Rollentausch

Göppingen nimmt sich die Füchse zum Vorbild

| Lesedauer: 5 Minuten
Alexandra Gross

Foto: picture alliance / Camera4 / picture alliance / Camera4/Camera4

Während die Füchse einen perfekten Ligastart hingelegt haben, ist Frisch Auf Göppingen denkbar schlecht in die Saison gestartet. Der ehemals harte Verfolger muss im Spiel gegen Berlin ums Überleben kämpfen – doch das macht Göppingen umso gefährlicher.

Er kann links wie rechts, hinten wie vorne. Was einst Fußball-Ikone Franz Beckenbauer über Rekordnationalspieler Lothar Matthäus sagte, trifft auch perfekt auf Handballprofi Michael Haaß zu. Der Auswahlakteur in Diensten von Frisch Auf Göppingen wirft den Ball mit rechts, schreibt aber mit links. Als Regisseur dirigiert er das Angriffsspiel und überzeugt zugleich auch in der Abwehr. 82 Länderspiele bestritt der Weltmeister von 2007, er ist der Leitwolf beim Traditionsklub aus dem Schwäbischen, der heute im Bundesligaduell die Füchse aus Berlin empfängt. Und obwohl Göppingen im Sommer den Europapokal (EHF-Cup) gewann, sieht Haaß sein Team in der Rolle des Jägers, mehr noch. „Die Füchse sind für uns ein Vorbild“, sagt er.

Neun Mal Deutscher Meister

Moment mal, Vorbild? Die Berliner spielen erst in der fünften Saison in der Beletage des deutschen Handballs, Göppingen hingegen gelang 2001 der Wiederaufstieg in Liga eins. Neunmal holte der Verein zwischen 1954 und 1972 die Deutsche Meisterschaft, triumphierte 1960 und 1962 im Europapokal der Landesmeister, dem Vorläufer der heutigen Champions League, und gewann zuletzt Ende Mai den EHF-Pokal. Wann immer die Füchse in den vergangenen Jahren gegen die Schwaben antraten, schwang stets großer Respekt mit. Und Freude, sich mit dem Verein zu messen, denn Göppingen hatte für die Füchse immer auch Vorbildcharakter. „Die arbeiten dort finanziell solide, haben in Velimir Petkovic einen sehr guten Trainer und haben sich immer kontinuierlich verstärkt“, sagt Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning und ist ob der Aussage von Haaß fast ein bisschen sprachlos. „Wir sind stolz darauf, dass es für uns nach so kurzer Zeit in der Bundesliga schon zum Vorbild gereicht, auch wenn ich das für übertrieben halte“, sagt der Manager, „aber es zeigt auch, dass unsere Arbeit landesweit große Anerkennung findet und wir auf dem richtigen Weg sind.“

Die Einschätzung von Michael Haaß wird freilich nur allzu sehr von den sportlichen Leistungen unterfüttert. So schafften die Berliner nach einer überragenden Saison in der vergangenen Spielzeit erstmals die direkte Qualifikation für die Champions League. Den klassischen Europapokal (EHF-Cup und Europacup der Pokalsieger) übersprangen sie dabei nonchalant. „Es war schön zu sehen, dass es Berlin geschafft hat, in die Dominanz von Hamburg, Kiel, Flensburg und den Rhein-Neckar Löwen einzubrechen“, sagt Haaß, „Teams wie die Füchse oder wir müssen immer am Optimum spielen, um oben mithalten zu können.“

Start in das Abenteuer Königsklasse

Am Sonntag starten die Füchse beim russischen Topklub Medwedi Tschechow in das Abenteuer Königsklasse. Zuvor aber steht Mittwochabend das Spiel in Göppingen an, und weil Frisch Auf denkbar schlecht mit nur 2:8 Punkten in die Saison gestartet ist, ist die Partie schon eine Art Vorentscheidung um den Einzug in den Europapokal. Manager Hanning spricht gar von einem Matchball und rechnet vor: „Wir haben die große Chance, Göppingen weit hinter uns zu lassen. Zehn Minuspunkte Vorsprung auf einen direkten Konkurrenten im Kampf um die Europacup-Plätze – das wäre schon eine Art Vorentscheidung“, frohlockt der 43-Jährige, dessen Team mit vier Siegen in vier Spielen einen perfekten Liga-Auftakt hingelegt hat. Zudem habe man ja dann noch das Heimspiel gegen Frisch Auf. „Es wäre ein Traum, wenn wir einen unserer ärgsten Verfolger schon so früh in der neuen Saison auf Distanz halten könnten.“ Derzeit ist Frisch Auf Göppingen allerdings alles andere als ein gefährlicher Verfolger. Nur ein Sieg nach fünf Spielen stärkt nicht gerade das eigene Selbstvertrauen. Die Mannschaft rangiert auf Rang 16 und steht mit dem Rücken zur Wand, aber genau das macht sie auch gefährlich. „Denn sie kämpfen ums Überleben“, ahnt Hanning und überrascht dann mit der Aussage: „Wir sind in diesem Spiel ein chancenreicher Außenseiter. Und das meine ich genau so, wie ich es sage.“

Petkovic hofft auf die Sensation

In Göppingen sieht man die Chancenverteilung für das Liga-Spiel natürlich etwas anders. „Wir müssen jetzt hart arbeiten und weiter an uns glauben. Wir brauchen alle Mann, um gegen Berlin eine Sensation zu schaffen“, sagte Trainer Petkovic, der nach dem verpatzten Saisonstart auf ein Erfolgserlebnis hofft. Er selbst hatte nach dem Sieg im EHF-Cup die Messlatte für seine Mannschaft hochgelegt. „Ich will jede Saison einen Schritt nach vorne kommen, diese Einstellung erwarte ich auch von meinen Spielern“, sagt der Bosnier, „wir haben zuletzt in der Liga Rang fünf erreicht, das bedeutet, es gibt noch vier Plätze vor uns.“ Bei den Füchsen glauben sie fest daran, dass Göppingen wieder auf die Beine kommt. Hanning: „Die aktuelle Tabellenkonstellation trügt, die Göppinger gehören in die Ligaspitze mit hinein.“ Das Spiel heute wird es zeigen.