Sie machen immer viel zusammen seit Mitte März. Gemeinsam Frühstück essen vor dem Training, gemeinsam Mittag essen danach. Dazu sind die Spieler des EHC Eisbären viel unterwegs, wenn das Play-off in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) beginnt.
Dieses nahe Beieinandersein soll das Team eng zusammenbringen, weil das wichtig ist, wenn man gewinnen will. Gefunden haben Berliner die richtige Formel für den Erfolg auch. Zum Auftakt des Viertelfinals gegen die Hamburg Freezers gab es am Mittwochabend ein 6:5 (0:4, 2:0, 3:1, 1:0 ). Es war ein denkwürdiger Start in die „Best of seven“-Serie, die am Freitag in Hamburg fortgesetzt wird.
Es ist der Kampf um den Titel, der da gerade begonnen hat. Um den Titel, den die Berliner in den vergangenen acht Jahren sechsmal gewonnen haben. In der O2 World war davon am Mittwoch allerdings nur wenig zu spüren. Der Klub und die Fans, diejenigen, die der Mannschaft den Rückhalt geben, die die Stimmung erzeugen, liegen über Kreuz.
Unablässige Pfiffe aus etlichen Trillerpfeifen
Mit ausbleibender Begeisterung rechnete die Geschäftsführung der Eisbären und ihr Besitzer, die Anschutz Entertainment Group, gewiss, als vor zwei Wochen die neue Preisgestaltung für Dauerkarten verkündet wurde. Wohl aber nicht mit dem, was dann passierte. Eine solche Aktion sucht ihresgleichen in der Geschichte der Berliner.
Hallensprecher Uwe Schumann hatte Mühe, bei der Teamvorstellung gegen die unablässigen Pfiffe aus etlichen Trillerpfeifen anzureden. Da war schon zu erahnen, dass es kein schöner Abend werden würde.
„Hütet euch vor Sturm und Wind und Eisbärenfans, die in Rage sind“, stand auf einem Plakat. Draußen waren zuvor Flyer verteilt worden, um die Proteste zu erklären. Es gab eine kleine Demonstration, dort wurde das Thema des Tages gesanglich verarbeitet: „Wir sind die Fans, die ihr nicht wollt.“ Das war die Strophe, die permanent erklang.
Unmut der Fans richtet sich nicht gegen Spieler
Es hat etwas Gespenstisches, wenn beim Einlaufen der Spieler die Namen, die sonst im Chor gebrüllt werden, nicht erklingen. Nur wer ganz genau hinhörte, konnte doch ein paar Rufer wahrnehmen. Aus den Teilen der Arena, in denen nicht der harte Kern sitzt. Wo meist nur mitgemacht wird, wenn aus der Stehplatz-Fankurve der Alarm kommt.
Dort aber verschwanden nach dem Pfeifkonzert fast alle mit Spielbeginn. Über der Kurve, auf dem großen Plakat der Fanklubs, hatten fast alle ihre Logos durchstreichen lassen. Sie wollten an diesem Tag nicht dazugehören.
Wichtig war ihnen zu betonen, dass sich das alles nicht gegen die Mannschaft richtet. „Der Unmut der Fans resultiert nicht nur aus der Tatsache der Preiserhöhungen, sondern daraus, dass man öffentlich erklärt hat, sie nicht mehr zu wollen, um ihre Plätze im Tagesticketverkauf zu höheren Ticketpreisen verkaufen können“, hieß es in einer Mitteilung.
Teilweise drastisch sollen die Preis für die Dauerkarten angezogen werden. Gut 4000 Dauerkartenbesitzer gibt es in dieser Saison. Etwa 3000 schlossen sich dem Protest an und schauten sich das Spiel nicht an. Weil sie sich nicht mehr erwünscht fühlen.
Eisbären in einem kollektiven Schockzustand
An der Mannschaft ging das offenbar nicht spurlos vorbei. Während sich die Fankurve fast vollständig leerte, liefen den Spieler wie verirrte Hühner durch die Gegend. Hamburg nahm das gern an, traf zweimal durch Garrett Festerling (3.) und Eric Schneider (4.).
Dann wurde es still in der Arena. Diejenigen, die geblieben war, sahen fassungslos mit an, dass die Eisbären in einen kollektiven Schockzustand verfallen waren, der auch Torhüter Rob Zepp erfasste. Nach Treffern von Julian Jakobsen (13.) und Thoams Dolak (15.) stand es zum Ende des ersten Drittels 0:4. Fast war zu vermuten, dass weitere EHC-Anhänger auf den Rest des Spiels verzichten würden.
Die meisten blieben aber, und sie versuchten, wenigstens etwas für Stimmung zu sorgen und die Partie für die wenigen Freezers-Fans nicht zum Heimspiel werden zu lassen. Die Mannschaft unterstützte sie dabei, fing sich und entwickelte plötzlich Druck. Nach dem schnellen ersten Treffer durch Julian Talbot (21.) dauerte es zwar noch eine Weile, bis Darin Olver das zweite Tor gelang (40.).
Doch die Eisbären hatten die Freezers unablässig vor sich hergetrieben. Das hohe Tempo kostete die Hamburger zu viel Kraft, und die Berliner schlugen immer wieder zu. Erst verkürzte Travis Mulock auf 3:4 (44.), dann glich Mads Christensen aus (47.) und Jens Baxmann brachte den EHC schließlich in Führung (48.). Alles war sehr aufregend, das Spiel hochemotional – und die Atmosphäre erinnerte nun wieder etwas an Play-off.
So wie zuvor die Freezers sahen nun die Berliner wie die Sieger aus. Eine doppelte Unterzahlsituation führte jedoch zum 5:5 durch Schneider (57.) und in die Verlängerung. Die dauerte dann noch einmal gut zehn Minuten, bis Travis Mulock den Siegtreffer erzielte. In der ersten Pause hatte Stürmer Florian Busch via TV noch gesagt, dass der 0:4-Rückstand nichts Beunruhigendes sei.
Er behielt Recht. Dass er auch sagte, dass die Fan-Aktion ihm egal sei, dürften vielen der abwesenden Anhänger aber ganz und gar nicht egal sein. Sehen werden sie ihn auch in Hamburg am Freitag nicht, denn die üblichen Fan-Busse sind bereits abgesagt. Der Protest ist noch nicht vorbei.





