Am Freitag startet die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) in ihre 20 Saison. Für Jeff Tomlinson, 43, wird es die erste als Cheftrainer des EHC Eisbären. Der Deutsch-Kanadier muss sich darauf einstellen, viel an seinem Vorgänger Don Jackson gemessen zu werden, der mit den Berlinern fünf Titel in sechs Jahren gewann. Marcel Stein sprach mit Tomlinson über Erwartungen, Trainermentalitäten und die Nähe zu Spielern.

Berliner Morgenpost: Herr Tomlinson, mögen Sie Schwierigkeiten?

Jeff Tomlinson: Eigentlich nicht, aber die gibt es im Sport und im Leben jeden Tag. Ich bin kein Typ, der dem aus dem Weg geht, doch Harmonie ist mir lieber.

Ihren Job bei den Eisbären würden viele als eher schwierig beschreiben. Der Verein ist Titelverteidiger, jetzt kommt ein neuer Trainer. Die Chance, etwas zu verlieren, erscheint größer als die, etwas zu gewinnen.

Wahnsinn, ja (ironisch). Ich sehe das anders, und zwar wie jeden anderen Job auch. Für mich spielt es keine Rolle, ob die Eisbären Meister sind, für mich sind sie Vierter in der Hauptrunde geworden. Da gibt es schon Steigerungspotenzial.

Versuchen Sie gerade, Druck oder Erwartungen nicht an sich heranzulassen?

Wissen Sie, ich habe schon Hass-Briefe bekommen, als ich Trainer in Düsseldorf war. Die Briefe wurden in der Kabine unter der Tür durchgeschoben. Fans sind mit dem Herzen dabei, ich verstehe das. Aber es sind die gleichen, die jubeln, wenn wir gewinnen. Deshalb bedrückt mich das nicht, ich denke nicht daran, ob man mich mag oder nicht.

Also gehen Sie diese exponierte Aufgabe ganz ruhig an?

Ich habe gelernt, mit vielen Dingen umzugehen. Der Druck, den ich spüre, ist der, dass ich früh in meinem Büro sein möchte, um mit den Spielern zu reden. Ich will jeden Tag so viele Profis wie möglich treffen und ihnen zeigen, was für sie möglich ist. Außerdem bin ich nicht allein in diesem Boot, das Trainerteam, die Spieler, der Manager – jeder ist für den Erfolg verantwortlich.

Wenn der Misserfolg kommt, stehen Trainer trotzdem meist allein da.

Das stimmt, und ich mag das nicht.

Warum machen Sie diese Arbeit dann?

Ich mag den Wettkampf, ich mag es, in einem Team zu arbeiten. Leute, die nie in einem Team waren, die haben etwas verpasst. Deshalb ist das für meine Kinder auch eine Pflicht, sie müssen neben der Schule etwas machen, wo sie etwas mit anderen unternehmen, wo sie gezwungen sind zu kommunizieren. Meine Kinder haben Fußball gespielt, mein älterer Sohn macht auch Seilspringen in der Mannschaft, der andere spielt in einem Orchester. Für mich ist das ganz wichtig, denn ich bin ein Teamplayer.

Hinter den Eisbären liegen neun Jahre mit sieben Meisterschaften. Diese Serie wird nicht ewig halten. Welchen Reiz kann der Trainerposten hier für Sie haben?

Ob die Serie hält oder nicht, das ist nicht mein Fokus, sondern die kleinen Schritte, die wir machen wollen. Mir geht es einfach um diese Chance hier, jemand musste diesen Job übernehmen. Und wir haben doch wirklich so viel zu tun.

Das überrascht bei einer Mannschaft, die ständig Meister wird.

Sie haben sechs Jahre lang etwas sehr erfolgreich gemacht. Dadurch wird es natürlich schwierig, dort anzusetzen. Doch wir verändern jetzt etwa die Unterzahl und die Abdeckung der defensiven Zone komplett. Wir müssen es den Spielern aber gut verkaufen, warum wir künftig mit einem neuen Stil auftreten wollen.

Wie machen Sie das?

Wir können auf die Statistik gucken, mit der Unterzahl können die Eisbären nicht zufrieden gewesen sein. Auch nicht mit den vielen Gegentoren.

In der Vorbereitung sah es nicht besser aus.

Es gibt Baustellen, die defensive Verantwortung muss größer werden.

Herr Tomlinson, mit einigen Profis standen Sie als Eisbären-Spieler einst selbst noch auf dem Eis. Wie schwierig wird es, den Spagat zwischen Respektsperson und freundschaftlichem Verhältnis zu vollbringen?

Schauen sie sich Fußballtrainer Jürgen Klopp an, der jubelt mit seinen Spielern, er knutscht sie, drückt sie. So extrem bin ich nicht, aber natürlich habe ich ein gutes Verhältnis zu vielen Spielern. Mich interessiert, wie es ihrer Frau geht, ich will sie kennenlernen, mit ihnen quatschen. Die menschliche Ebene ist mir wichtig. Was nicht heißt, dass ich nicht ab und zu dazwischen hauen kann.

Sie sind mal Klopp und mal Felix Magath?

Zu 80 Prozent bin ich der nette Typ wie Klopp, der Spielertrainer, zu 20 Prozent aber auch das Arschloch. Ich kann böse sein. Die Spieler entscheiden, welchen Menschen sie sehen. Diese zwei Seiten gab es schon immer in mir, ich bin als Spieler zu den Kollegen gegangen, wenn etwas nicht gut war. Das gehört zu mir.

Was finden Sie an Klopp gut?

Seine Art, mit Spielern umzugehen, gefällt mir. Ich bin kein Fan davon, dauernd auf Disziplin zu achten, ich will keine Runden laufen lassen, wenn wir verloren haben. Das ging früher, und es hat niemanden gestört. Ich habe in dieser Ära gespielt, die Trainer haben uns zur Sau gemacht, dort wurden Dinge durch die Gegend geworfen. Das war übel. Heute funktioniert das nicht mehr, die Spieler haben sich verändert, sie sind sensibel. Mit denen musst du reden können, du musst ihnen ein gutes Gefühl geben.

Brauchen Trainer ein feineres Gespür für ihre Spieler als früher?

Man muss schon gut dosieren, wen man wie anfasst.

Glauben Sie, dass manche Spieler es vor 20 Jahren schwerer gehabt hätten als Profi?

Bei manchen Trainern auf jeden Fall. Aber von dieser alten Schule gibt es immer weniger Coaches. Und die haben es nicht mehr einfach. Profis können in mehr Ländern spielen als früher. Immer mehr schauen sich zuerst an, welcher Trainer verantwortlich ist. Klubs mit harten Hunden müssen dann manchmal viel mehr Gehalt bezahlen als andere.

Da haben die Eisbären mit Ihnen ja Glück. Welches Ziel formuliert der Spielertrainer denn für diese Saison?

Es wäre unpassend, von weniger als der Meisterschaft zu reden. Trotzdem fokussiere ich mich auf die kleinen Schritte und verfolge kurzfristige Ziele.