Er gibt Gas, und zwar kräftig. Jeden Tag. Zumindest so lange, wie es das Wetter zulässt. Denn bald schon wird es keinen richtigen Spaß mehr machen auf seiner dicken Harley Davidson. Wenn der Herbst kommt, bleibt das Motorrad von Daniel Weiß stehen.

Sein Bruder profitierte vom Wechsel

Er selbst kennt das auch. Stehenbleiben, einfach nicht vorankommen. Immer wenn der Herbst beginnt und die Eishockeysaison in der DEL losgeht. Weiß gilt als talentierter Spieler, viel begabter sogar als der große Bruder Alexander, der im Angriff der Kölner Haie einen festen Platz hat. Beim Meister EHC Eisbären muss sich der 23-jährige Stürmer jetzt zwar nicht hinten anstellen, aber er muss Gas geben und seine Chance nutzen. Es könnte die letzte sein in Berlin.

Die Umstände sind günstig. „Als ich gehört habe, dass Jeff Tomlinson der Trainer wird, habe ich mich gefreut“, sagt Weiß. Beim letzten Trainer der Eisbären, die am Freitag in der European Trophy gegen die Hamburg Freezers spielten, hatte er kein Glück. „Unter Donnie war es nicht leicht für mich“, sagt Weiß. Warum Don Jackson nicht viel von ihm hielt, hat er nie herausgefunden. Zwar gewann Weiß mit den Eisbären vier Meistertitel, aber sein Beitrag blieb bescheiden.

Wegen Tomlinson ging er nach Nürnberg

Als vergangene Saison die NHL-Stars Daniel Briere und Claude Giroux nach Berlin kamen, hatte Jackson gar keine Verwendung mehr für den Stürmer aus der vierten Reihe. Nürnberg zeigte Interesse, weil der Trainer dort Tomlinson war. Als langjähriger Berliner kannte Tomlinson Weiß gut, der Spieler wurde ausgeliehen. Es hätte ein Sprungbrett sein können, schließlich blühte sein Bruder Alexander (26) auch auf, als er die Berliner 2011 verließ. „Doch drei Wochen später wurde Jeff entlassen“, sagt Weiß. Der Rest der Saison verlief nicht befriedigend.

Nun treffen sich beide wieder, ungeplant. Weiß’ Rückkehr war nicht sicher, erst als Jackson sich gegen den EHC entschied, wurde sie Realität. Tomlinsons Verpflichtung erfolgte danach. Er sieht in dem Spieler mehr als Jackson: „Daniel hat sein Potenzial nie abgerufen.“ Weiß fühlt sich anerkannt. „Wenn ich hart arbeite, kann ich in der dritten Reihe spielen“, sagt er. Bislang lag sein Zuständigkeitsbereich vor allem darin, in Unterzahl zu agieren und den Mannschaftskollegen mit dem vierten Sturm Entlastung zu verschaffen. Seine Entwicklung soll nun wieder Fortschritte verzeichnen. „Ich möchte auch mal etwas Produktives machen“, sagt Weiß. Er möchte etwas beitragen, nicht nur ein Talent sein.

Im Kopf schon ein Stück weiter als sein Trainer

Die Veränderungen kann er spüren. Er hat viel mehr Eiszeit: „Ich merke nach dem Spiel, dass ich gespielt habe. Es schlaucht mehr.“ Allerdings ist er im Kopf schon weiter als der Trainer. „Daniel möchte ein offensiver Spieler sein, darin habe ich ihn gebremst“, sagt Tomlinson. Er soll weiter ein wichtiger Teil im Unterzahlspiel sein, er soll Schüsse blocken, Bullys gewinnen, gegen die Topreihen des Gegners spielen. Also eher den defensiven Part übernehmen.

Tomlinson findet das wichtig. Punktesammler gibt es genug bei den Eisbären. Weiß verfügt über die entsprechenden Anlagen. „Aber erst einmal muss er sich etablieren, und zwar als guter defensiver Spieler, als harter Hund“, sagt der Trainer, der in den vergangenen Jahren bei Weiß Identitätsprobleme ausgemacht hat. Tomlinson ist prädestiniert, da zu helfen. Er selbst kam einst als Punktesammler zu den Eisbären. „Dann musste ich mich neu erfinden, um Eiszeit zu bekommen. Das muss Daniel auch“, so der Deutsch-Kanadier. Die Zielvorgabe ist dabei relativ simpel: Kein Gegenspieler soll gern gegen Weiß spielen wollen.

Innerhalb eines Jahres muss es klappen

Wenn der Stürmer die Ratschläge beherzigt, glaubt der Trainer, wird er irgendwann auch offensiv reüssieren können. Ein gutes Jahr bleibt ihm, um zu lernen, bis zum Saisonende läuft der Vertrag. Die Erfahrung in Nürnberg motiviert zusätzlich. „Ich habe jetzt auch mal etwas anderes gesehen und weiß, wie gut es bei den Eisbären ist“, sagt Daniel Weiß. Er will endlich vorwärtskommen, nicht nur auf dem Motorrad, sondern in seinem Beruf.