Als Spieler gewann er mit dem EHC Eisbären sechs Meistertitel in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). Den letzten davon erlebte Stefan Ustorf nur noch passiv mit, ein im Dezember 2011 erlittenes Schädel-Hirn-Trauma ließ keine Spiele mehr zu. Im Sommer kehrte der 40-Jährige nach zweieinhalb Jahren Rekonvaleszenz zu den Berlinern zurück – als Sportlicher Leiter startet er am Freitag in Augsburg in die DEL-Saison.
Berliner Morgenpost: Herr Ustorf, wie läuft die Umstellung auf die Büroarbeit?
Stefan Ustorf: Meine Aufgabe sehe ich mehr in der Eishalle, bei der Beobachtung der Abläufe im Training. Sicher ist auch Büroarbeit dabei, du kannst dich als Sportdirektor ja nicht nur um die Mannschaft von dieser Saison kümmern, sondern du musst dir auch um die Jahre danach Gedanken machen.
Klingt nach langen Tagen.
So wie früher um 13 Uhr ist mein Tag jetzt nicht mehr vorbei, ich habe viel mehr zu tun. Weil unser Assistenztrainer Vince Malette gerade krank ist, bin ich gezwungen, dessen Tätigkeit zu übernehmen bei den Spielen hinter der Bande und beim Training auf dem Eis. Das war nicht so geplant. Das fängt schon damit an, dass ich keine Schlittschuhe habe und ein paar alte von Stürmer Florian Busch anziehen muss. Vielleicht ist das aber gar nicht so schlecht, weil es mir einen besseren Einblick in die Mannschaft gibt und ich direkter einwirken kann.
Was wollen Sie denn erreichen?
Es geht es die Optimierung der Zusammenarbeit zwischen Trainerstab und Spielern und jeweils untereinander. Für mich ein ganz wichtiger Teil, der mir persönlich am Herzen liegt, ist die Entwicklung unserer jüngeren Spieler.
Wichtig Arbeit dürfte es sein, Fehler der Vorsaison nicht zu wiederholen?
Mit Sicherheit. Wobei es für mich schwer ist zu sagen, was letzte Saison falsch gelaufen ist. Ich war ja nicht da. Aber die letzte Saison interessiert mich in dem Sinne überhaupt nicht mehr. Früher haben wir auch nach Meistertiteln nicht alles wieder genauso gemacht. Wir fangen von vorn an, das geht damit los, dass wir gucken, in welcher körperlichen Verfassung die Spieler hier ankommen. Bis jetzt sind wir sehr zufrieden. Da zeigt sich, dass die Arbeit der Spieler und auch mit Marian Bazany als neuem Co-Trainer im Athletikprogramm professioneller geworden ist. Das wird sich auf Dauer auf dem Eis zeigen.
Sport entwickelt sich stetig. Welche Dinge sehen Sie, die sich in den vergangenen Jahren verändert haben?
Ich glaube, man muss heute viel mehr individuell arbeiten. Jeder Spieler ist anders: körperlich, mental, technisch. Man muss mehr Eins-zu-Eins-Trainingsmomente schaffen, um sich mehr auf einen Spieler zu konzentrieren, in kleinen Gruppen arbeiten. Ich bin ebenso ein großer Freund vom Techniktraining. Auch mit 38 kann man noch am Schlittschuhlaufen arbeiten. Das ist ein bisschen kurz gekommen, nicht nur bei uns. Die Qualität muss erhöht werden. Ich will sehen, dass auch im Training kein schlampiges Eishockey hingenommen wird. Nur so kriegst du das ins Blut, nur so verbessert man sich, nur so nimmst du dein Training richtig mit ins Spiel. Du spielst immer so, wie du trainierst. Und wenn du ohne Rücksicht auf die Details trainierst, dann spielst du auch so.
Und was heißt das für den EHC Eisbären?
Ich bin sehr vom Talent unserer Mannschaft überzeugt. Aber es gibt einiges zu tun, um das, was auf dem Papier steht, auch auf das Eis zu bringen.
Mit Ihrer Verpflichtung ist Hoffnung verbunden, dass es beim EHC wieder aufwärts geht. Sie nehmen eine zentrale Rolle ein. Ganz schön viel auf einmal.
Wenn du keinen Erfolgsdruck hast, heißt das im Endeffekt, dass dich keiner ernst nimmt. Dann bist du irrelevant – und das will ja auch keiner.
In den vergangenen zweieinhalb Jahren drehte sich alles um Ihre Gesundheit. Wie kommen Sie jetzt mit der Belastung zurecht?
Ich gebe offen zu, dass seit ich mit an der Bande stehe, die Tage nach zwei Spielen für mich gelaufen sind. Da braucht mich keiner anzusprechen. Da brauche ich Zeit und merke schon, dass ich noch Probleme habe. Direkt nach dem Spiel habe ich Kopfschmerzen, weil ich so viel reden muss, weil ich laut reden muss. Das ist für mich im Augenblick komplettes Neuland, ich muss da für mich selbst herausfinden, was ich machen kann, wie weit ich gehen kann.
