Ein bisschen Nervosität hätte man schon erwarten können. Knapp zwei Minuten zeigt die Uhr an Restspielzeit, da muss Jonas Müller auf die Strafbank. Bei nur einem Tor Vorsprung steht das Spiel plötzlich auf der Kippe, der sichere Sieg wird ein fragiler Wunsch. Blöde Situation. Mit fast aufreizender Ruhe begegnen die Eisbären ihr, mit einer Gewissheit, die nur Mannschaften haben, die ohne jeden Zweifel wissen, wozu sie in der Lage sind. Nämlich auch enge Spiele zu gewinnen.
Das 2:1 gegen Ingolstadt am Freitag war das dritte Spiel in Folge, das die Berliner in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) mit einem Treffer mehr gewonnen haben. Von nun sieben Partien in der neuen Saison beendeten sie sechs als Sieger. Damit übernahmen die Eisbären jetzt die Tabellenführung. „Ich freue mich, dass die Jungs für ihre harte Arbeit belohnt werden“, sagt Trainer Uwe Krupp. Das ist wohl mehr, als den Berlinern viele zugetraut hatten nach zwei qualvollen Jahren ohne Viertelfinalteilnahme.
Gegen Vertragsauflösungen entschieden
Viel verändert hat sich schließlich nicht, letztlich lässt sich das Transfergebahren der Berliner auf vier Kernpositionen reduzieren. Nach den Misserfolgen des Rekordmeisters, der zuvor in neun Jahren sieben Titel gewonnen hatte, war diesbezüglich größere Aktivität erwartet worden. Die Verantwortlichen entschieden sich dagegen, lehnten die in der Liga üblichen Vertragsauflösungen ab. „Hier wird schon länger nicht so gehandelt wie bei anderen Klubs“, sagt Krupp. Mit ihrer Einschätzung lagen Manager Peter John Lee und Sportdirektor Stefan Ustorf offenbar gut.
Basis dieser Entscheidung war unter anderem das Fazit, dass die schwachen Vorjahre geprägt wurden von unverhältnismäßigem Verletzungspech. „Es ist schwer, über Leute zu schimpfen, die ständig Lücken füllen mussten. Hätten immer alle gespielt, wäre das leichter zu beurteilen gewesen“, sagt Lee. Das fühlte sich für Außenstehende im Sommer so an, als würde in der Saisonplanung der Eisbären vor allem eine Variable zählen: die Hoffnung. Und zwar darauf, dass unter besseren Bedingungen, also wenig Verletzten, alle wieder an frühere Leistungen anknüpfen können.
Kein Neustart, sondern nur frischer Wind
Darin Olver als derzeitiger Topscorer der Eisbären fällt in diese Kategorie, Stürmerkollege Barry Tallackson ebenfalls. „Wir waren nicht bereit und willig, uns radikal zu verändern. Ich bin nicht der Meinung, dass es das gebraucht hat“, sagt Ustorf. Der Trainer, der im Dezember 2014 kam, hatte genug Zeit, sich einen Überblick über die Leistungsdaten zu verschaffen. Er sagt: „Wir sind nicht an dem Punkt, wo ein Neustart her musste. Es brauchte nur etwas frischen Wind.“ Personell brachten den vor allem die neuen Verteidiger Micki DuPont und Bruno Gervais, ebenso Constantin Braun, der nach langer Verletzung jetzt zurückkehrte.
Alle drei gehören zu den DEL-Topscorern unter den Abwehrspielern. Wichtiger ist jedoch ihr Beitrag zu Defensivleistung. Die ist generell ein Schlüssel für die Steigerung. Erstmals hatte Krupp die Mannschaft in der Vorbereitung, die war so intensiv wie lange nicht bei den Berlinern. Dort wurde viel am System gearbeitet und besonders die Defensive neu abgestimmt.
Weniger Risiko, weniger Gefahr vor eigenem Tor
„Wir setzen das gut um. Wir stehen eng um das eigene Tor“, sagt Tallackson. Das Risiko wurde zudem minimiert, in der eigenen Zone wird kaum noch quer gepasst, sondern schnell nach vorn gespielt. Alles ist sachlicher, nicht mehr verschnörkelt. Alleingänge oder gefährliche Konter lassen die Berliner kaum noch zu.
Diese defensive Sicherheit, die auch von der Erfahrung von DuPont, Gervais und Braun herrührt, vermittelt den Stürmern ein anderes Gefühl. Sie können mit freierem Kopf nach vorn spielen, der Druck vor dem Tor ist geringer. Die zweitmeisten Treffer stehen den zweitwenigsten Gegentoren in der Liga gegenüber. Besser präsentierten sich die Eisbären seit 2007 nicht mehr zu Saisonbeginn. So lassen sich auch die vier anstehenden Auswärtspartien in nur acht Tagen gelassener angehen. Den Anfang macht am Sonntag das Spiel in Hamburg (14.30 Uhr).




