Dagur Sigurdsson ist ein Freund der gepflegten Unterhaltung. Der 37 Jahre alte Trainer der Füchse Berlin ist dabei stets freundlich und aufmerksam, seine Stimme hat zudem ein angenehmes Timbre. Aber natürlich kann Sigurdsson auch anders. Laut, vehement, fordernd. Diese zweite Seite, die entfesselte, erlebten seine Handballspieler am Sonntag in der Halbzeitpause des Bundesligaspiels gegen Aufsteiger Friesenheim. Da wurde der Isländer in der Kabine mal so richtig laut, und das zum ersten Mal in dieser Saison.
Bis zu der Partie gegen den Liga-Neuling aus Ludwigshafen hatte Sigurdsson freilich auch wenig Grund zur Klage. Seine Mannschaft spielte immer vorbildlich am Limit – und wuchs regelmäßig über sich hinaus. Gegen Friesenheim aber bedurfte es nun erstmals eines nachdrücklichen Wachrüttlers. Und am Ende ist mit dem 36:32-Erfolg ja auch alles noch einmal gut gegangen. „Wir hatten in dem Spiel anfangs eine etwas schlechte Einstellung, und deshalb wurde ich in der Kabine etwas lauter“, sagte Sigurdsson und nahm die Schuld dafür auf sich: „Ich nehme das auf meine Kappe, denn ich bin dafür da, die Jungs heiß zu machen.“
Vor allem die Abwehr der Berliner, bislang des Prunkstück der Füchse und schon als beste Defensive der Bundesliga gerühmt, blieb dieses Mal glanzlos. Es fehlte die nötige Konzentration. „Und es waren zu viele Löcher in der Abwehr“, sagt Geschäftsführer Bob Hanning, „unser Abwehrchef Denis Spoljaric musste zu weite Wege gehen.“
„Siege sind keine Selbstläufer“
Eigentlich, so Hanning, hätte man die Partie völlig entspannt und ohne Stress mit zehn Toren Vorsprung gewinnen müssen. „Aber wir müssen aufpassen, dass die Leute jetzt nicht denken, dass wir jedes Spiel locker gewinnen, das sind alles keine Selbstläufer“, sagt der Manager, dessen Mannschaft hinter dem THW Kiel und HSV Hamburg sensationell auf Rang drei liegt.
„Gegen Friesenheim hat man gesehen, dass, wenn unsere Mannschaft nur 90 Prozent gibt, sie dann auch nur Mittelmaß ist. Wir haben keine Weltklassemannschaft“, so Hanning. Aber der 42-Jährige freute sich auch, dass sich die Mannschaft auch ohne Topleistung noch zum Sieg gekämpft habe. „Es war große Klasse, wie uns das Publikum am Ende unterstützt hat, das war vielleicht sogar der entscheidende Punkt. Auswärts hätten wir dieses Spiel verloren.“
Erwartungshaltung wird größer
Die Füchse sind zwar noch kein Weltklasseteam, das wäre angesichts des Etats von etwa vier Millionen Euro – der THW Kiel hat ein Budget von 9,5 Millionen Euro – und der noch jungen Vereinsgeschichte sicher auch vermessen. Zur leistungsstarken Topmannschaft, die seit Saisonbeginn die stärkste Handball-Liga der Welt aufmischt, haben sich die Hauptstadt-Handballer aber auf jeden Fall entwickelt. Und sie schicken sich an, mit dem Erreichen des Europapokals Historisches zu schaffen.
Dafür sollten die Füchse am Ende auf Rang fünf oder sechs landen, welche Platzierungen ausreichen, steht noch nicht endgültig fest. Das Ziel Europa sprechen sie im Fuchsbau nun auch alle laut aus. „Die Saison war bislang unglaublich, aber die Erwartungshaltung wird auch immer größer an uns. Dabei muss man realistisch bleiben“, sagt Hanning, „trotzdem kann man sagen, hatten wir bisher noch von Platz acht gesprochen, dann soll es jetzt auch mit Europa klappen.“
Am Dienstag reisen die Füchse mit dem Bus nach Lemgo, wo am Mittwochabend die Partie gegen den TBV ansteht. Mit einem Sieg besteht für die Füchse die große Chance, auf den zweiten Tabellenplatz zu klettern. Bis Weihnachten stehen den Berlinern insgesamt noch drei Auswärtsspiele bevor, und die Vorgabe der Klub-Oberen ist klar. Hanning gibt die Marschroute aus: „In den drei Partien in Lemgo, Göppingen und Wetzlar müssen wir mindestens zwei Punkte holen.“





