Mit allen Tricks arbeiten sie bei den Eisbären. In der Geschäftsstelle steht in einem kleinen Konferenzraum eine Tafel, mit der kürzlich Mitarbeiter motiviert wurden. „Bist du ein Robinson?“, lautete eine der beiden Fragen auf der Tafel. Die andere: „Bist du ein Ustorf?“ Dahinter notiert die Fakten, dass der ehemalige Berliner Nathan Robinson in zwölf Jahren in elf Mannschaften spielte und der andere frühere Eisbären-Profi mit dem EHC sieben Meistertitel gewann.
Unwürdig für einen Champion
Das stimmt nicht ganz, es waren nur sechs Titel, die Ustorf mit den Berlinern in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) gewann. Aber das ist nebensächlich. Er ist ja nur ein Beispiel für Identifikation, für Erfolg. Ustorf vermittelt Werte, die den Berlinern wichtig sind. Diese Werte sollen nun wieder stärker gelebt werden, vor allem auf dem Eis, nicht nur im Büro. Da fügt es sich gut, dass der frühere Profi ab dieser Saison wieder dabei ist und die Eisbären als Sportlicher Leiter begleitet.
An diesem Freitag in Augsburg starten die Berliner in die DEL. „Die Saison hat für uns aber schon im März angefangen“, sagt Trainer Jeff Tomlinson. Es gab so viel aufzuarbeiten. Im Pre-Play-off schied der EHC aus, etwas unwürdig für den siebenmaligen DEL-Champion. Pech war dabei mit zahlreichen Verletzungen, aber das war nicht das Hauptproblem. Nur unzureichend zogen die Spieler mit, mit den drei Titeln in den Jahren zuvor gaukelten sich viele vor, weniger tun zu müssen. Das Resultat sollte heilsam gewesen sein. „Die Mentalität ist jetzt eine andere“, sagt Tomlinson. Für ihn ist das der wichtigste Unterschied zur vergangenen Saison.
Besonders im administrativen Bereich wurde reagiert
Da sind aber noch ein paar Dinge, die sich verändert haben. Besonders im administrativen Bereich reagierte Manager Peter John Lee. Mit Ustorf wurde ebenso eine helfende Hand verpflichtet wie mit Marian Bazany, der vor allem die Athletik der Spieler verantwortet. Beide sorgten mit dafür, dass die Spieler in anderem Zustand wieder zum ersten Mannschaftstraining erschienen als noch vor einem Jahr. „Jeder ist fitter zurückgekommen, alle möchten was bewegen“, sagt Kapitän André Rankel. Er sieht einen Lerneffekt bei den Kollegen. Die Köpfe sind wieder klar.
Allgemein macht sich bei den Berlinern diese Atmosphäre breit, wie sie auch 2007 herrschte und 2010. Damals setzte es jeweils im Frühjahr herbe Enttäuschungen, im Herbst setzten die Eisbären erneut zu dominanten Monaten an. Ab 2005 blieben das bis zur vergangenen Saison die einzigen Jahre ohne Meistertitel. „Eine gewisse Aufbruchstimmung herrscht jetzt natürlich“, erzählt Rankel. Ein personeller Umbruch im Team wurde wie auch in den vorangegangenen Jahren ohne Meisterschaft nicht vorgenommen. Stattdessen wird von Wiedergutmachung beim EHC geredet.
Zugänge Pohl und Vehanen machen einen starken Eindruck
„Die Spieler wollen eindeutig zeigen, dass ihr Abschneiden in der vergangenen Saison nicht ihrem Leistungsbild entspricht“, sagt Ustorf. Zwar lesen sich die Resultate in der Champions Hockey League mit drei Niederlagen in vier Spielen noch nicht sehr freundlich, doch die Ansätze geben den Berlinern ein gutes Gefühl. Verantwortung und Zusammengehörigkeit spielen wieder eine größere Rolle, die Mannschaft wähnt sich näher beieinander. „Wir sind uns bewusst, dass der Erfolg nicht zu uns kommt, sondern wir dafür arbeiten müssen“, sagt Stürmer Rankel. Die Motivation passt also.
Die neuen Spieler auch. Mit Petr Pohl kam ein tschechischer Stürmer, der das spielerische Element beleben kann und bisher einen starken Eindruck hinterließ. Im Tor konnte nach dem Abgang von Rob Zepp, der sich in der NHL probieren will, mit Petri Vehanen ein finnischer Weltmeister verpflichtet werden. In Mathias Niederberger steht ein junger Deutscher als Ergänzung zwischen den Pfosten bereit, er beerbt Sebastian Elwing. Insgesamt sechs Spieler verließen die Berliner, darunter die Angreifer Daniel Weiß, Kris Sparre und Mads Christensen, die sich verzichtbar gemacht haben. Bei bisher drei Neuen bleibt noch Raum, um zu reagieren.
Vergrößerung der Angriffsdrittel erfordert Umdenken
Noch nicht vollständig abgeschlossen ist die Anpassung an die neuen Bedingungen auf dem Eis. Besonders die Vergrößerung der Angriffsdrittel erfordert ein Umdenken. „Es ergeben sich mehr Passbahnen, das muss man effektiv nutzen. Die neutrale Zone ist kleiner, da sind jetzt bessere Entscheidungen notwendig“, erklärt Rankel, der davon ausgeht, dass mehr Tore erzielt werden. Für die neuen Herausforderungen fühlen sich die Berliner gerüstet. „Diese neuen Regeln kommen einem offensiven und aggressiven Spielsystem entgegen“, sagt Trainer Tomlinson. Und nach vorn soll sein Team ja spielen.
Bislang gingen alle in der DEL auch immer davon aus, dass die Berliner in jedem Fall vorn mitspielen. Als einer der Favoriten auf den Titel sehen sie die Experten diesmal jedoch nur bedingt. Köln, Mannheim, Hamburg und auch München mit dem langjährigen EHC-Meistertrainer Don Jackson als neuem Mann an der Bande werden da deutlich bessere Chancen eingeräumt. „Für mich ist es ein Vorteil, dass wir nicht mehr als Meister in die Saison gehen“, sagt Tomlinson. Rankel fühlt sich durch solche Einschätzungen von außen eher angestachelt.
Die Zielsetzung ist etwas bescheidener geworden
Die große Zielvorgabe fällt beim EHC diesmal allerdings bescheidener aus als sonst. „Ich sehe uns als eine der besseren Mannschaften der Liga“, erzählt der Trainer, der mit seinem Team am Sonntag zum ersten Heimspiel gegen die Straubing Tigers antritt (14.30 Uhr, O2 World). Sein Chef spricht von einer spannenden Saison und hofft, „dass wir uns unter den Top Vier etablieren können“, so Peter John Lee. Angesichts der Konkurrenz dürfte selbst das nicht leicht werden. Auch mit Ustorf nicht.




