Seine Miene hatte sich deutlich aufgehellt im Vergleich zu den Tagen zuvor. Überbewerten wollte Peter John Lee den Umstand, der dazu geführt hat, aber nicht. In Schwenningen gewann der EHC Eisbären 5:3 – als Meister der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) beim Neuling. Wen, fragt Lee nebenbei, solle er damit beeindrucken?
Trotzdem fühlt es sich gut an, auswärts läuft es schließlich so mies für den Titelverteidiger, dass er bis zu diesem Sieg noch das schwächste Team der Liga in dieser Statistik war. Das ist vorerst vorbei, genau wie nach 26 Spielen auch die Hälfte der Hauptrunde.
Zeit, vor der Partie am Dienstag gegen Tabellenführer Köln (19.30 Uhr, O2 World) ein Zwischenfazit zu ziehen. Platz neun ist ein harter Fakt, acht Punkte Rückstand auf Rang sechs, der direkt in das Play-off-Viertelfinale führt, ebenso. „Wir sind nicht zufrieden“, sagt Trainer Jeff Tomlinson. Wie konnte es dazu kommen und wohin kann der Weg der Eisbären führen?
Kader
Hier gab es lange Zeit ein gravierendes Problem: Es fehlte an Tiefe. Weil vermehrt junge Spieler ausprobiert wurden und weil Verletzungen den Kader über weite Strecken dezimierten. „Das hat uns wehgetan“, sagt Tomlinson. Viel schwerer wog jedoch, dass viele Spieler weit von ihrer Form entfernt waren. Tomlinson musste als neuer Trainer den Mangel verwalten, was zur größten Niederlagenserie der vergangenen sieben Jahre führte mit fünf sieglosen Partien am Stück.
Mit der Verpflichtung von Mark Bell, der späten Rückkehr von Mark Foy und Constantin Braun trat hier eine deutliche Besserung ein. „Ich habe jetzt eine Wahl, der interne Druck in unserer Mannschaft ist gestiegen“, erzählt Tomlinson. Dennoch gibt es zu viele Spieler, die ihr Niveau nicht oder zu wenig konstant erreichen. In diesem Ausmaß, so Lee, habe er das noch nicht erlebt bei den Eisbären.
Einstellung
Die sportliche Führung haderte lange mit den Gegebenheiten. Es fühlte sich an, als könnte Tomlinson sagen, was er wollte, es kam nicht an bei den Profis. Mit jedem Titel steigerte sich das Selbstverständnis der Spieler, die nach zuletzt drei Meisterschaften in Folge nicht zu merken schienen, dass harte Arbeit weiter der wichtigste Bestandteil des Spiels ist.
Dadurch zeigten die Berliner in vielen Spielen weniger Biss, Willen und Leidenschaft als die Gegner – das wirkte als einer der Faktoren, die Punkte kosteten. Erst die schmerzliche Ankunft auf dem letzten Platz weckte alle auf. Seither klagt der Trainer nicht mehr darüber. „Die Einstellung stimmt eigentlich, darüber können wir uns nicht beschweren“, so Tomlinson.
Spielweise
Darüber muss beim EHC niemand lange nachdenken: Offensive ist die Devise. Doch die Torfabrik der Liga hat die Produktion runtergefahren. Zu viele Spieler treffen nicht wie gewohnt. Florian Busch hat zwei, Darin Olver vier Treffer auf dem Konto – als Erstreihenspieler. „Das ist Kopfsache, der Druck ist hoch bei den Eisbären. Wenn es dann nicht klappt, wird es immer schwerer“, sagt der Trainer. In der Folge muss sich der EHC jedes Tor sehr hart erarbeiten.
Tomlinson: „Das passt eigentlich nicht zu unserem Talent und auch nicht dazu, wie die Mannschaft zusammengestellt ist.“ Nämlich offensiv. Das führt nun zu einer kuriosen Situation. Tomlinson war angetreten, um die doch launige Defensive der Eisbären zu verbessern. Das ist ihm zwar gelungen, doch wegen der gesunkenen Offensivquote besteht ein Missverhältnis. Deshalb ruft der Coach nun den Paradigmenwechsel aus: „Unser Ziel muss es sein, noch besser zu verteidigen, damit unsere wenigen eigenen Treffer zum Sieg reichen.“
Doch selbst das wäre nicht immer genug, viermal blieb der EHC sogar ohne Treffer, so oft wie nie in den vergangenen Jahren. Bezeichnenderweise waren alle torlosen Partien auswärts. „Dort müssen wir uns steigern“, sagt Lee und nennt ein besseres Überzahlspiel, das wie die Auswärtsbilanz zu den schwächsten der Liga zählt, als möglichen Schlüssel dafür.
Konkurrenz
Die anderen machen es den Berlinern schwer, die ersten Sechs scheinen sehr gefestigt und halten den Abstand konstant. Außerdem sind alle gewillt, die Berliner Titelhausse endlich zu beenden. „Wir haben nicht das Glück, dass uns einer unterschätzt“, sagt Tomlinson. Zudem sind die Gegner gut eingestellt, wollen sich die Eisbären durchsetzen, dürfen sie sich in einem Spiel nicht viele Aussetzer leisten.
Aussicht
„Wir haben viele Lektionen erhalten und unter unserem Potenzial gespielt“, sagt Lee. Aber: „Das Ziel bleibt die Meisterschaft.“ Ob das erreicht wird, spielt jetzt keine Rolle, zuvorderst soll das Viertelfinale ohne den Umweg Pre-Play-off geschafft werden. „Dazu müssen wir in der zweiten Hälfte der Hauptrunde eine der besten Mannschaften der Liga sein und zwar nicht nur auf dem Papier“, fordert der Trainer. Mut macht ihm, dass bis auf Köln bislang jede Topmannschaft geschlagen werden konnte.
Tomlinson ist auch klar, dass Glück benötigt wird – und dass die Auftritte auswärts auf das Niveau der Heimspiele gehoben werden müssen, wollen die Berliner eine realistische Chance haben, den Rückstand auf Rang sechs aufzuholen. „Wir sind nicht dort, wo wir sein wollen, aber wir haben uns gesteigert und ich denke, wir können diesen Weg weitergehen“, sagt der Trainer. Ein Sieg gegen Köln wäre ein guter Anfang für die zweite Saisonhälfte.





