Eisbären Berlin

Besser spät als nie finden die Eisbären zu sich selbst

Im Wellblechpalast zeigen die Eisbären ihre alte Stärke. Nun glauben sie ans Viertelfinale. Doch dazu müssen in Nürnberg zwei Serien enden und die Berliner genauso spielen wie daheim.

Foto: Oliver Mehlis / dpa

Wie ein großes Fest war es am Ende. Jubel überall im Sportforum, glückselige Fans, die einfach nur froh waren, so einen Tag im Wellblechpalast noch einmal erleben zu dürfen. Die Rückkehr an die alte Spielstätte ließ viele Erinnerungen aufleben, und zur Sentimentalität auf den Rängen gesellte sich Leidenschaft auf dem Eis, garniert durch ein 6:3 des EHC Eisbären. Als Krönung eines perfekten Tages spendierte der Hauptsponsor der Berliner noch 500 Liter Freibier für die Fans. Die meisten werden sich noch lange und gern an diesen Abend erinnern.

Obwohl der Morgen danach für manche wohl nicht ganz so wohlig ablief. „Wenn ich aufstehe, werde ich vielleicht einen Kran brauchen“, sagte Marcel Noebels. Dem Stürmer des EHC machte nicht das Freibier zu schaffen, er hatte sich einfach abgerackert im zweiten Spiel der „Best of three“-Serie gegen die Nürnberg Ice Tigers, fuhr unheimlich viele Wechsel, weil die Berliner nach dem kurzfristigen Ausfall von Darin Olver auf drei Sturmreihen umstellten. Seine Kollegen schinderten nicht minder viel. Zeitweise erkannte man die Mannschaft kaum wieder. Oft schleppte sie sich durch die Hauptrunde der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), mal lustlos, mal leblos, selten begeisternd. Nun aber, mit dem Rücken zur Wand, lief alles anders. „Wir sind mit Emotionen in das Spiel gegangen und so aufgetreten, wie wir es die ganze Saison tun wollten“, sagte Kapitän André Rankel. Besser spät als nie.

Genau zur richtigen Zeit

Wahrscheinlich trugen die Umstände ihren Teil bei, die Aussicht des endgültigen Scheiterns bei einer erneuten Niederlage im Pre-Play-off nach dem 2:6 in Nürnberg, die Rückkehr in den Wellblechpalast wegen der belegten O2 World. „Die Stimmung war unglaublich“, erzählte Rankel. Noebels fand: „Die Fans haben uns teilweise getragen. Das war ein Erlebnis.“ Noebels kannte die Atmosphäre in der kleinen Halle nicht und war davon elektrisiert. Rankel spielte schon früher dort und kam nun zu dem Eindruck: „Wir haben genau zum richtigen Zeitpunkt hier gespielt.“ Der Welli als Wachmacher, ein wenig als Erinnerung an alte Tugenden.

Das war zwar nicht so geplant, aber es funktionierte genau so. Plötzlich spielte die Mannschaft nicht einfach ihren Stiefel runter, gleichförmig und mit dem Gemüt von Robotern. Sie lebte, sie war giftig. Jeder kämpfte für jeden – und wenn nötig mit dem Gegner. Rankel sprach von gesunder Härte, von Zeichen, die zu setzen waren. „Mit uns nicht“, sollte das heißen, sagte der Kapitän. So setzen die Berliner die Franken permanent unter Druck, ließen ihnen keinen Zentimeter Platz, zwangen sie zu Fehlern. So viel Mumm, so einen unbändigen Willen trauten viele dieser Mannschaft gar nicht mehr zu.

Die Geschichte mit dem Wellblechpalast ist nun vorbei. „Es ist uns gelungen, uns zu steigern. Jetzt haben sich die Seiten gedreht“, sagte der im Play-off etwas wortkarge Trainer Uwe Krupp. Vielleicht ist aber noch mehr passiert, vielleicht hat die Geschichte etwas ausgelöst. Erlebnisse wie diese können eine Initialzündung sein. Weil die Mannschaft gemerkt hat, wozu sie fähig ist, dass sie Herz hat.

Der richtige Zeitpunkt

Genau das braucht sie jetzt auch. Denn die Aufgabe in Nürnberg hat es in sich, in dieser Partie entscheidet sich, ob die Franken oder die Berliner in das Viertelfinale einziehen (14.30 Uhr, ServusTV). Denkbar schlecht stehen die Vorzeichen, nicht nur wegen des heftigen 2:6 in der ersten Partie dort. Nur eines von zwölf Heimspielen verloren die Ice Tigers unter Trainer Martin Jiranek, der wie Krupp beim EHC seit Ende Dezember im Amt ist. Zehn Siege in Folge gab es zuletzt. Dagegen kommen die Berliner auf elf Niederlagen in 13 Auswärtspartien unter Krupp. Zuletzt unterlagen die Eisbären sieben Mal in Folge. Doch je länger Serien anhalten, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass sie enden. Gerade solche wichtigen Partien sind dafür prädestiniert, dass sich das Blatt wendet. „Das ist der richtige Zeitpunkt, die Serie zu brechen“, sagt auch Eisbären-Verteidiger Frank Hördler, der nach der Partie in Nürnberg ziemlich enttäuscht gewesen war über die Leistung vieler Kollegen.

Um ihr Ziel zu erreichen, müssen die Berliner auswärts ebenso auftreten wie gerade daheim. Unerschütterlich, wild entschlossen, immer bissig. „Das wird nicht leicht, Nürnberg hat nicht umsonst so eine Heimbilanz. Aber die Karten werden neu gemischt. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht gleich im ersten Drittel 0:3 hinten liegen“, sagt Noebels. In der ersten Partie war nach 20 Minuten und diesem Spielstand schon alles vorbei. Orientieren wollen sich die Berliner jedoch nicht am Gegner, das war vielleicht vor vier Tagen ein wenig zu viel der Fall. Vor allem die Top-Scorer-Reihe um Steven Reinprecht stand im Blickpunkt der Eisbären, doch die zweite Reihe entschied die Partie mit vier Toren. „Wir müssen unser Eishockey spielen“, sagt Rankel. Und das sieht so aus wie im Wellblechpalast.

O2 World wieder verfügbar

Nach dem emotionalen, einmaligen Ausflug in die frühere, betagte Spielstätte tragen die Berliner wieder etwas mehr Selbstvertrauen mit sich herum. Auch mehr Mut, dem Saisonaus entgehen zu können. „Wir wollen in dieser Saison noch in der O2 World spielen“, sagt der Kapitän. Ab dem Viertelfinale gibt es dort keine Belegungsprobleme mehr. Nach der Reise in die Vergangenheit wäre der Sprung zurück in die Zukunft also möglich. Nach dem besten Heimspiel der Saison braucht es dafür jetzt das beste Auswärtsspiel.