Der Eindruck der großen Blutlache auf dem Eis hielt auch am Tag danach noch an. So viel stand am Morgen jedoch fest, Jean-Francois Boucher gehe es „den Umständen entsprechend gut“, teilten die Kölner Haie mit, vorerst ohne genaue Diagnosen. Vermutlich trug der Stürmer der Kölner eine Gehirnerschütterung davon, dazu eine Schnittwunde am Beim. Daher rührte das viele Blut, das die Szene so gespenstig wirken ließ.
Eine Kufe von Milan Jurcina hatte Boucher die Verletzung zugefügt. Dem voraus ging ein Zusammenprall mit voller Wucht, wobei der Kölner auf die Schulter des Berliner Verteidigers aufschlug und anschließend reglos am Boden liegen blieb. Von einem brutalen Foul sprechen nun viele in Köln. Nach Ansicht der Szene ließe sich ebenso von einer unglücklichen Aktion sprechen; beide treffen in vollem Tempo aufeinander, Jurcina, ein gewaltiger Kerl, behält Arme und Schläger beim Aufpall am eigenen Körper.
Jurcina für zwei Spiele gesperrt
Doch das Ergebnis sieht eben dramatisch aus, und es fließt in die Urteilsfindung ein. Mit einer Trage wurde Boucher vom Eis gebracht und dann ins Krankenhaus. Für ihn könnte die Saison in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) mit Spiel vier im Viertelfinale zwischen dem EHC Eisbären und den Kölner Haien beendet sein. Jurcina wird den Berlinern in Spiel fünf am Donnerstag fehlen (19.30 Uhr, Mercedes-Benz Arena) und auch in Spiel sechs am Sonnabend. Die Liga sprach am Mittwoch eine Sperre für zwei Partien aus, weil Jurcinas Einsatz als Check zum Kopf und unkorrekter Körperangriff mit Verletzungsfolge gewertet wurde.
Dass sich Jurcinas Absenz negativ auswirkt, ließ sich schon am Dienstag in Köln beobachten. Der massige Slowake wurde nach seiner Hinausstellung im Unterzahlspiel schmerzlich vermisst. In den drei Partien zuvor hatten die Rheinländer gar nicht in Überzahl getroffen, nun gleich alle vier Tore beim 0:4 auf diese Weise erzielt und so die „Best of seven“-Serie zum 2:2 ausgeglichen.
Überhaupt erwies sich das Überzahlspiel zum ersten Mal in dieser Serie als spielentscheidend. Was ungewöhnlich ist, werden doch Play-off-Partien häufig von den Special Teams beeinflusst. Doch die Powerplay-Formationen erzeugten zuvor keine Wirkung. Trotz enorm vieler Chancen.
Viele Strafzeiten für beide
Das unterscheidet das Duell zwischen den Eisbären und den Haien von vielen Play-off-Serien. Beide Mannschaften sammeln permanent Strafzeiten in hohem Maß. Normalweise greifen die Schiedsrichter im Play-off eher zurückhaltender zur Pfeife. Doch mehr als anderswo setzen die Referees hier offenbar auf eine Null-Toleranz-Linie, auf die sich beide Mannschaften nur schlecht einstellen können. „Wir müssen einen Weg finden, dass wir von der Strafbank wegbleiben“, sagt EHC-Trainer Uwe Krupp.
Schon zuvor hatte er gewarnt, dass es „gegen so eine gute Mannschaft wie Köln sehr gefährlich ist, so viel in Unterzahl zu spielen“. Offenbar hat sein Team sein Spiel etwas angepasst, und dabei die Balance noch nicht gefunden. In der Hauptrunde waren die Eisbären die fairste Mannschaft das Liga und wurden dafür ausgezeichnet. „Da ist man etwas zwiespältig bei diesem Titel“, so Krupp: „Auf der anderen Seite werden Titel nicht auf der Strafbank gewonnen.“ Im Play-off, das stets kämpferischer geführt wird, kassieren die Berliner nun die meisten Strafzeiten. Gefolgt von Köln.
Nur ein Treffer aus 21 Situationen
Bedingt durch die ähnliche Linie der Haie (EHC-Verteidiger Constantin Braun: „Sie zeigen vor dem Tor etwas mehr Einsatz als erlaubt.“) ergibt sich für beide Kontrahenten eine weitgehende Chancengleichheit. In den vier Partien hatten beide Mannschaften jeweils 21 Überzahlsituationen. Lediglich ein Treffer aus Spiel drei von Constantin Braun steht für den EHC zu Buche. „Wenn es einen Aspekt gibt, mit dem wir nicht so zufrieden sind, dann ist es das Powerplay“, so Krupp. Schon in der Hauptrunde zählte das Überzahlspiel nicht zu den Stärken der Eisbären. Auch nicht zu denen der Haie.
Köln fand immerhin jetzt den richtigen Ansatz. „Sie haben probiert, mehr von hinten mit den Verteidigern zu schießen. Sie waren geradliniger. Vorher legten sie mehr quer und suchten den freien Mann“, sagt EHC-Verteidiger Jens Baxmann. Die Berliner beschäftigen sich nun eindringlich damit, ihre Effizienz mit einem Mann mehr zu steigern und auf Play-off-Niveau zu bringen. Die Stärke der Unterzahlformation des Gegners soll kein Argument mehr sein. Bislang scheiterten die Eisbären häufig daran, die Statik des Kölner Unterzahl-Vierecks ins Wanken zu bringen. „Wir arbeiten daran“, sagt Stürmer Florian Busch.




