Wie schwer der Weg nach ganz oben zu bewältigen ist, hat Martin Schwalb in unschöner Regelmäßigkeit zu spüren bekommen. Jahr für Jahr war der Hamburger mit seinem Team seit 2005 angetreten, um deutscher Handball-Meister zu werden. Am Ende war fast immer ein anderer Klub vorn, meistens der THW Kiel. Erst in diesem Frühjahr hat sich das geändert, und es wurde höchste Zeit, denn nach dem ersten Meistertitel für den HSV Hamburg wechselte Schwalb von der Trainerbank auf den Präsidentensessel und den Geschäftsführerposten des Klubs. Dass er von dort aus in Zukunft gleichsam Titelgewinne der Seinen bejubeln darf, zweifelt in der Branche niemand an, nur haben Schwalb und Co. spätestens seit Sonntagabend einen ernst zu nehmenden Konkurrenten dazu bekommen. Das 25:26 bei den Füchsen Berlin hinterließ bei den Gästen aus Hamburg jedenfalls gehörige Katerstimmung, während sie in der Hauptstadt nun lebhaft die Frage diskutieren, ob der Verein tatsächlich schon titelreif ist.
Schwalb selbst findet eine salomonische Antwort auf die Frage. „Wenn man gegen den Deutschen Meister gewinnt, ist das auf jeden Fall schon mal ein positives Zeichen“, sagt er. „Die Füchse machen auf mich einen sehr stabilen Eindruck. Aber wir in Hamburg und auch die Kieler haben immer gesagt, dass es nicht nur einen Zweikampf um den Titel gibt, sondern einen Drei-, Vier- oder Fünfkampf. Ob’s dann am Ende für die Füchse langt? Na ja, schauen wir mal.“
Anderer Ansatz mit Romero
Gelangt hat der furiose Sieg aber schon mal für die Verteidigung der Tabellenführung. Nach drei absolvierten Spielen stehen die Berliner verlustpunktfrei ganz oben – was Schwalb auch der geglückten Transferpolitik zuschreibt. „Die Füchse haben sich in der Breite sehr gut verstärkt. Ein Iker Romero etwa hat einen ganz anderen Ansatz, der will immer oben mitspielen, das ist die Philosophie, die er mitbringt von seinen bisherigen Vereinen.“ Dass solche Spieler wie der vom FC Barcelona gekommene Champions-League-Sieger bislang allerdings die Ausnahme im Kader der Berliner darstellen, wertet der 48-Jährige nicht als problematisch. „Es kann auch ein Vorteil sein, dass viele Spieler der Füchse noch keinen Meistertitel errungen haben. Die gehen dann recht unbeschwert an die Sache ran. Eine Mischung aus hungrigen und erfahrenen Leuten ist sehr gut“, meint Schwalb.
Jene Ausrichtung gefällt auch Bundestrainer Martin Heuberger (47). „Die Füchse haben eine sehr gute Mannschaft, die dank der Verstärkungen den Abstand zu Kiel und Hamburg noch mal verkürzt hat“, sagt er. „Der Kader ist von der Qualität her größer geworden, dadurch sind Ausfälle besser zu kompensieren als in der Vergangenheit. Aber auf Dauer wird es wohl noch nicht ganz reichen, um mit Kiel und Hamburg mitzuhalten“, glaubt Heuberger, der in diesem Sommer Ikone Heiner Brand als Trainer der Nationalmannschaft abgelöst hat.
Hanning spricht von Platz drei bis sechs
Diese Einschätzung ist auch von den Füchsen selbst zu hören. Zwar gibt es schöne Parallelen zur vergangenen Saison, als im September 2010 Meister THW Kiel bezwungen wurde und am Ende der Saison Platz drei heraussprang. Aber einen Automatismus leiten sie daraus in Berlin nach dem Erfolg über den aktuellen Titelträger längst noch nicht ab. „Ich genieße die Momentaufnahme und finde es echt sensationell, was die Mannschaft gegen den HSV geleistet hat, aber unser Ziel ist nach wie vor, zwischen Platz drei und sechs einzulaufen“, sagt Geschäftsführer Bob Hanning. „Ich bin immer für Ziele, die ambitioniert sind, die man aber erreichen kann. Für ganz oben fehlt uns die Finanzkraft, wir haben ja keinen Konzern dahinter und im Kader die Breite für 40 Spiele auf diesem Niveau.“
Hinzu käme, dass es bislang bis auf Zugang Jonathan Stenbäcken (Nachwirkungen einer hartnäckigen Grippe) und Linkshänder Markus Richwien (Patellasehnenentzündung) keine angeschlagenen Spieler im Kader gibt. „Fällt einer unserer Leistungsträger aus, ändert sich die Situation sofort“, prognostiziert Hanning.
Harte Brocken in der Champions League
Der Geschäftsführer weiß natürlich nur allzu gut, dass es bei der rasanten Entwicklung der Füchse, die vor sechs Jahren noch vor dem Ruin in der Zweiten Liga standen, schon ein Erfolg wäre, die Vorjahresplatzierung zu wiederholen. Gleichwohl nutzt er die Gunst der Stunde, um die Euphorie um sein Team in der Hauptstadt aufzufangen. Als „Meilenstein“ bezeichnete er dann auch den Sieg gegen den HSV, während Kapitän Torsten Laen immerhin mit der Erkenntnis vom Feld ging, „dass wir alle schlagen können“. Mehr aber auch nicht. „Wenn mir jetzt jemand sagt, dass wir Meister werden, dann sage ich ganz, ganz ruhig, dass die Saison mit der Champions League hart wird und wir nicht so einen breiten Kader haben“, so der Däne.
In der Tat dürfte die erstmalige Teilnahme an der Königsklasse einiges an Kraft kosten, zumal die Füchse mit Medwedi Moskau, Atletico Madrid (ehemals Ciudad Real), Veszprem, Bjerringbro-Silkeborg und Kielce gleichermaßen namhafte wie schwierige Gegner in der Gruppenphase der Champions League zugelost bekommen haben. Nicht zuletzt deshalb mag auch Trainer Dagur Sigurdsson seine Mannschaft noch längst nicht im Kreis der Anwärter auf den Meistertitel verorten. „Wir bleiben Realisten, unser Ziel bleiben die Top Sechs“, sagt der 38-jährige Isländer. „Aber natürlich kann man seine Ziele übertreffen. Letzte Saison hatte auch niemand erwartet, dass wir Dritter werden.“ Allerdings gebe es bis Silvester noch 24 Spiele zu absolvieren. „In dieser Zeit stabil zu bleiben, ist unser Ziel.“








