Eishockey

Bei den Eisbären ist die Schmerzgrenze erreicht

Den Eisbären mangelt es an Tiefe in der Offensive, doch Manager Lee zögert noch mit Nachbesserungen. Er könnte auf jeden Fall wieder etwas mehr Transferglück gebrauchen als zuletzt.

Foto: Oliver Mehlis / dpa

Es bleibt mühsam, das ungern gehörte Wort von der Krise lässt sich einfach nicht vertreiben. Ein Schritt vor, einer zurück. Hoffnung keimt immer wieder auf, dreimal in Folge war das jetzt so, sie wird nur jedes Mal umgehend abgewürgt. Ein Spiel gewonnen, eins verloren. So kommt man in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) nicht voran, wenn man zuvor in Serie verloren hat. 13 Spiele und damit ein Viertel der Hauptrunde sind absolviert, doch es gelingt dem EHC Eisbären nicht, seine Probleme zu überwinden. Der Tabellenkeller wird zum Stammrevier des Titelverteidigers und Rekordmeisters.

In München (3:5) fühlte es sich gerade so an, als würden die Berliner sich weiter nach oben orientieren können. Doch die Mannschaft zeigte zwei Gesichter, erst ein aggressives, spielfreudiges, dann ein verunsichertes, dann wieder das vom Anfang. „Das ist im Moment eine mental fragile Mannschaft“, sagte Trainer Jeff Tomlinson. Aus einem 2:0 wurde ein 2:4. Die Mannschaft überlegte wohl, wie sie nach furiosem Start den Vorsprung verteidigen könnte und entschied sich für den Rückzug, und dazu noch Zaghaftigkeit. „Aber die beste Verteidigung ist, einfach so wie vorher weiterzuspielen“, so Tomlinson. Für ihn liegt der wunde Punkt im Fokus: Sich über ein ganzes Spiel gleichmäßig auf ihre Aufgaben zu konzentrieren, schafft die Mannschaft derzeit nicht.

Aufgegeben hat Tomlinson seine Überzeugung aber noch nicht, ein paar Siege in Folge, dann sieht alles viel freundlicher aus. „Das ist möglich – wenn wir gesund sind“, sagt der 43-Jährige. In München fehlten drei Verteidiger und am Ende zwei Stürmer. Beruhigen wird sich die Lage in der Abwehr, zwei Verteidiger kehren zurück am Wochenende. Vorn ist es nicht ganz so einfach. Das hat mit der Transferpolitik zu tun.

Zuletzt nur Durchgangsspieler verpflichtet

In der Defensive muss sich Manager Peter John Lee nichts vorwerfen lassen, dort stimmen die Mischung und die Qualität. Mit Casey Borer kam einer der besten DEL-Verteidiger der Vorsaison nach Berlin, Shawn Lalonde als junger Profi übererfüllt die Erwartungen sogar. Anders in der Offensive, dort tat sich der Manager in den vergangenen beiden Sommern nicht durch Glücksgriffe hervor. Die beiden NHL-Profis Claude Giroux und Daniel Briere ausgenommen, die während des Lockouts zwischenzeitlich in Berlin waren, sie kaschierten das eigentliche Qualitätsproblem nur. Zwei der drei Stürmer, die in der Vorsaison noch zum EHC kamen, sind längst wieder weg. Matt Foy wiederum hat bisher verletzungsbedingt kein Spiel absolviert. Neu dazugekommen ist jetzt nur Kris Sparre, dessen Potenzial auf Weiterverpflichtung über die Saison hinaus eher gering einzustufen ist.

Als Lee 2011 Barry Tallackson, Darin Olver und Julian Talbot holte, schlugen alle drei sofort ein. Damals standen auch Stefan Ustorf, Denis Pederson und Sven Felski noch im Kader, Talbot war einer für die dritte Reihe, Felski musste oft in der vierten ran. Der Kader hatte beeindruckende Tiefe. Was später weggebrochen ist, wurde seither nicht adäquat im Sinne des bei den Berlinern üblichen langfristigen Konzepts ersetzt. „Im Moment ist die Konkurrenz bei uns nicht besonders hoch“, sagt Lee zum Angriff. Auch länger anwesende Spieler wie Mads Christensen genügen den Ansprüchen nicht, andere wie Vincent Schlenker stagnieren trotz mehr Eiszeit. Allein an der aktuellen Situation des Teams dürfte das nicht liegen. Viel mehr leidet das Team unter dem Mangel an starken Akteuren in den hinteren Reihen.

Andere Mannschaften sind besser aufgestellt

Natürlich weiß der Manager, dass seine Mannschaft früher besser aufgestellt war. Und dass die Konkurrenz es derzeit ist. „Wir können nicht nach jedem Titel zehn Prozent mehr Geld ausgeben“, sagt er. Mit anderen Worten: Lee muss immer sehen, wie er sparen kann. Es besteht ein Kostendruck seitens der Anschutz-Gruppe, dem EHC-Besitzer. Angesichts der jährlichen Anhäufung von Millionen-Minusbeträgen ist das verständlich. Doch offenbar scheint die Schmerzgrenze erreicht, die Einsparungen korrespondieren nicht mehr mit dem Ziel, das Niveau halten zu können. Da nun mehr Teams wie München mit der Unterstützung von Red Bull viel Geld ausgeben, fällt das besonders auf.

Über die Jahre hat Lee darauf gesetzt, einen großen Kern von Spielern zu halten. Mit einer Konsequenz: „Die bekommen etwas mehr Geld. Für andere Spieler ist nicht mehr das gleiche Geld da wie früher.“ Im Angriff wirkt sich das auf die Trefferquote aus, die so schlecht ist wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Lee denkt, dass mit der Rückkehr von Foy in den nächsten Wochen die dritte Reihe aufgewertet wird. Ob das genügt, ist fraglich. Die Option einer Neuverpflichtung immerhin besteht. Doch Lee zögert: „Ich glaube nicht, dass ein Torjäger auf einmal alles verändert.“ Impulse aber könnte er geben, die jetzt fehlen.

Ausgereizt, das sagt Lee auch, ist das Budget des EHC noch nicht. Was er für den Rest bekommt oder ob die Situation dazu führt, den Etat überziehen zu dürfen, wird eine spannende Frage. Es erscheint jedenfalls erforderlich, bei den Offensivtransfers wieder mehr Geschick zu zeigen, um nicht dauerhaft im Tabellenkeller zu campieren.