Eishockey-Play-off

Eisbären sind noch auf der Suche nach ihrer Balance

Ihren Kampfgeist haben die Berliner im ersten Viertelfinalspiel gegen die Hamburg Freezers bewiesen. Im zweiten Duell am Freitag in Hamburg will der Titelverteidiger aber ausgeglichener auftreten

Foto: Hannibal Hanschke / dpa

Die Eindrücke waren auch am nächsten Morgen noch sehr präsent. Ryan Caldwell konnte sich nicht wirklich an Spiele mit seiner Beteiligung erinnern, die einen solchen Verlauf genommen hatten. „Emotional ging das hoch und runter“, sagt der Verteidiger des EHC Eisbären. Erst seit ein paar Wochen beschäftigen ihn die Berliner, wäre er länger dabei, hätte er schon andere Eindrücke sammeln können. In der EHC-Historie in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) finden sich einige Beispiele. „Du denkst immer, wir haben alles schon mal erlebt“, sagt Manager Peter John Lee, „aber dann kommt doch wieder etwas Neues. Langweilig sind wir nicht.“ Nein, wirklich nicht.

Vier Tore, das ist schon eine Menge. Wer mit so vielen Treffern zurückliegt, der hat ein Problem, der hat viel falsch gemacht und kaum eine Aussicht, das zu korrigieren. Wer dann am Ende noch 6:5 gewinnt, so wie die Berliner im ersten Viertelfinalspiel gegen die Hamburg Freezers, der hat auch Überragendes geleistet, gezeigt, was in ihm steckt. „So ein Spiel zu gewinnen, gibt dir ein gutes Gefühl“, sagt Caldwell. Ein bisschen in die Richtung, trotz aller Widrigkeiten doch unbezwingbar zu sein. Für den Moment wenigstens.

Aber das kann sehr wichtig sein, das Selbstvertrauen erfährt in solchen Spielen eine enorme Stärkung. Alles schien sich zunächst gegen die Berliner verschworen zu haben. Da lief ein großer Teil der Fans davon, weil sie gegen die Erhöhung der Dauerkartenpreise und den Umgang mit ihnen protestierten. „Das ist schon komisch, da fehlt dir ein Teil der Energie“, sagt Stürmer Mads Christensen. Dann wollte keine einzige Bewegung, die die Profis sonst im Schlaf beherrschen, gelingen. Eisbären am Ende.

Charakter ist vorhanden

Oder am Anfang. „Wir mussten uns beruhigen“, sagt Christensen zu den Vorgängen in der Kabine während der ersten Pause. Und vielleicht daran erinnern, dass Wolfsburg gegen die Berliner gerade erst auch vier Tore aufgeholt hatte. Da aber gewann der, der führte. Die Eisbären gönnten dies den Freezers nicht. „Du brauchst großen Charakter von jedem, für so etwas“, erzählt der Däne, der selbst einen Treffer zur grandiosen Aufholjagd beisteuerte: „Keiner bei uns akzeptiert es zu verlieren.“ Das Comeback erinnerte ihn an die Eisbären, die er in den beiden Jahren zuvor kennengelernt hatte, als er mit ihnen die Meisterschaften Nummer fünf und sechs gewann.

Es dürfte der Mannschaft gut tun zu wissen, dass sie solche Eigenschaften, die in der Hauptrunde nicht oft zu bemerken waren, abrufen kann, wenn es notwendig ist. Sie zeigte wilde Entschlossenheit ab dem zweiten Drittel, spielte schneller, härter, schoss mehr aufs Tor. Das alles zusammen nahm den Freezers die Luft, sie waren nicht mehr in der Lage zu reagieren. Das könnte auch in die Psychologie der Serie hineinspielen. „Das war eine sehr schmerzhafte Niederlage für sie“, sagt Caldwell.

Hamburg gibt sich wortgewaltig

Die Serie allerdings ist noch lang, vier Siege sind notwendig. Das bietet auch Zeit, sich von negativen Dingen zu befreien. Selbstbewusstsein demonstrieren die Hamburger jedenfalls noch reichlich. „Wenn wir unsere Fehler abstellen, bin ich mir sicher, dass Berlin in der Serie gar kein Land mehr gegen uns sieht“, tönt Freezers-Kapitän Christoph Schubert vor der zweiten Partie am Freitag in Hamburg. So drastisch geben sich die Eisbären nicht in ihren Ansagen. Damit, dass die Freezers jetzt nicht aufgeben, rechnen sie. „Sie wollen uns vielleicht noch mehr schlagen als zuvor“, sagt Mads Christensen. Für ihn und seinen Kollegen ist aber nur wichtig, dass die Eisbären mehr Balance in ihre Auftritte bringen und nicht noch einmal so spielen wie am Mittwoch. Also in den ersten 20 Minuten.