Sind Sie vorsichtiger als früher? Versuchen Sie, bestimmte Sachen zu vermeiden?
Manche Sachen lassen sich derzeit nicht vermeiden. Bei der Geburtstagsfeier des Klubs letztens im Festzelt habe ich dann aber nur zehn Minuten ausgehalten. So etwas ist zu viel, Menschenmengen müssen auch nicht unbedingt sein. Die Spiele waren auch unterschiedlich. In der O2 World ist es viel angenehmer als in einer kleine Halle. Die meisten Probleme machen sich erst später bemerkbar, während des Spiels übernimmt dein Adrenalin, aber so bald das Spiel vorbei ist, da merke ich solche Dinge sehr schnell.
Befinden Sie sich gerade im schwierigsten Teil Ihres Berufslebens?
Meine Situation ist zumindest anders als die von jedem, der die Probleme nicht hat. Aber Manager Peter John Lee und mich verbindet ein sehr gutes Verhältnis, der schaut mich ab und zu an und sagt: „Es ist gut, geh’ nach Hause, du hast genug.“ In sechs Wochen ist es zweimal vorgekommen, dass ich einen Nachmittag Pause machen musste. Ich muss mir einfach alles neu einteilen und schauen, wie ich am besten zurecht komme.
Hatten Sie irgendwann Zweifel, dass Sie die Rückkehr in den Sport schaffen könnten?
Es gab Phasen, in denen ich nicht wusste, wie es weitergehen soll. In denen ich gedacht habe, ich kann nie wieder irgendwas arbeiten. Für die Leute um dich herum ist das auch nicht einfach. Du sitzt rum, fängst an, schlecht gelaunt zu sein oder die Dinge extrem negativ zu sehen. Die Hilfe meiner Familie war extrem wichtig, um das aufzufangen. Ich bin immer noch an einem Punkt, dass jeden Tag etwas passieren kann, was mich ein bisschen zurückwirft, weil es immer wieder was Neues gibt, von dem ich gar nicht weiß, wie ich darauf reagiere. Jeden Tag ist ein kleines Fragezeichen dabei.
Verschwindet das irgendwann?
Das Level, auf dem ich jetzt bin, ist das Level, auf dem ich bleiben sollte. Ich muss nur dafür sorgen, dass es nicht schlechter wird. Die andere Sache ist bei dieser Verletzung, dass mir niemand sagen kann, wie es mir in zehn Jahren geht. Ich habe nun mal bleibende Hirnschäden davongetragen.
Haben Sie überhaupt noch Lust, drüber zu reden?
Auf der einen Seite will ich das nicht, weil einen das immer erinnert an die Einschränkungen, das ist nicht so schön. Auf der anderen Seite ist es ein Thema, über das immer noch viel mehr gesprochen werden muss, als es bis jetzt der Fall ist. Um Kinder und Jugendliche besser zu schützen davor, dass sie sich selber in diese Gefahr begeben. Die Aufklärungsarbeit, was diese Verletzung angeht, in anderen Ländern viel viel weiter ist als bei uns in Deutschland.
Wie steht es denn um das Bewusstsein bezüglich Gehirnerschütterungen?
Ich habe Berichte von deutschen Ärzten gelesen, die behaupten, diese Verletzung gäbe es nur in Deutschland, weil man davon finanziell profitiert aufgrund der Berufsgenossenschaft. Abgesehen davon, dass wir gern mal ausrechnen können, was ich vertraglich verloren habe: Wenn man überlegt, was ich durchmache, da soll mir bitte keiner erzählen, dass das etwas ist, dass man sich einbildet, um davon profitieren zu können. Das Problem ist, dass es eine Verletzung ist, die unglaublich schwer zu diagnostizieren ist.
Immerhin gibt es in der DEL schon Tests, die die Spieler schützen sollen.
Das ist ein Schritt, der aber noch viel wichtiger wäre im Nachwuchsbereich. Das ist kein großer Aufwand und es ist auch nicht so teuer.
Können Sie bei den Profis eine veränderte Wahrnehmung für Gehirnerschütterungen feststellen?
Ich habe nicht das Gefühl, dass der Respekt auf dem Eis ein anderer ist. Der ist nicht größer geworden. Weil es dir sowieso keiner glaubt, was Gehirnerschütterungen bedeuten können, bis er es selbst erlebt hat.
Herr Ustorf, als Spieler haben Sie eine Weile gebraucht, um den ersten Titel zu holen.
Das war 2005 in Berlin mit den Eisbären, 14 Jahre hat es gedauert bis dahin.
Geht es als Sportlicher Leiter schneller?
Wenn ich als Sportlicher Leiter 14 Jahre keinen Titel hole, weiß ich nicht, ob ich den Job noch habe.


