu jonglieren, tatsächlich sollen es knapp zwölf Millionen Euro sein. Trotz des sportlichen Höhenflugs steht seriöses Wirtschaften für die Füchse an oberster Stelle. Schulden machen ist tabu, Kontinuität auf hohem Niveau heißt dagegen die Zauberformel. Und dabei stets den Blick für das Machbare behalten, so lautet das Credo im Fuchsbau. Neid auf den Liga-Krösus herrscht in Berlin aber nicht. Die beiden Städte könne man eh nicht miteinander vergleichen, sagt Hanning. „In Kiel herrscht eine absolute Zentrierung auf den TWH Kiel, die Handballer sind quasi konkurrenzlos. Zudem zeigt die Mannschaft tollen Sport. Aber dort gibt es ja auch fast nichts anderes.“

Rund 500.000 Euro würde der Sieg im Pokal einbringen. Hanning: „Das ist natürlich ein Anreiz. Wir würden das Geld gern mitnehmen.“ Ein Sieg über Kiel wäre dafür natürlich Pflicht.