Eishockey

Eisbären: Chris Lee hat sich abgenabelt vom mächtigen Vater

Der Sohn von Eisbären-Macher Peter John will als jüngster Profi-Trainer mit Crimmitschau ins Zweitliga-Play-off. Eine Erfolgsstory.

Richtungsweisend: Chris Lee an der Bande des ETC Crimmitschau

Richtungsweisend: Chris Lee an der Bande des ETC Crimmitschau

Foto: Thomas Eisenhuth / picture alliance / ZB

Berlin.  Jedes Wochenende schaut sich Peter John Lee (60) viele Eishockeyergebnisse an. Als Geschäftsführer des EHC Eisbären überrascht das nicht. Doch Lee interessiert sich nicht nur für Resultate aus der Deutschen Eishockey Liga (DEL) oder Nordamerika. Die DEL2 hat es ihm genauso angetan. Zuerst geht der Blick dort auf die Zahlen des ETC Crimmitschau. Denn den trainiert sein Sohn Chris.

Vier Siege in Folge feierten die Westsachsen jüngst, gerade schlugen sie den Zweiten Bremerhaven (3:1). Vier Spiele sind es noch bis zum Ende der Hauptrunde, und Chris Lee steht kurz vor seinem größten Erfolg. Mit 35 Jahren ist er der jüngste Cheftrainer im deutschen Profi-Eishockey – und in seiner zweiten Saison in Crimmitschau sieht es bei sieben Punkten Vorsprung so aus, als würde der ETC erstmals seit acht Jahren das Play-off erreichen.

Zusammenbruch in Kassel

Peter John Lee findet: „Chris entwickelt sich sehr gut in Crimmitschau.“ Die Aufgabe hat es in sich, um alles muss sich Chris selbst kümmern. „Einen Co-Trainer habe ich nicht“, sagt er. Die Zweite Liga bezeichnet er als „Lernprozess“, manchmal verlangt ihm das auch etwas zu viel ab. Vor gut einem Monat verlor sein Team 2:14 in Kassel. Chris Lee bekam an der Bande Kreislaufprobleme.

„Ich muss versuchen, mich manchmal mehr auszuruhen, mich mehr in den Griff kriegen“, erzählt er. Lee ist sehr emotional, er lebt jedes Spiel extrem intensiv mit. Jedes Training auch. Überhaupt lebt er seinen Sport. „Vormittags in der Kabine, dann komme ich nach Hause, keiner ist da, also denke ich nur an Eishockey“, so Chris. Seine Frau und die drei Kinder sind in Berlin geblieben.

Wegen ihnen musste er lange überlegen, ob er den Posten in Crimmitschau annimmt. Für Chris geht das Leben oft hin und her zwischen Berlin und Sachsen, der Opa sieht die Enkel fast öfter, weil sie häufig in der Eishalle beim Training der Eisbären sind. Chris hat sich damit arrangiert, denn der ETC war eine große Chance. Eine Chance, aus dem Schatten des Vaters zu treten. „Ich musste meinen eigenen Weg gehen, weg von Peter“, sagt Chris.

Das denkt der Vater auch. Zuvor war Chris eine Saison lang Co-Trainer bei den Eisbären. „In unserem Umfeld heißt es dann schnell, dass ich ihm den Job nur gegeben habe, weil er mein Sohn ist und er das gar nicht verdient“, erzählt Peter John Lee. Das Vaterherz blutete trotzdem etwas, als das Traineramt beim ETC vergeben wurde. Schließlich wolle er ja helfen. Doch Chris hat längst gezeigt, dass er sich ganz gut selbst helfen kann.

Tomlinson überredete ihn

Es war sowieso gar nicht so sehr der Vater, der die Karriere des Sohnes lenkte. Im ersten Meisterjahr 2005 kam Chris im Februar nach Deutschland, wollte eigentlich nur vier Wochen bleiben. Damals war Jeff Tomlinson Trainer der Eisbären Juniors, beide verstanden sich gut, Tomlinson fragte, ob Chris nicht bleiben und ihm helfen wolle. „Ich hatte allein in den USA gelebt, meine Mutter war sechs Monate vorher gestorben. Ich hatte nichts zu verlieren und dachte, dass so eine Gelegenheit vielleicht nie wieder kommt“, sagt Chris. Also blieb er.

Unterstützt hat er nicht nur Tomlinson, auch für die damaligen und späteren Cheftrainer Pierre Pagé und Don Jackson erledigte er viel Arbeit, befasste sich mit Statistik und Video. Die Position des Vaters ermöglichte ihm den Einstieg in einen Beruf, den er selbst „nicht auf dem Plan“ hatte. Früher spielte Chris kaum Eishockey, dafür war er sehr gut im Baseball, das er aber aufgab, als die Mutter an Krebs erkrankte.

Die Beziehung zum Eishockey war trotzdem immer eng. In Pittsburgh, als Peter dort noch in der NHL spielte, wurde Chris geboren. Aufgewachsen ist er lange in Düsseldorf, wo Peter zehn Jahre stürmte. „Dort war ich bei jedem Training, bei jedem Heimspiel. Mit Hans Zach habe ich selbst trainiert, und in Spielen durfte ich hinter der Bande stehen und sehen, wie er coacht“, sagt Chris. Er konnte von einigen großen Leute lernen.

Die DEL als Ziel

Zur Saison 2005/06 stieg Chris als Assistent beim EHC-Nachwuchs ein, zwei Jahre später machte er beim Oberliga-Team mit. 2009 wechselte er als Cheftrainer zu FASS Berlin: „Das war wichtig für meine Ausbildung und hat mich weit gebracht.“ Zunächst 2013 in die DEL als Co-Trainer von Tomlinson, dessen Idee das auch war und der den Kontakt zum ETC vermittelte.

Seit drei Jahren besitzt Chris Lee nun den A-Trainerschein, und der ETC profitiert stark davon, sich für den jungen Übungsleiter entschieden zu haben. „Chris ist intelligent, er sieht ein Spiel sehr gut“, sagt Peter. Auch Tomlinson hat das analytische Auge von Chris immer sehr geschätzt. Als Trainer möchte er nun so lange wie möglich arbeiten. Mit klarem Ziel: „Ich will auf das höchste Niveau.“ Kämen auch die Eisbären in Frage? „Ich glaube, das würde nicht gut funktionieren, solange Peter der Chef ist.“ Die Konstellation wäre etwas zu eigenartig.