Eigentlich wollte er die Einheit kurz halten, doch im Überzahltraining dauerte es etwas länger. Erst einmal schickte Jeff Tomlinson eine Truppe fast direkt wieder auf die Bank und fauchte hinterher noch drei Flüche in ihre Richtung. Die Ausführung der Anweisungen hatte dem Trainer des EHC Eisbären nicht gefallen. Danach gaben sich alle mehr Mühe, es brauchte jedoch ein paar mehr Wiederholungen als geplant, bis die vom Trainer gewünschte Qualität eintrat.
Eine riskante Linie, zu der Tomlinson sich da genötigt fühlt. Erst vor drei Tagen musste er sehen, wie fragil sein Team doch ist. Nach der Pause waren die Berliner wieder gut in die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) gestartet, gewannen doppelt, um dann Dienstag in Düsseldorf 2:5 zu verlieren. „Der Sieg zuvor gegen Wolfsburg war brutal hart“, sagt der Trainer, „das hat man in Düsseldorf gemerkt, da haben wir nichts mehr drauf gehabt.“ Mittwoch wurde daher nicht geübt, Donnerstag notgedrungen länger als vorgesehen. „Ich hoffe, wir haben uns regeneriert“, so der Deutsch-Kanadier, dessen Mannschaft am Freitag Augsburg empfängt (19.30 Uhr, O2 World).
Die Kraftreserven der Berliner sind limitiert durch die vielen Verletzungen, aktuell kommen auch noch viele Spielsperren hinzu. In jeder der drei Partien nach der Pause setzte es eine. Das gefährdet die Ziele, und ob diese erreicht werden können, darüber werden wohl die kommenden Wochen entscheiden. „Alle Phasen sind wichtig“, sagt der Trainer und versucht, den Druck vom Moment zu nehmen. Doch die Eisbären treffen bis Ende Dezember fast ausschließlich auf Teams aus der Tabellennachbarschaft. Diese Phase jetzt ist daher wichtiger als andere.
Jetzt dürfte sich nämlich zeigen, ob das Selbstverständnis der Berliner noch zur Realität passt. „Wir müssen unsere Ziele noch nicht abschreiben“, sagt der Trainer, dessen Team die Hälfte der Spiele gewonnen hat. Zu mehr als Platz elf reicht das aber nicht in der Tabelle. Und unter den Top 4 sieht man sich. Korrigieren will da auch Stefan Ustorf, der Sportliche Leiter, nichts: „Dass ich die Qualität der Spieler in Frage stellen muss, glaube ich nicht.“
Angetan von den derzeitigen Leistungen ist er trotzdem nicht. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass viele Spieler mit ihrer Saison zufrieden sind“, sagt Ustorf. Defizite gibt es genug, individuell und im Teamspiel. Immerhin kämpferisch passt es derzeit, gegen stets sehr geschlossen auftretende Augsburger ist das eine gute Voraussetzung.
Gefangen im Mantra
Um in der Tabelle vorwärts zu kommen, sind Siege gegen solche Gegner, zumal daheim, schon Pflicht. Jetzt bestehen gute Chance zu klettern, weil die kommenden Kontrahenten keine Topteams sind. Wie gegen Düsseldorf erlebt, kann man in dieser Phase nun aber auch viel verlieren. „Großes Denken macht gerade wenig Sinn, wir sollten uns nur auf das nächste Spiel konzentrieren“, sagt Ustorf. Das Mantra der Berliner lautet dabei: einfach spielen. Doch genau das fällt den vermeintlichen Künstlern meist so schwer.
Möglicherweise hilft es, dass Ustorf nicht mehr an der Bande steht. Bislang hatte er die Rolle des kranken Co-Trainers Vince Malette eingenommen, seit der Pause tut er das nicht mehr während Spielen. Zunächst funktionierte das gut, der EHC gewann und der Aberglaube setzte ein. Demnächst kann die Position variieren, aber „man muss sagen, dass man von oben mehr sieht“, so Ustorf. In den Drittelpausen könne er dann bessere Hinweise geben. Die sind auf jeden Fall nötig.





