Eishockey

Die Männer in Blau fallen immer auf bei den Eisbären

Morgenpost-Serie über Berlins ungewöhnlichste Fans: Ben Lancaster bringt australisches Flair zu den Eisbären. Das gefällt nicht jedem.

Gegnerische Spieler müssen auf der Strafbank einiges aushalten bei Ben Lancaster (r.) und seinen Freunden

Gegnerische Spieler müssen auf der Strafbank einiges aushalten bei Ben Lancaster (r.) und seinen Freunden

Foto: Krauthoefer

Berlin.  Der Termin für den Sonntag war fest gebucht. Gegen 14 Uhr ankommen, vielleicht etwas früher. Um 14.30 Uhr dann Spielbeginn. Halbfinale, drittes Duell. Nun fängt um 14.30 Uhr das öffentliche Eislaufen in der Mercedes-Benz Arena an. Um 15 Uhr startet die Autogrammstunde der Profis, ab 17 Uhr wird etwa eine Stunde lang das Team des EHC Eisbären verabschiedet.

Ben Lancaster und seine Freunde bleiben bis zum Schluss. Statt den EHC Eisbären im Halbfinale der Deutschen Eishockey Liga (DEL) zu sehen, wird der Saison, die am Ostermontag mit einem 2:3 in Spiel sieben des Viertelfinales gegen die Kölner Haie endete, ordentlich „Lebe wohl“ gesagt. Solche Feste, wobei Fest hier nicht ganz angebracht scheint, also: Solche Zusammenkünfte können etwas Rührendes haben. Ben und seine Jungs erlebten das vor einem Jahr. „Damals sind Fans aus der Kurve auf uns zugekommen und sagten, dass wir dazugehören und weitermachen sollen. Das hatten wir nicht erwartet“, erzählt er. Überwältigt waren sie, zur Abwechslung ging ihnen mal etwas unter die Haut.

Stammplatz an der Strafbank

Sonst fühlen sich Ben und Co. zuständig dafür, dass es bei den Spielern des Gegners kribbelt. Nicht immer im angenehmen Sinn. Jedem, der schon mal bei den Eisbären war, sind diese zwei, drei Typen aufgefallen. Keiner kann sie übersehen in ihren blauen Anzügen. Meistens hampeln sie hinter der Strafbank des Gegners herum, machen Verrenkungen, reden auf die Spieler ein. „Anfangs waren wir ein bisschen nervös, weil wir nicht wussten, ob das alle akzeptieren würden“, sagt Lancaster. Die Fans der Eisbären, das sind für ihn die besten, die er je gesehen hat. Da wollte er mit seinen Freunden etwas hinzufügen. Auf australische Art.

Aus Brisbane stammt Lancaster. Seine Landsleute beschreibt er als sehr sportaffin, aber mehr passiv. Also zugucken und dabei ein paar Getränke, so mag es der Australier gern. Wenn er denn ins Stadion geht, zum Cricket etwa, dann tut er das mit Leidenschaft auch ein bisschen verkleidet. „Ich denke, immer wenn man sich besonders anzieht“, erzählt der 29-Jährige, „macht alles mehr Spaß.“ Zum Beispiel, sich auf verbale Geplänkel mit Spielern einzulassen. Auch das gehört in Australien zu einem gelungenen Sporterlebnis. Lancaster wollte mal schauen, wie das in Deutschland so ankommt.

Anzüge im Weihnachts-Look

Ziemlich gut, ständig wollen sich Fans mit den Jungs fotografieren lassen. Anfangs staunten eher alle. „Viele dachten, wir würden Pyjamas tragen oder Norweger sein.“ Das Muster der Anzüge erinnert an Norweger-Pullis. Oder Weihnachten. Rentiere, Schneeflocken. Wichtig ist aber die Farbe: so blau wie das Blau der Eisbären. Die Herstellerfirma gehört einem Freund von ihm, für 74,95 gibt es „The Rudolph“ im Internet zu kaufen.

Und wie entdeckt ein Australier nun das Eishockey? Vor fast sieben Jahren kam Lancaster nach Deutschland. In seiner Heimat arbeitete er im Sportmarketing, hier reichte sein Deutsch nicht für einen solchen Job. Also fing er in einer Sportsbar in Mitte an. Dort schauten auch einige Eisbären-Profis öfter vorbei. Als Golf lief und Lancaster mitbekam, dass sie nicht für den Australier waren, der vorn lag, bot er eine Wette an. „Ich wusste nicht, wer sie waren.“ Der Einsatz: 100 Dollar gegen 100 Schnaps. Sein Landsmann gewann nicht „und ich musste die Drinks ausgeben“. Mit Spielern wie Jim Sharrow, Travis Mulock und Julian Talbot freundete sich Lancaster an. Sie schenkten ihm ein Ticket für ein Spiel. In der Saison 2010/11 war das.

Fans aus ungewöhnlichen Ländern

Damals lief er noch in zivil auf. Weil es zum Finale 2011 keine Tickets mehr gab, wettete Lancaster erneut. Sharrow besorgte ihm die Karten, er kam im Eisbären-Kostüm. Durch den Kumpel mit der Anzugfirma war die Idee mit der neuen Dienstkleidung nicht mehr weit. Ausprobiert wurde die zunächst hinter der Spielerbank des Gegners. „Wir haben versucht, sie abzulenken.“ Dann mussten sie die Plätze wechseln. Seit 2013 besitzen sie Dauerkarten an der Strafbank, erst zwei, nun drei.

Lancasters Begleitung wechselt, ist manchmal sogar weiblich – was fast immer gleich bleibt, ist der Exotenstatus. Mal kommt ein Freund aus Neuseeland mit, mal einer aus Südafrika, aus Großbritannien. „Zuerst wollen sie nur ein Spiel sehen. Dann kommen sie wieder, weil sie Spaß haben.“ Regelfest fühlt sich der Australier nach nun fünf Jahren Eishockey noch immer nicht, halb so wild: „Ich habe mich mehr dafür interessiert, beim Trashtalking die richtigen Worte zu finden und die richtigen Schilder anzufertigen.“ Die Männer in Blau betreiben großen Aufwand.

Ein Schild für jedes Spiel

Drei Stunden vor einem Spiel treffen sie sich. Sie gehen Spieler durch, die sich als Ziel lohnen würden, und Sachen, die sie sagen wollen. Dann wird ein Schild gebastelt. Seit drei Jahren kommen sie zu jeder Heimpartie mit einem Schild, das einen Spruch enthält. Sie versuchen stets, etwas Passendes über die Spieler herauszufinden. Die Kontakte zu EHC-Profis helfen manchmal. Der Mannheimer Christoph Ullmann trägt wohl gern enge Jeans. Die Jungs schrieben, dass seine Frau nicht mehr wolle, dass er ihre Jeans anzieht. Mit ihren Schildern stehen sie schon vor dem Warmmachen am Plexiglas, „um sicherzugehen, dass der Spieler es wirklich mitbekommt“. Inzwischen wissen alle gegnerischen Teams, wenn sie das Eis betreten, dass auf einen Profi eine Überraschung wartet.

Spieler wie Ullmann nehmen das mit Humor, lassen sich sogar fotografieren mit den Blue Suit Men. Auf Instagram sind die Dokumente verewigt. Auch das von Chris Minard aus Düsseldorf. Dem haben sie mal ein Hotdog geholt, als der auf der Strafbank saß. Minard konnte nicht mehr vor Lachen. Andere amüsieren sich weniger. „David Wolf aus Hamburg wird immer sehr zornig.“ Der Kölner Charlie Stephens schlug mal mit seinem Schläger das Bier der Jungs von der Bande.

Pucks fliegen ihnen entgegen

Damit schaffte es der Kanadier auf ein Highlight-Video eines kanadischen TV-Senders. Danach erwartete ihn ein Schild auf dem stand, dass ihn seine Fähigkeiten als Spieler nie in so ein Video gebracht hätten. „Einige Spieler haben schon Pucks vor uns an die Scheibe geschossen“, erzählt der Australier. Es ist das untrügliche Zeichen, dass sie ihre Arbeit gut erledigt haben.

Ben Lancaster, der jetzt im Marketing einer Sportsbar-Kette arbeitet, ist mittlerweile so bekannt, dass der EHC-Hauptsponsor Gasag ihn für die Werbekampagne „Größter Fan“ auswählte. In der Stadt hingen Plakate vom schrillen Mann im blauen Anzug. Er wartet auf den Tag, an dem jemand, der nicht zu ihnen gehört, so angezogen in der Arena auftaucht. „Ich weiß, dass das irgendwann passiert.“ Lancaster freut sich auf diesen Tag.